<!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/html4/loose.dtd"> <html lang="de"> <head> <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=utf-8"> <meta name="description" content="Rudolf Steiner und Baruch de Spinoza"> <meta name="keywords" content="Steiner,Spinoza,Traub,Fagard,Muschalle,Die Philosophie der Freiheit,Philosophie und Anthroposophie,Briefwechsel"> <meta name="author" content="Merijn Fagard"> <meta name="application-name" content="Studien zur Anthroposophie"> <title>Hartmut Traubs Kritik an Steiners Spinoza-Interpretation</title> <style type="text/css"> /* http://meyerweb.com/eric/tools/css/reset/ | v2.0 | 20110126 | License: none (public domain) */ html, body, div, span, applet, object, iframe, h1, h2, h3, h4, h5, h6, p, blockquote, pre, a, abbr, acronym, address, big, cite, code, del, dfn, em, img, ins, kbd, q, s, samp, small, strike, strong, sub, sup, tt, var, b, u, i, center, dl, dt, dd, ol, ul, li, fieldset, form, label, legend, table, caption, tbody, tfoot, thead, tr, th, td, article, aside, canvas, details, embed, figure, figcaption, footer, header, hgroup, menu, nav, output, ruby, section, summary, time, mark, audio, video {margin: 0;padding: 0;border: 0;font-size:100%;font:inherit;vertical-align:baseline;} /* HTML5 display-role reset for older browsers */ article, aside, details, figcaption, figure, footer, header, hgroup, menu, nav, section {display: block;} blockquote,q{quotes: none;} blockquote:before,blockquote:after,q:before,q:after{content:'';content:none;} table{border-collapse:collapse;border-spacing:0;} body {max-width:550px;margin:10px auto;font-family:verdana,sans-serif;font-size:100%;line-height:130%;} h1{font-size:150%;margin-top:50px;margin-bottom:60px;font-weight:bold;text-align:center;color:#6a6aff;} h2{font-size:120%;margin-top:40px;margin-bottom:15px;font-weight:bold;color:#6a6aff;} h3{font-size:110%;margin-top:40px;margin-bottom:15px;font-weight:bold;color:#6a6aff;} h4{font-size:100%;margin-top:40px;margin-bottom:15px;font-weight:bold;color:#6a6aff;} h5{font-size:100%;margin-top:30px;margin-bottom:15px;color:#6a6aff;} h6{font-size:100%;margin-top:40px;text-align:left;color:#23819C;} #pdf{margin-top:10px;margin-bottom:60px;text-align:right;} .titel{text-align:center;} #vorwort{margin-top:70px;margin-bottom:25px;} .whitespace{margin-bottom:25px;} p.inhalt{text-align:left;} p{text-align:justify;margin:10px 0;} a:link,a:hover,a:active,a:visited{color:#6a6aff;} a.anmerkung:link{text-decoration:none;font-weight:normal;color:#6a6aff;} blockquote{margin:20px 5% 20px 10%;} img{margin:5px 0;} ul{list-style:outside;list-style-type:disc;margin:20px 5% 20px 10%;} ul li,#traubkritik li,#zweibegriffevonfreiheit li{text-align:justify;margin:10px 0;line-height:130%;} #traubkritik,ol{list-style:outside;list-style-type:decimal;margin:20px 5% 20px 10%;} #zweibegriffevonfreiheit{list-style:outside;list-style-type:lower-roman;margin:20px 5% 20px 10%;} .hinweistitel{margin:20px 5% 10px 0;text-decoration:underline;} .hinweis{margin:10px 0 20px 25%;} #rahmentext{margin:20px 0;padding:10px;border:solid #23819C 2px;} #rahmentext h2{margin-top:0;margin-bottom:20px;text-align:center;text-decoration:underline;} #rahmentext h3{margin-top:0;margin-bottom:40px;text-align:center;} #anhang{margin-top:10px;} strong{font-weight:bold;} em{font-style:italic;} span{color:#FF4848;} #unterzeichnung{margin-bottom:100px;} </style> </head> <body> <h6 id="pdf">(<a style="color:#23819C;" href="fagsteinspin1.pdf" target="_blank">Herunterladen als PDF-Datei</a>)</h6> <h2 class="titel">Merijn Fagard</h2> <h1>Rudolf Steiner und Baruch de Spinoza</h1> <h2 class="titel">Teil I</h2> <h2 class="titel">Hartmut Traubs Kritik an Steiners<br>Spinoza-Interpretation</h2> <h3 id="vorwort">Vorwort des Herausgebers</h3> <p class="whitespace">Die vorliegende Arbeit Merijn Fagards ist nicht zuletzt auch erm&ouml;glicht worden durch das Engagement einiger Freunde, die diese Website und das Anliegen ihres Betreibers mit ihren Zuwendungen unterst&uuml;tzt haben. Dies, was zu erw&auml;hnen mir besonders am Herzen liegt, ohne jemals irgend welche Bedingungen daran zu kn&uuml;pfen. F&uuml;r das mir entgegen gebrachte Vertrauen m&ouml;chte ich mich von Herzen bedanken. Fagards Arbeit ist gewissermassen f&uuml;r Sie auch ein &ouml;ffentlicher Nachweis &uuml;ber die Verwendung dieser Mittel und ihren geistigen Erl&ouml;s. F&uuml;r Leser, welche die weitere Forschung Merijn Fagards gesondert unterst&uuml;tzen m&ouml;chten habe ich unten eine Kontoverbindung angegeben, wo sie das tun k&ouml;nnen.