Studien zur Anthroposophie

Michael Muschalle


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Michael Muschalle

Zum Wirklichkeitsbegriff Rudolf Steiners

(Stand 28.03.07)

Kapitel 7

Vorstellung und Wirklichkeitsrepräsentanz

Vielleicht gelingt es hinsichtlich der Abbildungsfrage einen zumindest vorläufigen Kompromiß zu erzielen durch die Berücksichtigung von expliziten Ausführungen Steiners zum Thema Abbildung von Wirklichkeit. Man könnte im Rekurs auf diese Ausführungen sagen: soweit im Erkenntnisprozeß Vorstellungen im Steinerschen Sinne einbezogen sind, enthält das aktuelle Erkennen auch abbildliche Momente. Dieses Erkennen wäre damit, soweit es solche Bestandteile enthält, stets eine Mischung von Abbildung und Rekomposition. Ferner: Die Vorstellungen selbst sind zunächst Wirklichkeitsbilder oder -repräsentanten im engeren Sinne, während die eigentlich faktische Wirklichkeit, der wir direkt wahrnehmend und denkend gegenüberstehen und sie dergestalt offenbaren, nicht als Bild verstanden werden kann, sondern ein Stück originäre Wirklichkeit selbst ist, deren Authentizität nicht zu steigern ist - dahinter gibt es keine andere "Wirklichkeit an sich" mehr, wie von Kant angenommen. Wir könnten lediglich sagen, daß diese Wirklichkeit an Tiefe gewinnen kann, je nach unserem Erkenntnisstand.

Rudolf Steiner hat zur Frage der Wirklichkeitsrepräsentanz auch im engeren Sinne Stellung bezogen. Als Repräsentant oder Bild von Wirklichkeit bezeichnet er die Vorstellung bzw. den individualisierten Begriff. "In dem Augenblicke, wo eine Wahrnehmung in meinem Beobachtungshorizonte auftaucht, betätigt sich durch mich auch das Denken. Ein Glied in meinem Gedankensysteme, eine bestimmte Intuition, ein Begriff verbindet sich mit der Wahrnehmung. Wenn dann die Wahrnehmung aus meinem Gesichtskreise verschwindet: was bleibt zurück? Meine Intuition mit der Beziehung auf die bestimmte Wahrnehmung, die sich im Momente des Wahrnehmens gebildet hat."60 Dieses Zurückbleibende enthält beide Hälften der Wirklichkeit - Wahrnehmliches und Begriffliches. Und wegen dieser Vollständigkeit läßt sich von ihr auch sagen, daß sie Wirklichkeit repräsentiere. "Die Vorstellung ist nichts anderes als eine auf eine bestimmte Wahrnehmung bezogene Intuition, ein Begriff, der einmal mit einer Wahrnehmung verknüpft war, und dem der Bezug auf diese Wahrnehmung geblieben ist. ... Die Vorstellung ist also ein individualisierter Begriff. Und nun ist es uns erklärlich, daß für uns die Dinge der Wirklichkeit durch Vorstellungen repräsentiert werden können. Die volle Wirklichkeit eines Dinges ergibt sich uns im Augenblicke der Beobachtung aus dem Zusammengehen von Begriff und Wahrnehmung. Der Begriff erhält durch eine Wahrnehmung eine individuelle Gestalt, einen Bezug zu dieser bestimmten Wahrnehmung. In dieser individuellen Gestalt, die den Bezug auf die Wahrnehmung als eine Eigentümlichkeit in sich trägt, lebt er in uns fort und bildet die Vorstellung des betreffenden Dinges."61 "Als Wahrnehmung und Begriff stellt sich uns die Wirklichkeit, als Vorstellung die subjektive Repräsentation dieser Wirklichkeit dar."62

