Studien zur Anthroposophie

Michael Muschalle


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Michael Muschalle

Aufklärung oder Mystifikation?

Marek Majorek über die wichtigste Beobachtung, die man überhaupt machen kann.

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Stand: 19.02.06

Anthroposophische Autoren haben es oft nicht leicht mit Fragen der Philosophie der Freiheit, selbst wenn sie sich mit Dissertationen zu Grundfragen der Steinerschen Philosophie schon qualifiziert haben. Und manchmal gibt es Probleme mit dieser Schrift, die scheinen so schwerwiegend, daß selbst Interpreten mit einer gewissen Professionalität die Warnhinweise ihres Verfassers beiseite schieben und etwas tun, wovon Steiner in der Vorrede von 1918 zu diesem Buch ausdrücklich abrät - nämlich die von Steiner im anthroposophischen Zusammenhang geschilderten höheren Erfahrungen heranzuziehen, um sich einen basalen Verständniszugang dort hin zu erarbeiten.

Das Thema dieses vorliegenden Aufsatzes ist auf dieser Homepage schon einmal im Briefwechsel mit Lutz Baar auf einer etwas allgemeineren Ebene behandelt worden in meinem Brief vom 02.12.02 an Lutz Baar. Es könnte also für den Leser hilfreich sein, sich parallel auch diesen Brief einmal näher anzusehen, um einen vertieften Eindruck von dem zu erhalten, worum es mir hier geht.

Kommen wir zum konkreten Anlaß meiner Darstellung: Wer Steiners Philosophie der Freiheit (Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, Gesamtausgabe Bd. 4, Dornach 1978) einmal studiert hat, dem ist gewiß nicht entgangen, wie bedeutungsvoll Steiner dort die Beobachtung des Denkens einschätzt. "Für jeden aber, der die Fähigkeit hat, das Denken zu beobachten - und bei gutem Willen hat sie jeder normal organisierte Mensch -, ist diese Beobachtung die allerwichtigste, die er machen kann. Denn er beobachtet etwas, dessen Hervorbringer er selbst ist; er sieht sich nicht einem zunächst fremden Gegenstande, sondern seiner eigenen Tätigkeit gegenüber. Er weiß, wie das zustande kommt, was er beobachtet. Er durchschaut die Verhältnisse und Beziehungen. Es ist ein fester Punkt gewonnen, von dem aus man mit begründeter Hoffnung nach der Erklärung der übrigen Welterscheinungen suchen kann." - so heißt es da im dritten Kapitel auf S. 46.

Die allerwichtigste Beobachtung, die man überhaupt machen kann! - Was, so mag sich mancher nach einigen Versuchen der Denkbeobachtung überlegt haben, ist eigentlich daran so wichtig? Diese Frage legte sich jüngst auch Marek Majorek in einem Aufsatz vor. (Marek B. Majorek, Das Denken der Philosophie der Freiheit, in: Jahrbuch für Schöne Wissenschaften, 2006, Verlag am Goetheanum, S. 337- 354) Das Denken zu beobachten, so führt er (S. 343) aus, sei zwar etwas nicht ganz alltägliches, aber besonders problematisch sei es auch nicht. Nur wundere man sich, warum diese Beobachtung die wichtigste sein soll, die man überhaupt machen kann. Den Anlaß dieser Verwunderung exemplifiziert er näher an einigen Beispielen des Denkbeobachtens: "Ich habe gerade", so schreibt er S. 343 f, "an meine Sommerferien dieses Jahres gedacht, habe also tatsächlich etwas hervorgebracht, was früher gar nicht in meinem Bewußtsein war, aber besonders aufregend war es auch nicht." Nun könnte es ja sein, fährt er fort, daß das Denken an die Sommerferien gar nicht das von Steiner gemeinte Denken sei, und es sich hier nur um die von jenem abgelehnten Gedankenbilder handele. Aber selbst wenn man einen etwas strengeren Begriff des Denkens zugrunde lege und etwa einen geometrischen Beweis durchführe, was gewiß unter Steiners Kennzeichnung des Denkens im Sinne des aktiven gedanklichen Verarbeitens falle, dann ergebe sich auch nicht wesentlich mehr, als schon im ersten Fall. Es sei, so sagt er resümierend, "nicht leicht, sich zu der Überzeugung aufzuraffen, daß dasjenige, was man rückblickend an einer solchen Betätigung feststellen kann, von entscheidender Wichtigkeit in unserem Leben ist." Legt man also ein normales, ruhig auch strenger gefaßtes Denken zugrunde, so finde sich kein Hinweis darauf, daß die Beobachtung, die man an diesem Denken macht, irgendwie das Prädikat rechtfertigt, die allerwichtigste zu sein, die man überhaupt machen kann. Also müsse das von Steiner hier gemeinte zu beobachtende Denken ein anderes als das normale sein.