</p> <p>Sprechen wir von einigen Ertr&auml;gen. Als Herausgeber, der den Forschungsprozess Fagards von Anfang bis Ende mit Spannung und Anteilnahme begleitet hat, darf ich etwas pers&ouml;nlicher und hintergr&uuml;ndiger werden, als es sich der Autor in seiner Arbeit selbst gestattet. Und ich gebe hier mehr oder weniger einen Hintergrundbericht &uuml;ber konkrete Forschungserfahrung.</p> <p>Als Merijn Fagard mir im Fr&uuml;hjahr 2012 sein Anliegen vortrug &uuml;ber das Spinozakapitel in Hartmut Traubs Buch <em>Philosophie und Anthroposophie, Stuttgart 2011</em> zu arbeiten, da war f&uuml;r uns das Resultat kaum absehbar. Wir hatten uns innerlich auf gedanklich philosophische Auseinandersetzungen und Ertr&auml;ge eingerichtet. Doch es sollte erst einmal anders kommen. &ndash; Ganz anders! Staunend mussten wir zur Kenntnis nehmen, wie sich immer mehr herauskristallisierte: hier ging es zun&auml;chst gar nicht so sehr um Philosophie in ihrer rein gedanklichen Auspr&auml;gung, sondern vielmehr um handwerklich quellenkritische und philologische Problemstellungen. <em>Staunend</em>, weil dies das Letzte war, was wir in einem Buch erwartet h&auml;tten, das im Vorwort darauf abhebt, &#8220;Steiners grundlegende philosophische Schriften einer genauen textkritischen Analyse und Kommentierung zu unterziehen&#8221;. (Traub, S. 21)</p> <p>Das Ganze nahm seinen Anfang bei der &Uuml;berpr&uuml;fung einiger kritischer und sehr pers&ouml;nlich ausfallender Vorhaltungen Traubs gegen&uuml;ber Steiner, betreffend den einigermassen willk&uuml;rlichen und selektiven Umgang Steiners mit Spinozas Brief im ersten Kapitel der <em>Philosophie der Freiheit</em>. Anhand der uns vorliegenden verschiedenen &Uuml;bersetzungen des Briefes war dieser Vorwurf Traubs nicht recht einleuchtend. Schien aber auch nicht g&auml;nzlich aus der Luft gegriffen zu sein. Jedenfalls ergab sich ein sehr ambivalenter Eindruck. Fagard nahm darauf hin eine ganze Reihe von &Uuml;bersetzungen des Spinozabriefes und auch seinen lateinischen Urtext selbst n&auml;her in Augenschein. Und je mehr er sich in die Details der Textanalyse und Quellenkritik im R&uuml;ckgriff auf den lateinischen Urtext von Spinozas Briefwechsel, und unter Zuhilfenahme verschiedener fremsprachiger &Uuml;bersetzungen aus anderen Sprachr&auml;umen einarbeitete, um so deutlicher zeichnete sich ab, dass auf der &Uuml;bersetzungsebene in Spinozas Brief folgenschwere Fehler vorlagen, die auf Seiten Hartmut Traubs zu einer ausserordentlichen Fehleinsch&auml;tzung Rudolf Steiners gef&uuml;hrt hatten. Das Problem waren also die &Uuml;bersetzungen von Spinozas Briefwechsel aus dem Lateinischen ins Deutsche. Diese &Uuml;bersetzungen, das wurde deutlich, sind nicht immer einheitlich und korrekt, und waren es auch im vorliegenden Fall nicht. Traub benutzte als Basis seiner Kritik an Steiner eine Quelle f&uuml;r diesen Briefwechsel, die Steiner zum Zeitpunkt der Abfassung der <em>Philosophie der Freiheit</em> einerseits gar nicht kennen konnte, und die zudem an einem sehr entscheidenden Punkt falsch &uuml;bersetzt hatte. Das war der &Uuml;bersetzer Carl Gebhardt, dessen &Uuml;bertragung von Spinozas Briefwechsel aus dem Lateinischen ins Deutsche noch heute vom renommierten Felix Meiner Verlag in Hamburg herausgegeben wird. Und auf diesen Lapsus Gebhardts st&uuml;tzt sich Hartmut Traub ganz &uuml;berwiegend in seiner verharmlosend gesagt: negativen Beurteilung von Steiners handwerklichem Umgang mit einem Brief Spinozas in Kapitel I der <em>Philosophie der Freiheit</em>. Und zu erheblichen Teilen auch bei seiner eigenen (Traubs) Interpretation der von Steiner zitierten Briefstelle. Traubs Urteil an dieser Stelle, das ist klar zu belegen, ist definitiv in beiden F&auml;llen, Steiner und Spinoza betreffend, abwegig, weil seine Quelle falsch &uuml;bersetzt, auf die er seine &Uuml;berzeugung st&uuml;tzt. Einzelheiten dazu entnehmen Sie bitte Fagards Untersuchung.</p> <p class="whitespace">Nicht nur die Entdeckung <em>dieser</em> Tatsache, der fehlerhaften &Uuml;bersetzung Gebhardts, ist der Verdienst Fagards, sondern auch der nachfolgende Umstand, den Felix Meiner Verlag sachlich davon &uuml;berzeugt zu haben, dass der von ihnen heute noch herausgegebene namhafte &Uuml;bersetzter Carl Gebhardt in diesem Punkt nicht korrekt war und ist. Die Reaktion des Felix Meiner Verlages k&ouml;nnen Sie in der Endnote 6) in Fagards Arbeit nachlesen. So hat also auch der in akademischen Kreisen weithin vertraute Felix Meiner Verlag und die deutsche Spinozaforschung ein wenig von Fagards Arbeit profitiert.