Insoweit wir in unserem Erkennen auf mehr oder weniger Vertrautes stoßen, sind daran Vorstellungen beteiligt: "Treffen wir auf ein zweites Ding, mit dem sich derselbe Begriff verbindet, so erkennen wir es mit dem ersten als zu derselben Art gehörig; treffen wir dasselbe Ding ein zweites Mal wieder, so finden wir in unserem Begriffssysteme nicht nur überhaupt einen entsprechenden Begriff, sondern den individualisierten Begriff mit dem ihm eigentümlichen Bezug auf denselben Gegenstand, und wir erkennen den Gegenstand wieder."63 Die Summe individualisierter Begriffe eines Menschen nennt Steiner dessen "Erfahrung"64 und soweit wir auf unsere Erfahrung zurückgreifen stützen wir uns auf Repräsentationen von Wirklichkeit. Nun ist das Medium der Erfahrung die Erinnerung, so daß sich zweierlei sagen läßt: soweit wir uns auf Erfahrung im obigen Sinne stützen, greifen wir auf Erinnerungen, d.h. individualisierte Begriffe oder Wirklichkeitsrepräsentanten zurück. Und ferner: soweit uns anläßlich einer gewöhnlichen Erkenntnissituation etwas vertraut vorkommt, stützen wir uns ebenfalls auf unsere Erfahrung sprich: Erinnerung. Wenn wir demnach Vertrautes anschauen, blicken wir in gewisser Weise in die Vergangenheit, weil uns das Vertraute einstmals als individueller Begriff zur jetzt erinnerten Erfahrung geworden ist. Es sind also unsere eigenen Vor-Urteile, die uns im Vertrauten entgegentreten. Und diese Vor-Urteile repräsentieren vergangene Wirklichkeit.

Von dieser Erfahrung käßt sich nun weiter sagen: einerseits ist sie für uns notwendig, da sie es ist, die unserem Wirklichkeitsbild die entsprechende Stabilität und Kontinuität sichert. Die Erkenntnisgegenwart ruht gewissermaßen auf den Schultern der Vergangenheit und wollten wir uns von dieser Vergangenheit loslösen, wir würden jeden Boden unter den Füßen verlieren, müßten bei jeder Erkenntnis gewissermaßen am Nullpunkt neu beginnen, und zwar nicht am erkenntnistheoretischen Nullpunkt sondern am erkenntnisgenetischen und die Wirklichkeit kategorial erneut aufbauen - mit ungewissem Ausgang. Das wäre ein wenig hoffnungsvolles Unterfangen. Auf der anderen Seite führt das verzweifelte Festhalten an der Erfahrung unter Umständen dazu, daß sie uns in die Irre führt. Wollten wir um jeden Preis die Erfahrung der Vergangenheit gelten lassen, dann könnten wir ein bestehendes Wirklichkeitsbild nur bestätigen und kaum grundlegend revidieren. Eben dieser Sachverhalt ist von Thomas S. Kuhn sehr eingehend und begreiflich beschrieben worden. Die sicherheitspendende Beharrungstendenz der Vergangenheit verhindert geradezu, Wirklichkeit unter einem neuen und aussichtsreichen Gesichtspunkt zu sehen, so daß sich nach Kuhn regelrechte Erkenntniskämpfe abspielen zwischen alten und neuen Sichtweisen. Der Weg vom vertrauten Alten zum Neuen führt durch eine Phase der Instabilität, führt durch Revolutionen.