Was mich an der Stelle etwas überrascht ist, daß der Autor Steiners persönliche Erläuterung, warum diesem die Beobachtung des Denkens so wichtig erscheint, nur in Fragmenten zitiert, im übrigen aber gänzlich unbeachtet läßt und im ganzen Aufsatz kein aufschließendes Wort mehr darüber verliert. Davon wird noch zu reden sein. Majorek jedenfalls glaubt sich mit der von ihm demonstrierten augenfälligen Bedeutungsarmut der Beobachtung normaler Denkvorgänge hinreichend argumentativ gewappnet, um einen anderen Weg der Aufschlüsselung jener wichtigsten Beobachtung einschlagen zu können. Er verweist auf den anthroposophischen Schulungsweg, um sich von dort her Aufklärung über den fraglichen Passus zu holen.

Nun gibt es natürlich einen direkten sachlichen Zusammenhang zwischen der Beobachtung des Denkens und dem anthroposophischen Schulungsweg. Speziell die von Majorek erwähnten Imaginationsübungen dienen auch einer vertieften Beobachtung des Denkens. Diese Verbindung wird von Steiner derart häufig und eindringlich nicht nur in Vorträgen hervorgehoben, daß sie nicht bezweifelt werden kann. Ich habe darüber im Jahrbuch für anthroposophische Kritik 1993 einiges ausgeführt. (Hier auf dieser Homepage) Ebenso in verschiedenen anderen Beiträgen auf dieser Internetseite. Etwa im Aufsatz über Walter Johannes Stein. Die Frage ist nur: Ist das, was erst als Resultat eines geschulten höheren Bewußtseins als geistige Erfahrung und Erkenntnis auftritt, Gegenstand der wichtigsten Beobachtung, von der Steiner im dritten Kapitel spricht? Dieser Auffassung ist der Autor ganz offensichtlich, und bemüht sich auch diese Sichtweise so gut es geht zu belegen. Auf Qualität und Aussagekraft seiner Belege kann ich hier nicht näher eingehen, denn das wäre ein eigenes Thema für sich. Was sich dazu kurz und allgemein sagen läßt, ist, daß das zugrunde gelegte Material relativ weiten, zum Teil extrem weiten Raum für Ausdeutungen läßt. Während es auf der anderen Seite, z. B. wenn man nur an die Vorrede von 1918 zur Philosophie der Freiheit denkt, vollkommen unmißverständliche und klare Angaben ohne jeglichen Deutungsspielraum darüber gibt, wie dieses Buch philosophisch zu verstehen ist. Jedenfalls kommt Marek Majorek dann nach verschiedentlichen Erörterungen und Belegversuchen gegen Ende seiner Abhandlung (S. 351 f) zu dem Resümee: "Es zeigt sich, daß die Beobachtung, welche Rudolf Steiner als die "allerwichtigste" bezeichnet, nicht bloß das Sich-nach-Innen-Wenden des gewöhnlichen Bewußtseins ist. Sie ist vielmehr ein Verharren in dem verlebendigten, erwachten, auferstandenen Denken-Imagination, das sich nicht mehr durch den toten und ertötenden physischen, sondern durch den lebendigen und belebenden ätherischen Leib in das Bewußtsein des Astralleibes spiegelt. Diese Realität zu erfahren, die Realität eines zweiten, nicht-physischen, übersinnlichen Menschen, der nicht mehr im Raum, sondern in der Zeit lebt und der in engster Verbindung mit der allgemeinen ätherischen Welt steht, so daß der für die physische Welt charakteristische Subjekt/Objekt Kontrast sich auflöst, kann wahrhaftig die "allerwichtigste Beobachtung", die man machen kann, sein."

Das also ist im dritten Kapitel Thema und Gegenstand dieser allerwichtigsten Beobachtung, die man machen kann. Was Steiner dort in der Philosophie der Freiheit beschreibt sind Resultate des anthroposophischen Schulungsweges und der höheren Erkenntnis.