</p> <p>Die zweite Entdeckung Fagards im Rahmen seiner Vergleichsstudien ist, dass auch Steiners Quelle an einer Stelle nicht einwandfrei war, n&auml;mlich die Brief&uuml;bersetzung J. H. von Kirchmanns, auf dem Steiners Briefinterpretation aufbaut. Anlass dieses Fundes war Traubs nebulose Bemerkung auf S. 271 seines Buches &uuml;ber angebliche Steinersche &#8220;Auslassungen ohne sie kenntlich zu machen&#8221;. Wir wissen bis heute nicht was Traub damit meint, denn der Verfasser des &#8220;textkritischen&#8221; wissenschaftlichen Werkes hielt es nicht f&uuml;r n&ouml;tig, den konkreten Anstoss seiner Vorhaltungen eindeutig zu belegen und zu pr&auml;zisieren. Es ist f&uuml;r seinen Leser definitiv nicht m&ouml;glich den sachlichen Grund f&uuml;r diese seine Unterstellung nachzuvollziehen und zu &uuml;berpr&uuml;fen. Tatsache ist: Es gibt keine <em>Steinerschen</em> Auslassungen! In gar keiner Weise! &ndash; Was es aber gibt, und diese Erkenntnis ist einzig der aufmerksamen und gewissenhaften Pr&uuml;fung Fagards zu verdanken, sind offensichtliche &Uuml;bersetzungsprobleme bei J. H. von Kirchmann, analog denjenigen von Carl Gebhardt, der Quelle Traubs. Auch von Kirchmann hatte an einer Stelle falsch &uuml;bersetzt, und f&uuml;r Steiners Interpretation ist das ebenfalls nicht folgenlos geblieben. Auch dar&uuml;ber N&auml;heres in Fagards Studie.</p> <p>Anders als bei Carl Gebhardt wird J. H. von Kirchmanns &Uuml;bersetzung heute meines Wissens nicht mehr herausgegeben. Dennoch wird seine unkorrekte &Uuml;bertragung f&uuml;r die Herausgeber des Steinerschen Werkes in Dornach und die Leser von grossem Interesse sein. W&uuml;nschenswert w&auml;re, in Dornach k&uuml;nftig einen entsprechenden Vermerk in der GA-04 zu platzieren. Weil dieser Sachverhalt f&uuml;r den Leser und Interpreten des Briefes und der <em>Philosophie der Freiheit</em> von nicht unerheblicher Bedeutung ist. Das Archiv in Dornach wurde vorab &uuml;ber diese Sachlage schriftlich per e-mail unterrichtet und wird auch eine Kopie von Fagards Arbeit erhalten. &Uuml;brigens auch auf den ausdr&uuml;cklichen Wunsch von dort, denn Fagard stand mit dem Archiv in regelm&auml;ssiger Verbindung, berichtete dorthin recht detailliert &uuml;ber seine Arbeit und deren Resultate, und hatte selbst etliche Anfragen an das Archiv zur Kl&auml;rung mancher Einzelheiten.</p> <p>Eine dritte und sehr erfreuliche Entdeckung Fagards war, dass die von Steiner benutzte Kirchmannsche &Uuml;bersetzung von 1882 vollkommen textgleich ist mit derjenigen von 1871, die heute f&uuml;r jeden kostenfrei aus dem Internet bei archive.org heruntergeladen werden kann. Das klingt auf den ersten Blick zun&auml;chst einmal harmlos und eher nebens&auml;chlich, ist aber f&uuml;r den Benutzer der Steinerschen Grundschrift insofern von grosser Bedeutung, als der vom Verlag in Dornach seit 1987 der <em>Philosophie der Freiheit</em> mitgegebene bibliographische Hinweis auf Kirchmanns Ausgabe von 1882 sachlich zwar vollkommen korrekt ist, wie wir aus Dornach und vom Felix Meiner Verlag wissen. Allerdings: f&uuml;r einen ausgewiesenen Spezialisten vielleicht, aber f&uuml;r den gew&ouml;hnlichen Studierenden und Leser ist das Buch in Wirklichkeit so gut wie nicht auffindbar. Weder in Bibliothekskatalogen noch anderswo. Wir haben das sehr eindrucksvoll selbst zu sp&uuml;ren bekommen, weil es uns bei allem Aufwand nicht gelang ein Exemplar der Ausgabe von 1882 zu erhalten, um den Text zu begutachten. Die m&uuml;hevolle Fahndung nach diesem geheimnisvollen verschollenen &Uuml;bersetzungsband &ndash; das <em>Kirchmannr&auml;tsel</em> hat es Fagard gelegentlich genannt &ndash; aus dem Jahre 1882 war eine ausgesprochen zeitraubende und entnervende Angelegenheit mit zahllosen Fehlversuchen. Denn nat&uuml;rlich sollte nicht nur Steiners Zitat, sondern der vollst&auml;ndige Brief Spinozas in die Untersuchung einbezogen werden. Und der hatte mit Sicherheit authentisch &ndash; also derjenige zu sein, welcher Steiner selbst vorgelegen hatte, damit wir nicht dem selben Fehler verfielen wie Hartmut Traub, und eine abweichende Quelle benutzten. Schlussendlich fand eine lange Odyssee durch eine Anfrage beim Felix Meiner Verlag in Hamburg ihr gl&uuml;ckliches Ende und brachte definitiv Klarheit dar&uuml;ber. Die von Steiner verwendete Kirchmannausgabe von 1882 ist nicht nur textgleich mit der von 1871, sondern bis auf ein Deckblatt auch physisch identisch damit. Sie war nur in den Umschichtungen und Wandlungen im Verlagswesen des ausgehenden 19. Jahrhunderts scheinbar untergegangen, existierte aber in derselben Gestalt unter einem anderen Verlagsetikett und mit anderem Erscheinungsjahr &ndash; eben 1882 &ndash; weiter. Ein eingehender Textvergleich mit nachfolgender Recherche und diese abschliessende Anfrage beim Felix Meiner Verlag, der historisch mit J. H. von Kirchmann verkn&uuml;pft ist, stellte dies klar. Die diesbez&uuml;gliche Best&auml;tigung des Felix Meiner Verlages finden Sie in der Endnote 6) von Fagards Arbeit.