Wenn wir diesen Gesichtspunkt auf die Frage anwenden, ob und wieweit die im Erkennen entstehende Wirklichkeit Wirklichkeitsbild ist, so müssen wir wohl zugestehen, daß die aktuelle Erkenntnis eine vergangenheitsbasierte Wirklichkeitsschöpfung ist. Sie ist zum weit überwiegenden Teil Bild, insoweit unsere Vorerfahrung sinnvollerweise einbezogen wird und auch notwendig einbezogen werden muß, wenn es Hoffnung auf Erfolg geben soll. Das konkret ausgeübte Erkennen ist umso aussichtsreicher, je erfahrungshaltiger es ist, d.h. je mehr Wirklichkeitsrepräsentationen darin mitwirken. Und das heißt auch, daß beide Seiten der Wirklichkeit, ihre sinnliche und ihre begriffliche Seite gleichermaßen einbezogen sein müssen. Nun stützen wir uns in unserer faktischen gegenständlichen Erkenntnis nicht ausschließlich auf reine, sinnlichkeitsfreie Begriffe und ein überwiegend begriffslogisch orientiertes Denken, sondern - wenn wir gut beraten sind - auf möglichst wirklichkeitshaltige und wirklichkeitsdurchtränkte Begriffe - das sind bewegliche Vorstellungen - und ein entsprechend tatsachenlogisch orientiertes Denken. Vorstellungen sind Begriffe, in welche die sinnlichen Spezifikationen einbezogen und eingezogen sind. Den versierten gedanklichen Umgang mit solchen ebenso sinnlich wie begrifflich gesättigten Wirklichkeitsrepräsentationen könnten wir im Anklang an Goethe wohl auch "anschauliches Denken" nennen, und je lebendiger, je anschaulicher, d.h. je wirklichkeitshaltiger dieses Denken ist, umso geeigneter ist es als Grundlage für die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Neben dem Hinweis auf Goethe, der dieses Denken in besonderer Weise ausgeübt hat, bedürfte es fast keiner weiteren Belege für die Erkenntnismächtigkeit von Vorstellungen. Es wäre in meinen Augen schon überraschend, wenn ausgerechnet beim Schaffen der Wirklichkeit im Erkennen die in uns schon vorhandenen Wirklichkeitsrepräsentanten außen vor blieben und wir uns dabei lediglich auf die "halbe Wirklichkeit" der reinen Begriffe stützten und nicht auf die "volle Wirklichkeit" - eben die individualisierten Begriffe oder Vorstellungen. Ein anderes Vorgehen würde jeglicher Erkenntnis-Ökonomie und jeglicher Wirklichkeitsbezogenheit der Erkenntnis widerstreiten.

[Anmerkung im März 2007: Um Konflikte mit dem Goetheschen Begriff der anschauenden Urteilskraft zu vermeiden wäre es im vorliegenden Sachzusammenhang vielleicht angemessener im Hinblick auf Goethe von einem gegenständlichen und nicht von einem anschaulichen Denken zu sprechen, wie er es in dem Essay Bedeutende Fördernis durch ein einziges geistreiches Wort erwähnt. Dahingehend, daß die Elemente des Gegenstandes, die Anschauungen in das Denken einziehen.]