Hier allerdings geschieht etwas, was eigentlich nur im äußersten Notfall geschehen sollte, wenn überhaupt kein anderer Erklärungsstrang mehr zu erkennen ist: Wie mancher andere Autor schon vor ihm umgeht Majorek die Barrieren und Warnhinweise, die Steiner in der Vorrede von 1918 dem Interpreten aufgestellt hat, wenn er dort (S. 9) konstatiert: "In diesem Buche ist erstrebt, eine Erkenntnis des Geistgebietes vor dem Eintritte in die geistige Erfahrung zu rechtfertigen. Und diese Rechtfertigung ist so unternommen, daß man wohl nirgends bei diesen Ausführungen schon auf die später von mir geltend gemachten Erfahrungen hinzuschielen braucht, um, was hier gesagt ist, annehmbar zu finden, wenn man auf die Art dieser Ausführungen selbst eingehen kann oder mag."

Was Majorek dem Leser nahelegt liegt genau entgegengesetzt der Steinerschen Empfehlung. Er schielt, um mit Steiner zu sprechen, und zwar sehr eindringlich, auf die höheren Erfahrungen hin, um den Steinerschen Text aufzuschließen, weil sich ihm anders kein Verständniszugang dort hin eröffnet. Nimmt man hingegen Steiner beim Wort, und ich sehe keinen Anlaß dies nicht zu tun, dann ist in der Philosophie der Freiheit alles Notwendige zur Aufschlüsselung jener wichtigsten Beobachtung schon enthalten. Und zwar auf einer ganz normalen verständigen Bewußtseinsebene, ohne jeden Rückgriff auf einen speziell gearteten anthroposophischen Schulungsweg und höhere Erkenntnisse im engeren Sinne. Es genügt das reine, begriffliche Denken. Man muß nur auf die Art der Darstellung eingehen. Ein Blick auf den Schulungsweg zwecks Fruchtbarmachung der dort beschriebenen geistigen Erfahrungen zum Verständnis der Passage aus dem dritten Kapitel, wäre danach nicht nur unnötig, sondern sogar sehr irreführend. Denn die Philosophie der Freiheit behandelt, von wenigen vorausdeutenden nachträglichen Einschüben einmal abgesehen, nicht jene höheren Erfahrungen, von denen Steiner später berichtet, sondern sie rechtfertigt deren prinzipielle Möglichkeit erst in philosophischer Hinsicht. Die von Steiner hervorgehobene außergewöhnliche Bedeutung der Beobachtung muß also mit der Rechtfertigungsfunktion der Philosophie der Freiheit im Zusammenhang stehen. Und die ist kein Resultat des Schulungsweges, sondern dessen erkenntniskritische Voraussetzung und wird lediglich entwickelt, wie Steiner 1917 an anderer Stelle ausdrücklich betont, "durch rein philosophische Forschung". Mit den "Denkmitteln" und der "Methodik allein", "die man gewöhnt ist, in philosophischen Arbeiten zu finden." (Die Geisteswissenschaft als Anthroposophie und die zeitgenössische Erkenntnistheorie. Persönlich-Unpersönliches. In: GA-35, 1984, S. 319).

Also lautet unsere Frage: Was ist von Marek Majorek übersehen worden?

Vorweg, um die Sachlage etwas zu veranschaulichen, ein rein fiktives Fallbeispiel, wie es sich ähnlich womöglich zutragen könnte und wie es seinem allgemeinen Charakter nach sicher jeder zur genüge kennt: Vielleicht haben Sie wie ich das Glück in einer Universitätsstadt zu wohnen. Stellen Sie sich vor die Hochschule hat einen Tag der offenen Tür. Sie nehmen die Gelegenheit wahr und jetzt hocken Sie in der Abteilung für Zellbiologie zusammen mit einem ausgewiesenen Zellbiologen vor einem Bildschirm, der Ihnen das Geschehen auf einem unter dem Mikroskop befindlichen Objektträger visualisiert. Sofern Sie Laie sind in diesem Metier wirkt alles ein bischen konfus, was Sie da sehen. Ein paar Schattierungen unbestimmter Art, Striche, Flecken - nichts Aufregendes. Sie haben Mühe sich überhaupt zurechtzufinden und so etwas wie Struktur in diesem Schattenreich zu entdecken. Jetzt bildet sich irgendwo am unteren linken Bildschirmrand eine unscheinbare dunkle Linie aus. Kaum daß Sie es wahrnehmen, weil Sie genug damit zu tun haben sich eine Übersicht zu verschaffen. Der Zellbiologe hingegen, der Ihnen da gerade einen Versuch demonstriert, scheint augenblicklich vom Feuer erfaßt: Wow! - Unglaublich! - Hätte ich nicht gedacht! - Das ist ja noch viel besser als erwartet! Sie kratzen sich verlegen am Kopf und er schlägt sich enthusiastisch auf die Schenkel.