</p> <p class="whitespace">Auch dies ist ein Ertrag, der f&uuml;r die Herausgeber und Studierenden der <em>Philosophie der Freiheit</em> eine grosse Erleichterung darstellen d&uuml;rfte, da wie gesagt jetzt v&ouml;llige Klarheit dar&uuml;ber herrscht, und der vollst&auml;ndige Brief in der &Uuml;bersetzung von Kirchmanns, so wie er Steiner vorlag, problemlos bei archive.org unter der Briefnummer 62 auf S. 203 ff heruntergeladen werden kann, w&auml;hrend er vorher f&uuml;r den normalen Sterblichen faktisch nicht erh&auml;ltlich war. Auch in wissenschaftlichen Bibliotheken ist diese Ausgabe von 1871 als &Uuml;bersetzungsklassiker gew&ouml;hnlich vorhanden. Manchmal dort auch eingebunden in eine Gesamtausgabe Spinozas mit anderem Erscheinungsjahr, aber eindeutig zu identifizieren. Wer besondere philologische Sorgfalt beim Quellenstudium walten lassen m&ouml;chte, und unserer Erfahrung nach ist man in diesem Fall gut beraten dies zu tun, kann nunmehr davon ausgehen, dass die Kirchmannausgaben von Spinozas Briefwechsel von 1871 und 1882 identisch sind, und folglich mit derjenigen, die Steiner selbst verwendet hat. Das gilt vor allem f&uuml;r das Studium jener erhellenden Textbestandteile des Briefes von 1674, die Steiner zwar nicht zitierte, doch aber sicherlich gekannt hat.</p> <p>Ein weiterer philologisch und rezeptionsgeschichtlich bedeutsamer Fund Fagards war, dass sich Hartmut Traub als Fachmann augenf&auml;llig in seiner textkritischen wissenschaftlichen Untersuchung nie dazu veranlasst sah die Steinersche Quelle J. H. von Kirchmann selbst zu studieren, um sein abtr&auml;gliches Urteil &uuml;ber Rudolf Steiners Umgang mit Spinozas Brief und Steiners Interpretation sachlich zu &uuml;berpr&uuml;fen und quellenkritisch zu verifizieren.</p> <p>W&auml;re dies geschehen, dann h&auml;tte er selbst feststellen m&uuml;ssen, dass es zwischen den &Uuml;bersetzungen von Kirchmanns und Gebhardts erhebliche sachliche Differenzen gibt, und Fehler auf beiden Seiten vorliegen, die Konsequenzen f&uuml;r das Verst&auml;ndnis desjenigen haben, der ihre &Uuml;bersetzungen verwendet. Angesichts <em>dieser</em> Sachlage w&auml;re Traubs Besprechung von Steiners Spinozazitat sehr anders ausgefallen als sie eben ist. Sie w&auml;re anders ausgefallen wenn er seiner textkritischen wissenschaftlichen Sorgfaltspflicht nachgekommen w&auml;re, und Steiners Quelle studiert h&auml;tte, <em>bevor</em> er Steiners Besprechung von Spinozas Brief &ouml;ffentlich in einem wissenschaftlichen Werk verreisst. Vielleicht w&auml;re dann sogar von ihm ein entsprechender Hinweis an den Felix Meiner Verlag ergangen, den Fehler des anerkannten &Uuml;bersetzers Carl Gebhardt zu korrigieren, und Hartmut Traub h&auml;tte der Spinozaforschung jenen bescheidenen Dienst erwiesen, den Merijn Fagard dann an seiner statt erbracht hat. &ndash; Nun, er verifizierte seine Meinung leider nicht, und die quellenkritische Pr&uuml;fung ist, das d&uuml;rfen wir mit sehr guten Gr&uuml;nden annehmen, unterblieben. Die Folgen davon sind in seinem Spinozakapitel von <em>Philosophie und Anthroposophie</em> auf S. 268 ff nachzulesen.</p> <p class="whitespace">Das sind sozusagen die mehr handgreiflichen und f&uuml;r den Herausgeber leicht darstellbaren Resultate und Hintergr&uuml;nde von Fagards Forschung. Seine diesbez&uuml;gliche Untersuchung war derart zeitraubend, dass er sein urspr&uuml;nglich geplantes Unternehmen, viel mehr in die Tiefen und Details der Philosophie Spinozas und Steiners vergleichend einzutauchen, auf einen noch folgenden zweiten Teil vertagen musste. Wir haben es vorgezogen dem Leser erst einmal diesen Teil 1 auszuh&auml;ndigen, um den zweiten dann in Ruhe nachfolgen zu lassen. Bei den jetzt vorliegenden philosophischen Ertr&auml;gen im engeren Sinne m&ouml;chte ich ihm in meinen einleitenden Bemerkungen nicht allzusehr vorgreifen, denn daf&uuml;r ist das Thema zu komplex. Er gibt neben der quellenkritischen Darstellung und vor ihrem Hintergrund vor allem eine sehr eingehende philosophisch kontrastierende Interpretation des von Steiner zitierten Briefes Spinozas. Und zwar des vollst&auml;ndigen Briefes, und vergleicht ihr Resultat sehr differenziert mit dem, was Hartmut Traub dazu ausf&uuml;hrt. Nur ein bedenkenswertes charakterisierendes Fazit von ihm will ich Ihnen hier einleitend mit auf den Weg geben: &#8220;Wenn zwei Philosophen dasselbe Wort verwenden, &ndash; z.B. im vorliegenden Fall das Wort <em>Freiheit</em> &ndash;, und auch die Theorien beider &uuml;ber diesen Begriff mancherlei Gemeinsamkeiten und Parallelen aufzeigen, sollte man dennoch nicht ohne tieferes Studium annehmen, dass sie auch dasselbe damit meinen, wie Traub es in diesem Falle tut.