Mit der Versinnlichung oder Veranschaulichung unserer Begriffe zieht aber auch das Moment der Zeit in die eigentlich zeitlosen Entitäten der reinen Begriffe ein. Diese bekommen damit eine historische Dimension, die ihnen an sich nicht eigen ist. Ein Erkennen, welches sich auf Wirklichkeitsrepräsentationen stützen muß, ist damit immer auch historisch limitiert, denn es kann sich nur auf diejenigen Vorstellungen stützen, die es sich im Laufe seiner Entwicklung angeeignet hat. Stünden wir einem Baum gegenüber, wir hätten nicht die Spur einer Chance, die Wahrnehmung mit dem Begriff des Baumes zu vervollständigen, wenn wir uns nicht auf die uns greifbaren Wirklichkeitsrepräsentationen - sprich: Vorstellungen, sprich: Erfahrungen - stützen könnten. Wiedererkennen können wir an diesem Baum aber auch nur das, was unseren bisherigen Wirklichkeitsrepräsentationen entspricht. Darin zeigt sich der historisch begrenzende Charakter der Erfahrung. Wenn wir dem Baum aktuell gegenüberstehen, schaffen wir Wirklichkeit, indem wir Wahrnehmung und Begriff zusammenbringen. Dieses Schaffen ist ein faktisches Geschehen, ein Wirklichkeitsprozeß und eingebettet in eine rastlos tätige Gesamtwirklichkeit. Das ist von Wilfried Gabriel sehr gut dargestellt worden. Aber wir bringen zu diesem Geschehen auch unsere individuelle Erkenntnisgeschichte mit, das heißt unsere in der Vergangenheit erworbenen Wirklichkeitsrepräsentationen und die haben den Charakter eines Wirklichkeitsbildes. Der aktuelle Erkenntnisvorgang ist so gesehen nicht lediglich die ahistorische Synthese einer gegebenen Wahrnehmung mit einem Begriff, sondern (auch) die Konfrontation unserer Erkenntnisgeschichte mit der gegenwärtigen Wahrnehmung - eine Auseinandersetzung von Vergangenheit und Gegenwart. Die zum Bild gewordenen Vergangenheit wird einerseits durch diese Gegenüberstellung vergegenwärtigt, verlebendigt, prozessualisiert, bereichert und korrigiert, wenn wir uns nicht ausschließlich von ihr bestimmen lassen und die gegebene Wahrnehmung als bekannt in einem Aktenordner des Bewußtseins ablegen. Gleichzeitig schafft uns diese Bild gewordene Vergangenheit überhaupt erst die Möglichkeit, Wirklichkeit in neuen, bislang unerfahrenen Aspekten aufzunehmen, denn das Neue stellt sich als Neues nur vor dem Hintergrund eines Vertrauten ein, mit dem es verglichen werden kann. Das Unbekannte ist als Unbekanntes überhaupt erst erfaßbar wenn es einem Geläufigen gegenübertritt. Ein besonderes Verdienst Thomas S. Kuhns scheint es mir zu sein, den Blick für diese historische Dimension des Erkennens geöffnet zu haben. Und die Einbeziehung einer solchen historischen Perspektive des Erkennens ist notwendig, da sonst kaum zu erklären ist, wie wir im faktischen Erkennen überhaupt in der Lage sein sollten, Neues und Unbekanntes aufzunehmen. Die notwendige Historisierung der Erkenntnis macht auf der anderen Seite auch erklärlich, warum im Verlauf der Erkenntnisgeschichte der Eindruck von Weltwechseln entstehen kann, wie sie von Thomas Kuhn beschrieben werden: Die Idee ist einzig - unsere Wirklichkeitsrepräsentationen sind es nicht. Sie unterliegen dem Gesetz der Zeitigung. Unser konkretes gegenständliches Erkennen verläuft im Ganzen gesehen nicht top-down sondern bottom-up und das macht Perspektivenwechsel unvermeidlich.

Schließlich zeigt sich auch die eigentliche wirklichkeitsschöpfende Leistung des Erkennens in viel stärkerem Sinne als zunächst gedacht als ein historischer Prozeß, der nicht unbedingt an die aktuelle, faktische Gegenwart des Erkenntnisobjektes gebunden ist. Im alltäglichen Leben haben wir es mit einem ständigen Oszillieren unserer Aufmerksamkeit zwischen internen Vorstellungswahrnehmungen und echten Sinneswahrnehmungen zu tun. Wahrnehmungsurteile sind dabei häufig unvollständig und werden aus der Erinnerung korrigiert oder komplettiert, wenn das Wahrnehmungsobjekt unseren Gesichtskreis schon verlassen hat. Wenn wir einem tatsächlich Unbekannten oder Fremden gegenüberstehen, aber nicht nur in diesem Fall, dann ist es durchaus nicht die Regel, daß wir im Moment der Konfrontation die entscheidende Erkenntnisleistung vollbringen, sondern oft erst im Nachhinein. Bei wissenschaftlich-experimentellen Vorgängen ist das sehr häufig der Fall - dort vielleicht sogar durchgängig. Das heißt, uns liegt beim maßgeblichen Prozeß der Wirklichkeitsschöpfung bzw. des Erkennens oft nicht mehr eine unmittelbare Wahrnehmung des Gegenstandes vor, sondern die Vorstellung eines Wahrnehmungsgegenstandes bzw. andere Stellvertreter wie Daten, Schaubilder und so fort. Natürlich kommen wir ohne die faktische Wahrnehmung des Erkenntnisgegenstandes nicht aus, sie ist und bleibt unverzichtbarer Basisbestandteil eines gegenständlichen Erkennens und auch unsere Überprüfung der Erkenntnis ist an faktische Wahrnehmungen gebunden, sonst hätten wir es am Ende mit Hirngespinsten zu tun. Doch die eigentliche Kategorisierung der ursprünglichen Wahrnehmung, die Feststellung ihres "Was" kann unter Umständen Stunden, Monate oder sogar Jahre beanspruchen. In jedem Falle aber sind Repräsentanten von Wirklichkeit in den erkenntnisschöpferischen Prozeß unmittelbar einbezogen und auch diese Wirklichkeitsbilder metamorphosieren sich zu fortwährend neuer Erkenntnis-Wirklichkeit.