Es ist glaube ich nicht schwer die unterschiedlichen Reaktionen zu verstehen: Der eine weiß im vorliegenden Fall sehr viel, und der andere so gut wie nichts. Deswegen sieht der Biologe Faszinierendes, wo seinem Gast nur Bedeutungsloses erscheint. Rein visuell sehen zwar beide annähernd dasselbe, aber irgendwie auch wieder nicht, sondern scheinen Abgründe dazwischen zu liegen. Es ist das hinlänglich bekannte Verhältnis von Wahrnehmung und Begriff, das Steiner nicht müde wird, in seinen philosophischen Grundschriften zu erläutern. Man sieht nur da etwas Bedeutsames, wo man über die entsprechenden Begriffe verfügt. Der Zellbiologe hat für diesen Begriffserwerb Jahre, wenn nicht Jahrzehnte des Studierens und Probierens gebraucht, und kennt sich jetzt aus. Seinem Besucher ist das alles eine fremde Welt. Deswegen kann er nicht das Aufschlußreiche der vorliegenden Versuchssituation erfassen. Ohne Vorverständnis keine adäquate Beurteilung der Lage. Das einzusehen ist trivial. Was anthroposophischen Interpreten vielleicht nicht immer greifbar ist, das ist, daß dieser triviale Zusammenhang auch für die Beobachtung des Denkens gilt. Auch da wird nur gesehen, wofür man Begriffe hat. Sie hingegen scheinen mitunter ihr Vorwissen zu vergessen, schauen nach innen, können nichts Nennenswertes entdecken, und glauben, Steiner müsse etwas anderes gemeint haben als das normale Denken, weil nichts Aufregendes passiert. Also spekulieren sie auf den Schulungsweg, denn da sollen sich ja wahre Dramen im Bewußtsein abspielen. Und die allerwichtigste Beobachtung, die man überhaupt machen kann, hat doch zweifellos einen hochdramatischen Charakter. Da gebietet es schon die Logik der Forschung nach einem anderen Denken Ausschau zu halten, von dem Steiner hier spricht. Der Artikel von Marek Majorek demonstriert diesen Tatbestand geradezu schlagend.

Das Aufregende aber kommt vom Wissen, mit dem man an eine Sache herangeht. Ein bloßes Nach-Innen-Wenden des Bewußtseins reicht freilich nicht hin. Steiners Bewertung der wichtigsten Beobachtung erschließt sich nur demjenigen, der auch dessen begriffliche Perspektive, dessen Bewertungshintergrund und Problembewußtsein einzunehmen vermag, so wie oben die Begeisterung des Biologen nur für jemanden nachvollziehbar ist, der einen vergleichbaren Sachverstand zur Verfügung hat. Wer diesen Erkenntnisweg nicht gegangen ist, wer dieses Wissen nicht hat oder anwendet, der sieht im einen wie im andern Fall nichts von Bedeutung.

Die Begrifflichkeit ist also in beiden Fällen wahrnehmungs- und beurteilungsrelevant. Beim Biologen ist sie naturwissenschaftlich methodisch im weitesten Sinne. Er hat eine gründliche naturwissenschaftliche Ausbildung durchlaufen. Hat sich endlos mit Zellen beschäftigt. Mit den Möglichkeiten ihrer Darstellung in bildgebenden Verfahren und experimenteller Manipulation. Er weiß, was subtile Einzelheiten in einem solchen Bild zu bedeuten haben. Im Falle Steiners ist die Begrifflichkeit erkenntnistheoretisch philosophischer und denkphänomenologischer Art, wie er sie in seinen Grundschriften vorgelegt hat. Er hat eine klare Vorstellung davon, was begriffliches Denken und Erkenntnis ist. Er weiß, was die viel diskutierten Grenzen des Erkennens und das Ding an sich zu bedeuten haben. Kennt sich aus in den zeitgenössischen Fragen des Verhältnisses von Denken und Naturkausalität. Weiß, was es philosophisch heißt, das Denken hirnphysiologisch zu erklären. Und so weiter. Was dem Biologen seine fachspezifische Begrifflichkeit leistet, um die Lage auf dem Bildschirm einzuschätzen, das leistet dem Philosophen Steiner seine fachspezifische Begrifflichkeit, um die Tragweite einer einzelnen Denkbeobachtung abzuwägen. Ohne den vielfältigen jeweiligen begrifflichen Beurteilungshintergrund kann es in beiden Fällen zu keiner brauchbaren Bewertung kommen.