&#8221; &ndash; Ein Fazit mit weit reichenden Implikationen. Man darf schon jetzt auf den Teil 2 gespannt sein. Weiteres lesen Sie bitte bei ihm selbst.</p> <p>Merijn Fagard legt &uuml;brigens grossen Wert auf die Feststellung, dass er sich auf gar keinen Fall als Steiner-Apologet versteht, der um jeden Preis versucht, Steiner zu verteigen. Sondern sich darum bem&uuml;ht Hartmut Traub und Rudolf Steiner so sachlich wie m&ouml;glich zu behandeln &ndash; Zustimmung und Kritik inbegriffen.</p> <p>Wenn Sie Fagards Untersuchung kritisch begleiten m&ouml;chten, dann k&ouml;nnen Sie dazu den vollst&auml;ndigen von Steiner verwendeten Brieftext Spinozas im Internet herunterladen unter: <strong><a href="http://archive.org/details/diebriefemehrer00spingoog" target="_blank">http://archive.org/details/diebriefemehrer00spingoog</a></strong>. Der von Steiner zitierte Brief <strong>Nr 62</strong> findet sich auf <strong>S. 203 ff</strong>.</p> <p>Die vom Felix Meiner Verlag herausgegebene &Uuml;bersetzung von Carl Gebhardt finden Sie unter dem Titel: <em>Baruch de Spinoza, Briefwechsel. &Uuml;bersetzung und Anmerkung von Carl Gebhardt, 3. Aufl., Hamburg 1986.</em> Siehe dort den Brief <strong>Nr 58, S. 235 ff</strong>.</p> <p>Wenn Sie Merijn Fagards weitere Forschung direkt f&ouml;rdern m&ouml;chten, dann steht Ihnen folgende Bankverbindung zur Verf&uuml;gung:</p> <h5><strong>Keytrade-Bank<br> IBAN nr.: BE47 6511 5154 0880<br>BIC-Code: KEYTBEBB<br>Adresse: Houwaartsebaan 55, 3220 Holsbeek (Belgi&euml;)</strong></h5> <p><img width="550px" height="220px" id="unterzeichnung" src="unterzeichnung.png" alt="Unterzeichnung: Bielefeld im September 2012, der Herausgeber, Michael Muschalle"></p> <h2 class="titel">Merijn Fagard</h2> <h1>Rudolf Steiner und Baruch de Spinoza</h1> <h2 class="titel">Teil I</h2> <h2 class="titel">Hartmut Traubs Kritik an Steiners<br>Spinoza-Interpretation</h2> <h6><span>(Stand: 27.09.12)</span><br>(e-mail: merijn.fagard@hotmail.com)</h6> <h2><a name="inhalt"></a>Inhalt:</h2> <p class="inhalt">1. <a href="#k1">Einf&uuml;hrung: &Uuml;bersetzungsprobleme</a></p> <p class="inhalt">2. <a href="#k2">Steiners Spinoza-Interpretation</a></p> <p class="inhalt">3. <a href="#k3">Steiners Kritik an Spinoza</a></p> <p class="inhalt">4. <a href="#k4">Traubs Einw&auml;nde gegen Steiners Spinozakritik</a></p> <p class="inhalt">5. <a href="#k5">Eine Besprechung von Traubs Kritik (1)</a></p> <p class="inhalt">5.1. <a href="#k5_1">Freiheit und Notwendigkeit</a></p> <p class="inhalt">5.2. <a href="#k5_2">&Uuml;bersetzungsfehler in Traubs Quelle</a></p> <p class="inhalt">5.2.1. <a href="#k5_2_1">Hat Steiner den Unterschied zwischen eingebildeter Freiheit und Spinozas Definition &uuml;bersehen?</a></p> <p class="inhalt">5.2.2. <a href="#k5_2_2">Spinozas Begriff der Unfreiheit</a></p> <p class="inhalt">5.3. <a href="#k5_3">Zwischenfazit</a></p> <p class="inhalt">6. <a href="#k6">Traubs Kritik an Steiners Interpretation von Spinozas Brief (2)</a></p> <p class="inhalt">6.1. <a href="#k6_1">Hinweis I</a></p> <p class="inhalt">6.2. <a href="#k6_2">Hinweis II</a></p> <p class="inhalt">6.2.1. <a href="#k6_2_1">Argumente f&uuml;r Steiners verfehlte Interpretation</a></p> <p class="inhalt">6.2.2. <a href="#k6_2_2">Die Konzequenzen von Steiners verfehlter Interpretation</a></p> <p class="inhalt"><a href="#anhang_1">Anhang</a></p> <p class="inhalt"><a href="#anmerkungen">Anmerkungen</a></p> <h2><a name="k1" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">1.</a> Einf&uuml;hrung: &Uuml;bersetzungsprobleme</h2> <p>In Kapitel I seiner <em>Philosophie der Freiheit</em> zitiert Rudolf Steiner eine Passage aus einem Brief Spinozas.<a class="anmerkung" name="1" href="#anmerkung1" title="Zu Anmerkung 1">1</a> Das Zitat ist lang, umfasst aber nicht den ganzen Brief. Vor und nach diesem Zitat enth&auml;lt der Brief noch umfangreiche Passagen, die Steiner nicht in das Zitat aufnimmt. Er verwendet dabei J. H. von Kirchmanns &Uuml;bersetzung von 1882.