"Die volle Wirklichkeit eines Dinges ergibt sich uns im Augenblicke der Beobachtung aus dem Zusammengehen von Begriff und Wahrnehmung."65 sagt Rudolf Steiner zwar, woraus man voreilig schließen könnte, diese volle Wirklichkeit sei zeitlich stets an die aktuelle Faktizität der Ereignisse gebunden. Ohne Zweifel besteht auch eine beträchtliche Differenz zwischen einer faktischen Wahrnehmung und einer vorgestellten. Tatsächlich aber folgt die volle Erkenntnis-Wirklichkeit der Faktizität des zu erkennenden Ereignisses eher nach - das Erkennen benötigt Zeit und ist oft noch nicht abgeschlossen, wenn die Sache schon vorbei ist. Am deutlichsten wird dies bei der Beobachtung des Denkens. "Wollten wir mit dem Denken warten, bis wir es erkannt haben, dann kämen wir nie dazu. Wir müssen resolut darauf losdenken, um hinterher mittels der Beobachtung des Selbstgetanen zu seiner Erkenntnis zu kommen."66 Dem faktischen Denken läuft die Beobachtung und damit auch die Erkenntnis-Wirklichkeit des Denkens hinterher. Und was für das Denken gilt, das gilt auch für viele andere Ereignisse. Wenn wir die Erkenntnis-Wirklichkeit des Denkens schaffen, dann tun wir das genau genommen auf dem Wege einer Rekonstruktion, auf der Grundlage einer Beobachtung im Nahhinein - die ist beim Denken zwar selbstreferentiell und beansprucht damit eine besondere Exklusivität, aber das tut dem Prinzip des Nachträglichen keinen Abbruch - und ebenso verfahren wir mehr oder weniger beim Erkennen vieler anderer Tatsachen: es ist ein Wirklichkeitsschaffen post hoc. Das Schaffen der Erkenntnis-Wirklichkeit fällt also zeitlich keineswegs immer zusammen mit dem Auftreten der faktischen Wirklichkeit und braucht es auch nicht. Sie ist vielmehr ein oft nachträgliches Zusammentragen ihrer wahrnehmlichen und begrifflichen Einzelaspekte. Die volle Wirklichkeit einer Sache ergibt sich in der Tat erst am Ende des Erkennens, durch die Synthese von Wahrnehmung und Begriff. Und diese Wirklichkeit kann sich nur dem Erkennen zeigen. Aber die Erkenntniswirklichkeit kann ontologisch nicht identisch sein mit der faktischen Wirklichkeit, denn die ist unter Umständen längst vorüber. Auch aus diesem Anlaß ist hier - wie von Werner Firgau verlangt - eine kategoriale Unterscheidung zu treffen zwischen faktischer Wirklichkeit und Erkenntniswirklichkeit. Die faktische Wirklichkeit kann nur als Erkenntniswirklichkeit erreicht werden - aber sie fällt mit ihr nicht zusammen, jedenfalls nicht innerhalb des gewöhnlichen gegenständlichen Erkennens. (Wieweit dieser Satz vom Nicht-Zusammenfallen auch dann noch gilt, wenn sich das Schaffen der Erkenntniswirklichkeit selbst zum Erkenntnisgegenstand hat, etwa im Rahmen der meditativen anthroposophischen Methode, wäre ein interessantes Thema, aber konnte nicht Inhalt der vorliegenden Betrachtung sein.) Die faktische Wirklichkeit bildet auch mit der Erkenntniswirklichkeit zusammen eine Einheit, insofern beide einer ontologischen Gesamtwirklichkeit angehören - aber sie ist dennoch von der Erkenntniswirklichkeit kategorial abzugrenzen. Am Ende des Erkenntnisprozesses haben wir fragmentierte Wirklichkeit zur ursprünglichen Einheit rekomponiert. Ich denke wir haben sie auch abgebildet, denn eben das steht ja am Ende unserer Erkenntnisleistung - ein Bild der Wirklichkeit. Um genauer zu sein könnten wir sagen: sobald die Wirklichkeit für uns vorstellungsförmig - zur Erfahrung - geworden ist, haben wir sie abgebildet.