Und das, denke ich, ist von Majorek übersehen worden. Was schon daran kenntlich wird, daß er sich mit Steiners eigener direkter Erklärung nicht näher befaßt, und sie ebenso wie dessen umfangreichen Bewertungshintergrund unbesehen weg läßt. Steiners Begrifflichkeit muß aber im konkreten Fall einer Beobachtung des Denkens auch zur Anwendung gebracht werden, und das hat der Autor unterlassen. So wie er es dort dem Leser demonstriert, schaut er auf sein Denken wie es vielleicht ein interessierter Laie auch täte, und wundert sich dann darüber, warum er nichts Relevantes entdeckt. Seine Beobachtung ist aber ohne das komplexe Hintergrundwissen vergleichsweise so viel wert wie die Beobachtung des biologischen Laien am Bildschirm. Hätte Marek Majorek ähnlich ergebnislos wie bei seinen Beobachtungsbeispielen in ein Elektronenmikroskop oder auf ein Spektrogramm geblickt, dann wäre ihm vermutlich erklärlich, warum er nur Bedeutungsloses sieht.

Der Autor zitiert (S. 343) schon Steiners persönliche Erklärung, warum diesem die Beobachtung des Denkens so wichtig erscheint, nur sehr fragmentarisch, und läßt sie im übrigen unbeachtet. Man wird sich jedoch auf Steiners Vorverständnis einlassen müssen, um dessen Einschätzung der Beobachtung nachvollziehen zu können. So wie der Gast des Zellbiologen sicherlich auch von diesem eine Erklärung darüber erwartet, warum er das alles so aufregend findet, was sich auf dem Bildschirm ereignet. Das wäre die naheliegendste Reaktion.

Also fragen wir einmal bei Steiner nach, warum er das alles für so bedeutungsvoll hält. Und er sagt es ja auch. Seine Argumentation warum diese Beobachtung des Denkens so wichtig ist: "Denn er beobachtet etwas, dessen Hervorbringer er selbst ist; er sieht sich nicht einem zunächst fremden Gegenstande, sondern seiner eigenen Tätigkeit gegenüber. Er weiß, wie das zustande kommt, was er beobachtet. Er durchschaut die Verhältnisse und Beziehungen. Es ist ein fester Punkt gewonnen, von dem aus man mit begründeter Hoffnung nach der Erklärung der übrigen Welterscheinungen suchen kann." - Das sollte man etwas länger nachwirken lassen -: Hier gibt es einen Punkt in der Welt, wo für uns alles überschaubar ist. Und von diesem festen Punkt aus besteht die Hoffnung alle übrigen Welterscheinungen zu erklären. Das heißt anders herum: Ohne diesen festen Punkt besteht diese Aussicht nicht. Die Welterscheinungen können dann nicht erklärt werden. Alle Erklärungsversuche laufen dann irgendwann ins Leere oder ins Beliebig-Unverbindliche. Das ist ein Gedankengang, den Steiner nicht nur in der Philosophie der Freiheit vorträgt. Er findet sich schon in den Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (GA-02, Dornach 1979) breit entfaltet, und ebenso in der Schrift Wahrheit und Wissenschaft (GA-03, Dornach 1980). Die Philosophie der Freiheit faßt nur zusammen, was dort schon zu lesen ist. Es ist, wie er sagt, so: "daß alle in meiner «Philosophie der Freiheit» vorgebrachten Grundanschauungen bereits in meinen früheren Schriften ausgesprochen und in dem genannten Buche nur in einer zusammenfassenden und sich mit den philosophisch-erkenntnistheoretischen Ansichten vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts auseinandersetzenden Art vorgetragen sind." (GA-21, Dornach 1976, S. 59)