<a class="anmerkung" name="2" href="#anmerkung2" title="Zu Anmerkung 2">2</a>,<a class="anmerkung" name="3" href="#anmerkung3" title="Zu Anmerkung 3">3</a> Allerdings informiert er den Leser nicht dar&uuml;ber, <em>welche</em> &Uuml;bersetzung er verwendet hat. Das heisst, er nennt nur Spinoza und dessen Brief, dies aber ohne pr&auml;zise Quellenangabe. Wenn wir wissen, dass er von Kirchmanns &Uuml;bersetzung verwendet hat, dann deswegen, weil die Herausgeber der Dornacher Gesamtausgabe (GA) seit 1987 ihre Ausgabe der <em>Philosophie der Freiheit</em> mit einem entsprechenden editorischen Hinweis versehen haben und das <em>Rudolf Steiner Archiv</em> uns dies in n&auml;heren Einzelheiten explizit noch einmal best&auml;tigt hat.<a class="anmerkung" name="4" href="#anmerkung4" title="Zu Anmerkung 4">4</a></p> <p>Der Urtext der Briefe Spinozas wurde urspr&uuml;nglich publiziert in den <em>Opera Posthuma (nachgelassene Werke)</em> von Spinoza, die 1677 s&auml;mtlich auf lateinisch erschienen. Auch der von Steiner zitierte Brief war also urspr&uuml;nglich nur in lateinischer Sprache bekannt.<a class="anmerkung" name="5" href="#anmerkung5" title="Zu Anmerkung 5">5</a> Dieser Umstand ist von erheblicher Bedeutung f&uuml;r das vorliegende Thema, weil die verschiedenen zeitgen&ouml;ssischen &Uuml;bersetzungen von Spinozas Briefwechsel zum Teil gravierende, auch fehlerhafte und sinnentstellende Abweichungen aufwiesen. Das wird uns im Verlauf dieser Darstellung noch zu besch&auml;ftigen haben. Denn betroffen waren davon sowohl Rudolf Steiner und die von ihm verwendete &Uuml;bersetzung Kirchmanns, und nicht weniger Hartmut Traub und die von ihm benutzte, die nicht diejenige Kirchmanns ist. Letzteres stellt schon f&uuml;r sich genommen einen philosophisch &ndash; handwerklichen Problemfall dar, dem wir hier ebenfalls nachgehen werden.</p> <p>In Steiners <em>Philosophie der Freiheit</em> lautet die Briefpassage wie folgt, und entspricht damit exakt dem Wortlaut nach der &Uuml;bersetzung J. H. von Kirchmanns von 1871/1882. Von Steiner stammen lediglich Hervorhebungen im Text, und die Zeichensetzung ist geringf&uuml;gig modernisiert worden:</p> <blockquote> <p>&laquo;Ich nenne n&auml;mlich die Sache frei, die aus der blo&szlig;en Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt, und gezwungen nenne ich die, welche von etwas anderem zum Dasein und Wirken in genauer und fester Weise bestimmt wird. So besteht zum Beispiel Gott, obgleich notwendig, doch frei, weil er nur aus der Notwendigkeit seiner Natur allein besteht. Ebenso erkennt Gott sich selbst und alles andere frei, weil es aus der Notwendigkeit seiner Natur allein folgt, da&szlig; er alles erkennt. Sie sehen also, da&szlig; ich die Freiheit nicht in ein freies Beschlie&szlig;en, sondern in eine freie Notwendigkeit setze.</p> <p>Doch wir wollen zu den erschaffenen Dingen herabsteigen, welche s&auml;mtlich von &auml;u&szlig;ern Ursachen bestimmt werden, in fester und genauer Weise zu bestehen und zu wirken. Um dies deutlicher einzusehen, wollen wir uns eine ganz einfache Sache vorstellen. So erh&auml;lt zum Beispiel ein Stein von einer &auml;u&szlig;eren, ihn sto&szlig;enden Ursache eine gewisse Menge von Bewegung, mit der er nachher, wenn der Sto&szlig; der &auml;u&szlig;ern Ursache aufgeh&ouml;rt hat, notwendig fortf&auml;hrt, sich zu bewegen. Dieses Beharren des Steines in seiner Bewegung ist deshalb ein erzwungenes und kein notwendiges, weil es durch den Sto&szlig; einer &auml;u&szlig;ern Ursache definiert werden mu&szlig;. Was hier von dem Stein gilt, gilt von jeder andern einzelnen Sache, und mag sie noch so zusammengesetzt und zu vielem geeignet sein, n&auml;mlich, da&szlig; jede Sache notwendig von einer &auml;u&szlig;ern Ursache bestimmt wird, in fester und genauer Weise zu bestehen und zu wirken.</p> <p><em>Nehmen Sie nun, ich bitte, an, da&szlig; der Stein, w&auml;hrend er sich bewegt, denkt und wei&szlig;, er bestrebe sich, soviel er kann, in dem Bewegen fortzufahren. Dieser Stein, der nur seines Strebens sich bewu&szlig;t ist und keineswegs gleichg&uuml;ltig sich verh&auml;lt, wird glauben, da&szlig; er ganz frei sei und da&szlig; er aus keinem andern Grunde in seiner Bewegung fortfahre, als weil er es wolle. Dies ist aber jene menschliche Freiheit, die alle zu besitzen behaupten und die nur darin besteht, da&szlig; die Menschen ihres Begehrens sich bewu&szlig;t sind, aber die Ursachen, von denen sie bestimmt werden, nicht kennen.