Vielleicht können wir diese Erkenntnis-Wirklichkeit jetzt in Anlehnung an Steiners Sprachgebrauch eine individuelle Wirklichkeitsrepräsentation nennen, eine Wirklichkeitsvorstellung oder unseren individualisierten Begriff der Wirklichkeit. Da Steiner umfassende Begriffe auch als Ideen bezeichnet, könnten wir noch besser sagen: unsere individualisierte Wirklichkeitsidee. In den Vorstellungen sind für Steiner beide Halb-Seiten der Wirklichkeit - die sinnlich-wahrnehmliche und die begriffliche - enthalten, so daß man mit einiger Berechtigung von einem Wirklichkeits-Bild sprechen kann. Es ist Bild, obgleich es in dieser Eigenschaft der Wirklichkeit als einer Totalität selbst angehört. Ein Bild, das die Natur von sich, durch uns, in uns und in sich schafft und sich damit selbst anschaut. Die sinnliche Seite der Vorstellungen ist ein Bild der tatsächlich gegebenen Wahrnehmungen und die begriffliche Seite ein Bild der realen weltwirksamen Gesetzmäßigkeit. Aber eben nur ein Bild, das umso genauer ist, je näher es einer immer bewegten und schaffenden Natur kommt. Und dieses Wirklichkeitsbild muß der zu rekomponierenden Wirklichkeit auch entsprechen - vielleicht nicht im Sinne einer Eins-zu-Eins-Abbildung. Aber eine Entsprechung muß es für Steiner geben, sonst könnten wir mit ihm nicht unsere Vorstellungen Repräsentanten der Wirklichkeit nennen, denn was sollten die repräsentieren, wenn zwischen ihnen und einer vorgegebenen Wirklichkeit kein entsprechendes Verhältnis bestünde? Es wäre schlicht sinnlos, von Wirklichkeitsrepräsentanten zu reden, wenn diese eine objektive und von unserer Subjektivität unabhängige Wirklichkeit nicht in einem angebbaren Sinne vertreten könnten - die Repräsentanz setzt damit eine Vergleichsmöglichkeit voraus zwischen der vorgegebenen Wirklichkeit und ihren subjektiven Repräsentanten. Wir müssen demnach unsere Vorstellungen auf der wahrnehmlichen Seite und auf der begrifflichen Seite mit dem entsprechenden Original vergleichen können. Von Herbert Witzenmann liegen ja entsprechende Bemühungen mit wahrheitstheoretischem Hintergrund bereits vor (Siehe Anmerkung 4). Und das geht nur, wenn wir ein solches erreichbares Original voraussetzen, andernfalls würden wir ins Blaue hinein rekomponieren. Ohne diese Vergleichbarkeit wäre die objektive Wirklichkeit eine kaum weniger leere Denkmöglichkeit wie das von Hartmann kritisierte "Ding an Sich"(s.o.). Die Repräsentanten hätten die Glaubwürdigkeit jenes von Kant geschilderten Zeugen, den niemand kennt, der sich vor Gericht aber dadurch glaubwürdig machen will, indem er vorgibt, der, welcher ihn zum Zeugen berufen, sei ein ehrlicher Mann (Siehe Anmerkung 4).