Wovon Steiner spricht, wenn er von dem "festen Punkt" oder der "allerwichtigsten Beobachtung" redet, ist das, was man in der Erkenntniswissenschaft gelegentlich auch das Fundament der Erkenntnis nennt. Erklärlicherweise vergleicht er auf S. 51 diese Basis auch mit jenem Punkt, an dem Archimedes seinen Hebel ansetzen wollte, um die Welt aus den Angeln zu heben. Und dieses Fundament nun ist eines für alle Erkenntnis, sei sie sinnlicher oder übersinnlicher Art. Ohne dieses Fundament hätte nichts von all dem eine tragfähige wissenschaftliche Rechtfertigung. Keine physikalische Erscheinung, keine ätherische Welt, kein höheres Ich, kein Astralleib: Nichts von all dem könnte dann wirklich solide und belastbar erklärt werden. Auch darauf deutet er in der Vorrede von 1918 auf S. 9 hin. Dahingehend, daß die eingangs der Schrift behandelten beiden Wurzelfragen für "alles Erkennen" grundlegend seien. Wenn er folglich von "allen übrigen Welterscheinungen" spricht, die von diesem Fundament aus zu erklären sind, dann meint er damit nicht etwa nur die physisch-materiellen, sondern ausnahmslos alle - auch die geistigen und ethischen Welterscheinungen. Er ist da in der Vorrede von 1918 ganz unzweideutig. Siehe auch seine Bemerkung von S. 9, daß er in diesem Buche keine geisteswissenschaftlichen Forschungsresultate habe geben, "sondern erst die Grundlage erbauen wollte, auf der solche Ergebnisse ruhen können." Auch diese Forschungsergebnisse ruhen seiner Auffassung nach auf dem Erkenntnisfundament, dem "festen Punkt", der sich in der Beobachtung des Denkens findet. Haben dort ihre feste Stütze.

Die "allerwichtigste Beobachtung", die man machen kann bezieht sich also auf die Entdeckung eines tragenden Fundamentes für alle Erkenntnis, der sinnlichen, seelischen und geistigen, welches zugleich auch das Fundament ist für jedes Handeln, das sich am Ideal der Freiheit orientiert.

Das heißt: Wichtiger noch als die Begegnung mit dem höheren Ich oder einer ätherischen Welt, und das ist bezeichnend für Steiners Zugang zum Geistigen, ist das Schaffen einer stabilen Erklärungsbasis, von der aus dies alles seine solide wissenschaftliche Rechtfertigung erhält. Und zwar nicht nur im allgemeinen, sondern jedem einzelnen. Der einzelne schafft sich die Basis durch diese Beobachtung für sich ganz individuell.

Nach solchen Fundamenten zu suchen mag heute vielleicht ein wenig aus der philosophischen Mode gekommen sein. Das war nicht immer so. Ein Fachkollege Steiners, der diese Verhältnisse eingehender überschaut, wird indessen keine Schwierigkeiten damit haben dessen Enthusiasmus zu begreifen. Er wird ihm vielleicht nicht in allen seinen weitläufig begründenden Gedankengängen beipflichten. Aber eines wird er verständlich finden: Daß ein Philosoph, dem die Entdeckung des Erkenntnis- und Freiheitsfundamentes gelang, diesen Fund für den wichtigsten seines Lebens halten kann.

Die Beobachtung, die Steiner so hoch einschätzt, ist ganz gewiß kein bloßes "Sich-nach-Innen-Wenden des gewöhnlichen Bewußtseins", wie Marek Majorek zu bedenken gibt. Sondern sie ist ein erkennendes Sich-nach-Innen-Wenden des Denkens. Ein Betrachten oder Anschauen seiner selbst auf der Suche nach einer stabilen Basis für Erkenntnis und Freiheit. Und zwar ein Betrachten im Lichte einer philosophischen Begrifflichkeit wie sie sich bei Steiner herangebildet hat in der eingehenden Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Problemkontext des neunzehnten Jahrhunderts. Erst dieser komplexe begriffliche Beurteilungsrahmen erhebt die Beobachtung zur allerwichtigsten, die man überhaupt machen kann. Er leistet hier dem Philosophen das, was dem Biologen im Versuch Fachwissen und Sachkompetenz leisten. Läßt man diesen begrifflichen Bewertungsrahmen weg, dann beobachtet man nichts mehr von Bedeutung; schaut mit dem inneren Blick nichts wirklich Nennenswertes an, sondern glotzt gewissermaßen nur verständnislos auf seine Denk-Erfahrungen hin, wie vergleichsweise oben der biologische Laie auf den Bildschirm. 1