</em> So glaubt das Kind, da&szlig; es die Milch frei begehre und der zornige Knabe, da&szlig; er frei die Rache verlange, und der Furchtsame die Flucht. Ferner glaubt der Betrunkene, da&szlig; er nach freiem Entschlu&szlig; dies spreche, was er, wenn er n&uuml;chtern geworden, gern nicht gesprochen h&auml;tte; und da dieses Vorurteil allen Menschen angeboren ist, so kann man sich nicht leicht davon befreien. Denn wenn auch die Erfahrung gen&uuml;gend lehrt, da&szlig; die Menschen am wenigsten ihr Begehren m&auml;&szlig;igen k&ouml;nnen und da&szlig; sie, von entgegengesetzten Leidenschaften bewegt, das Bessere einsehen und das Schlechtere tun, so halten sie sich doch f&uuml;r frei, und zwar weil sie manches weniger stark begehren und manches Begehren leicht durch die Erinnerung an anderes, dessen man sich oft entsinnt, gehemmt werden kann.&raquo; (Rudolf Steiner, Die <em>Philosophie der Freiheit</em>, GA-4, Dornach 1995, S. 17 f)</p> </blockquote> <p>Der Leser m&ouml;ge sich zum Vergleich mit der Original&uuml;bersetzung von Kirchmanns bitte den <a href="#anhang_1"title="Anhang 1 &ndash; Er&ouml;fnet in ein neues Fenster" target="_blank">Anhang 1</a> am Ende dieser Arbeit anschauen, der eine Kopie des vollst&auml;ndigen &uuml;bersetzten Briefes nebst Vorg&auml;ngerbrief an Spinoza enth&auml;lt, auf den Spinoza antwortet. Wir haben hier eine Ausgabe von 1871 als Vergleichstext in die Dokumentation aufgenommen, die vom Text her mit der von Steiner zitierten identisch ist.<a class="anmerkung" name="6" href="#anmerkung6" title="Zu Anmerkung 6">6</a> (Von Steiner zitiert wurde der zweiundsechzigste Brief vom Oktober oder November 1674. Anfang (A) und Ende (E) von Steiners Zitat aus der <em>Philosophie der Freiheit</em> sind in der Kopie mit roter Farbe markiert.)</p> <p>Hartmut Traub bemerkt in seinem Buch <em>Philosophie und Anthroposophie</em>, dass Steiner Spinozas Brief nicht korrekt zitiert habe. Er wirft ihm (S. 271) vor, aus der zitierten Briefpassage eine oder mehere Stellen ausgelassen zu haben, ohne dies kenntlich zu machen, und nennt schliesslich Steiners Zitat eine &#8220;Spinoza-Adaption&#8221;.<a class="anmerkung" name="7" href="#anmerkung7" title="Zu Anmerkung 7">7</a></p> <p>Es ist nicht ersichtlich warum Traub dies tut, denn er sagt uns nicht, was er hier konkret meint mit &#8220;Auslassung, ohne sie kenntlich zu machen&#8221; und &#8220;Spinoza-Adaption&#8221;. Meint er eine Auslassung <em>in</em> und eine Adaption <em>der</em> zitierten Briefpassage, die Steiner dann ohne n&auml;heren Hinweis vornimmt? Dies w&auml;re etwas, was sich der Leser darunter vorstellen k&ouml;nnte. Traubs Formulierung w&uuml;rde dann darauf hinweisen, dass er auf die von Steiner tats&auml;chlich zitierte Passage aus Spinozas Brief bezug nimmt.<a class="anmerkung" name="8" href="#anmerkung8" title="Zu Anmerkung 8">8</a> Doch, sollte dies so sein: um welche Auslassung und/beziehungsweise Adaption geht es konkret? Traub l&auml;sst hier seine Leser raten.</p> <p>Eine andere Lesart w&auml;re ebenfalls m&ouml;glich. Es k&ouml;nnte durchaus auch sein, dass Traub mit den Ausdr&uuml;cken &#8220;Auslassung&#8221; und &#8220;Adaption&#8221; auf jene Anschuldigung zielt, die er Steiner gegen&uuml;ber auf S. 271 erhebt &ndash; genauer: <em>ebenfalls</em> erhebt, dass n&auml;mlich Steiner sein Spinoza-Zitat an einer Stelle abbricht, wo er Traub zufolge sein Zitat nicht h&auml;tte abbrechen d&uuml;rfen. Denn dies sei, Traub gem&auml;ss, sinnentstellend. Und infolgedessen werde jene Interpretation von Spinozas Brief &uuml;bergangen, welche Traub seinerseits favorisiert. Steiner habe damit, so sieht es Hartmut Traub, einen ganz entscheidenden Aspekt im Freiheitsverst&auml;ndnis von Spinozas Brief &#8220;in seinem Zitat einfach ausgeblendet&#8221; (wir werden das unten noch eingehend thematisieren). Dies, indem er einen Satz in Spinozas Brief &#8220;seinen Lesern vorenthalten&#8221; habe.<a class="anmerkung" name="9" href="#anmerkung9" title="Zu Anmerkung 9">9</a> Den Satz n&auml;mlich, der in Spinozas Brief unmittelbar auf die von Steiner zitierte Briefpassage folgt.</p> <p>Man sieht: worauf Traub mit &#8220;Auslassung&#8221; und &#8220;Spinoza-Adaption&#8221; zielt, das bleibt ausgesprochen dunkel. Und es wird vom Leser etwas erwartet, was dieser wohl kaum leisten kann, und was auch gar nicht seine Aufgabe ist &ndash; n&auml;mlich ableiten, dass Traub dies oder jenes oder anderes mit &#8220;Auslassung&#8221; und &#8220;Spinoza-Adaption&#8221; meint, w&auml;hrend es vom Verfasser selbst in keiner Weise eindeutig und pr&auml;zise belegt, sondern nur vage angedeutet wird. Zudem w&uuml;rde man in diesem letzten Fall auch nicht die Ausdr&uuml;cke &#8220;Auslassung&#8221; und &#8220;Adaption&#8221; verwenden, weil es vollkommen banal ist, dass ein Zitat irgendwo abbricht. Und Steiner dies auch an einer nat&uuml;rlichen Stelle im Text Spinozas vornimmt, &ndash; dort n&auml;mlich, wo ein neuer Absatz beginnt.