Wenn Wilfried Gabriel schreibt: "Die Welt des Beobachters ist kein mehr oder weniger deutliches bzw. ähnliches Abbild einer vorgegebenen Wirklichkeit, sondern sein eigenes Erzeugnis."67, so ist das so nicht aufrechtzuhalten - es scheint mir entweder mißverständlich formuliert oder mit Steiners Auffassung nicht kompatibel, sondern entweder mit einer solipsistischen oder dualistischen. Wir hätten in diesem Fall auch keinerlei Aussicht, die Wirklichkeitsangemessenheit unserer Wirklichkeitsrepräsentationen mit einer außersubjektiven Wirklichkeit je zu vergleichen, sondern allenfalls untereinander - eine Überzeugung, die wir schon bei Kant gefunden haben (Siehe Anmerkung 4). Die Welt des Beobachters ist nur teilweise sein eigenes Erzeugnis, und zwar insofern, als die Bestandteile einer ihm fragmentiert vorgegebenen Wirklichkeit zur ursprünglichen Einheit rekomponiert werden. Sie ist in dem Sinne sein eigenes Erzeugnis, als er diesen vorgegebenen Bestandteilen der Wirklichkeit in selbstloser Hingabe Gelegenheitsursache gibt, sich in ihrer wahren Natur zu offenbaren. Dann repräsentiert seine individuelle Erkenntniswirklichkeit die objektive Weltwirklichkeit und ist zugleich in letzterer aufgehoben. Wenn Gabriel an anderer Stelle sagt: "Entsprechend ist die Wirklichkeit, die durch die Vereinigung von Wahrnehmung und Begriff innerhalb des Erkenntnisprozesses entsteht, die Wirklichkeit selbst, und nicht eine Repräsentation einer von dem Erkennen ganz unabhängigen, äußerlichen Wirklichkeit. Selbstverständlich sind die bewußten Vorstellungen Repräsentationen der Wirklichkeit, allerdings eben Repräsentationen der >wirklichen< Wirklichkeit." 68, dann ist dem insoweit zuzustimmen, als hier an der Schnittstelle zwischen Individuum und übriger Welt sich ein Wirklichkeitsprozeß abspielt. Was wir da erleben, ist, wie Gabriel sagt, die Wirklichkeit selbst und deswegen können Vorstellungen auch Repräsentanten dieser Wirklichkeit genannt werden; aber auch die Vorstellungen sind ein Teil dieser Gesamtwirklichkeit, nur sind sie, im Gegensatz zu einem objektiv gegebenen Baum, nicht mehr völlig unabhängig von mir. Die begriffliche Seite der Vorstellung können wir in der Phantasie nicht beliebig manipulieren, aber die wahrnehmliche Seite im Rahmen der begrifflichen Vorgaben schon. Wenn wir in der seelischen Beobachtungen dagegen die Vorstellungen selbst als Erkenntnisgegenstand nehmen, sind sie die Wirklichkeit, auf die sich unser Erkenntnisbemühen richtet. Die Kennzeichnung, ob etwas wirklich ist oder nicht, ist eigentlich nicht das wesentliche unterscheidende Kriterium zwischen Vorstellung und faktischer Wirklichkeit, wenn wir aus monistischer Sicht letztendlich beides als wirklichkeitsangehörig betrachten, und das müssen wir wohl. Wir können streng genommen die Wirklichkeit nicht verdoppeln und von "wirklicher" Wirklichkeit sprechen, sondern lediglich fragen: In welchem Sinne wirklich? Die Vorstellung des Baumes wird tatsächlich im Erkennen erst geschaffen - der Baum selbst nicht. Er ist nicht abhängig vom Erkennen. Er hat einen Bestand ganz unabhängig davon - diese Steinersche Ansicht ist oben dargelegt worden. Mir offenbart sich im Erkennen lediglich die Wirklichkeit des Baumes im Rahmen eines Wirklichkeitsprozesses. Es ist der Punkt, wo die objektive Weltwirklichkeit in meine subjektive Weltwirklichkeit einfließt.

Die im und durch den Menschen entstehende Erkenntnis-Wirklichkeit ist für Steiner eine Form der Selbstrepräsentanz der Natur. Wir könnten - in Anlehnung an Ravaglis plausible Darlegung im Jahrbuch 1997 - sagen: eine Selbstrepräsentanz Gottes im Menschen und durch den Menschen. Aber dieser Gott ist keine Schöpfung des Menschen.

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