Die so wichtige Beobachtung erhält für den Beobachter ihren Wert und ihren Bedeutungsgehalt erst durch den vom Beobachter mitgebrachten individuellen Erkenntnishintergrund in Form von philosophischer Begrifflichkeit, Fragestellung, Problembewußtsein und bewußtseinsphänomenologischer Erfahrung. Hinsichtlich dieses Charakters unterscheidet sie sich nicht von der erkennenden Beobachtung eines sinnlichen Phänomens, wo, bezogen auf den jeweiligen Erkenntnisgegenstand, ganz analoge Voraussetzungen in Form von Fachwissen und Sacherfahrung zu erfüllen sind. Die Relevanz der Begrifflichkeit für die Erkenntnis der sinnlichen Welt zu verstehen macht den philosophisch orientierten anthroposophischen Interpreten in aller Regel kaum Schwierigkeiten, weil es eine der basalen Säulen der Steinerschen Philosophie ist. Diesen Erkenntnisbegriff auch auf die Beobachtung des Denkens zu übertragen ist dann offensichtlich ein nicht mehr ganz so leichtes Unterfangen.

Wer den von Steiner hervorgehoben Wert der allerwichtigsten Beobachtung innerlich wirklich nachvollziehen will, der kommt nicht umhin, sich dessen begriffliche Voraussetzungen wenigstens exemplarisch soweit anzueignen, daß er diesen Gedankengang auch nacherleben kann. Das heißt er muß sich in die entsprechenden erkenntniskritischen Fragestellungen der Steinerzeit philosophisch einarbeiten, die auch für Steiners Bewertung von Ausschlag sind. Und das heißt eben, sich gedanklich auf die "Art der Ausführungen" der Philosophie der Freiheit einzulassen, wie es Steiner in der Vorrede von 1918 empfiehlt. Womit er ganz gewiß nicht den literarischen Stil, sondern den philosophisch-gedanklichen Gehalt dieses Buches meint.

Nun ist es ja nicht verboten die Philosophie der Freiheit auch unter anthroposophisch-geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Es ist verwirrend und illegitim die Gesichtspunkte in systematischer Hinsicht zu vermengen. Man darf den zweiten Schritt nicht vor dem ersten tun und muß den erkenntniskritischen und den menschenkundlichen sorgsam unterscheiden. Aber danach, in der richtigen Reihenfolge, kann man sich mit Recht fragen, was das Verhältnis von Erkenntnishintergrund und Beobachtungsgegenstand aus einem geisteswissenschaftlich menschenkundlichen Gesichtswinkel zu bedeuten hat und wo dieser Hintergrund dort einzuordnen ist. Frage: Wo ist all das, was sich der Mensch im Laufe seines Erkenntnislebens an Schätzen angeeignet hat, so daß sie zu einem Teil seiner Persönlichkeit geworden sind, geisteswissenschaftlich anzusiedeln? Denn dieser Wissenshintergrund wirkt ja ganz offensichtlich in Form von Fähigkeit und Kompetenz im Menschen weiter in einem bewußtseinsdynamischen Sinne, so daß dieser ohne dessen Wirksamkeit zu keiner weiteren Erkenntnis käme. Er stellt keinen abstrakten, statischen, lediglich formalen logischen Rahmen dar, sondern einen im Seelenleben lebendigen. Wenn man so will: ein lebendiges logisches Stützgewebe. Oder eine geistig-logische Kraftwesenheit. Sie lebt und wirkt in jedem begründeten Urteil, das ohne sie gar nicht möglich wäre. Was also ist geisteswissenschaftlich gesehen jener Teil der Persönlichkeit, der da als Hintergrundwissen und Fähigkeit wirkt?

Ende

Anmerkungen:

1) Das gilt zunächst im engeren Sinne für den philosophischen Problemkreis der Philosophie der Freiheit. Man kann natürlich auch andere Beobachtungen am Denken machen, als diese eine wichtigste. Zum Beispiel im Rahmen einer Denkpsychologie, die nicht notwendigerweise den philosophischen Grundfragen nachgehen muß. Doch gilt dort im Prinzip dieselbe Voraussetzung: Ohne einen entsprechenden Bewertungshintergrund und Sacherfahrung ist auch dort nichts von Bedeutung zu beobachten.


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