<a class="anmerkung" name="10" href="#anmerkung10" title="Zu Anmerkung 10">10</a></p> <p>Deshalb, meine Frage: Zielen die Ausdr&uuml;cke &#8220;Auslassung&#8221; und &#8220;Spinoza-Adaption&#8221; auf dasjenige, was Traub Steiner vorwirft, n&auml;mlich auf die &#8220;Ausblendung&#8221; einer <em>m&ouml;glichen</em> Interpretation von Spinozas Brief und das &#8220;Vorenthalten&#8221; des korrespondierenden Satzes, auf dem diese Interpretation Traubs massgeblich gr&uuml;nden soll? Oder auf eine Auslassung und/beziehungsweise Adaption von Spinozas Text <em>innerhalb</em> Steiners Spinoza-Zitat selbst (wie z.B. die &#8220;Auslassung&#8221; und &#8220;Adaption&#8221;, die wir gefunden haben, und gleich erl&auml;utern werden)? Oder vielleicht noch auf irgend etwas anderes? &ndash; Wir wissen es nicht und k&ouml;nnen nur etwas vermuten.</p> <p>Nun sieht die Sache folgendermassen aus: Wenn wir Steiners Spinoza-Zitat vergleichen mit der &Uuml;bersetzung Carl Gebhardts, die Hartmut Traub verwendet, dann finden wir tats&auml;chlich eine bedeutungsvolle Auslassung im letzten Teil der recht langen, von Steiner zitierten Briefpassage. Denn ein Satz, der in Gebhardts &Uuml;bersetzung <em>und</em> gleichermassen im lateinischen Urtext von Spinozas Brief enthalten ist, fehlt tats&auml;chlich im ersten Kapitel der <em>Philosophie der Freiheit</em> im Spinozazitat Steiners. <em>Und</em> er fehlt desgleichen auch in der &Uuml;bersetzung J. H. von Kirchmanns, die Steiner als Quelle diente. Der Satz &#8220;So glauben die Leute im Fieberwahn, die Schw&auml;tzer und andre von der Sorte, sie handelten nach freiem Entschlu&szlig; ihres Geistes, und sie glauben nicht, da&szlig; sie von einem Ansto&szlig; getrieben werden&#8221;<a class="anmerkung" name="11" href="#anmerkung11" title="Zu Anmerkung 11">11</a> ist sowohl in Steiners Zitat, als auch in von Kirchmanns &Uuml;bersetzung nicht vorhanden, und die Auslassung auch nicht durch Punkte kenntlich gemacht. Und der vorhergehende und nachfolgende Satz werden zudem bei beiden durch ein Semikolon zu einem Satz verbunden, w&auml;hrend es bei Gebhardt und im lateinische Urtext zwei verschiedene S&auml;tze sind. (Siehe zur genaueren &Uuml;bersicht den <a href="#&uuml;bersicht">Rahmentext</a> unten.) Dies k&ouml;nnte man interpretieren als eine Auslassung und Adaption (ein Satz ist weggelassen, zwei S&auml;tze sind zusammengef&uuml;gt). Da Traub dies aber in seinem Text nicht konkret best&auml;tigt, bleibt es ungekl&auml;rt, ob er wirklich darauf zielt. Dar&uuml;ber hinaus gibt es aber keine wirklich bedeutungsvollen, das heisst sinnentstellenden Unterschiede zwischen Steiners Zitat und der korrespondierenden Briefpassage Spinozas; weder in Gebhardts, noch in von Kirchmanns &Uuml;bersetzung.</p> <p>Nun ist es weiter so, wie wir oben bereits erw&auml;hnt haben, dass Traub in diesem Zusammenhang Steiners Zitat laut Literaturhinweisen von S. 258, 270 und 271 seines Buches mit folgender deutschen &Uuml;bersetzung von Spinozas Brief vergleicht: <em>Baruch de Spinoza. Briefwechsel. &Uuml;bersetzung und Anmerkung von Carl Gebhardt. In: Spinoza, Baruch, S&auml;mtliche Werke in sieben B&auml;nden, Hamburg 1986.</em> (Das ist die bekannte Ausgabe des Felix Meiner Verlages in Hamburg.) Also nicht etwa mit derjenigen von Kirchmanns aus dem Jahre 1871/1882, die Steiner bei der Abfassung der <em>Philosophie der Freiheit</em> als Quelle diente.<a class="anmerkung" name="12" href="#anmerkung12" title="Zu Anmerkung 12">12</a> Die &Uuml;bersetzung von Carl Gebhardt erschien erstmals 1914. Traub greift dabei zur&uuml;ck auf die o.g. Ausgabe von 1986. Welche Ver&auml;nderungen diese m&ouml;glicherweise in der Zwischenzeit seit 1914 noch erfahren hat, haben wir nicht im einzelnen &uuml;berpr&uuml;ft. Auf jeden Fall ist es eine &Uuml;bersetzung, die erst Jahre nach der Erstver&ouml;ffentlichung von Steiners <em>Philosophie der Freiheit</em> (1893) erh&auml;ltlich war. Wenn also nun Traub &ndash; wir greifen jetzt etwas vor &ndash; (S. 271) auch noch einen f&uuml;r die Interpretation wesentlichen Satz aus Spinozas Brief zitiert, den Steiner seinen Lesern angeblich vorenthalten hat, dann zitiert er zu diesem Zweck ebenfalls nicht von Kirchmanns &Uuml;bersetzung &ndash; die Steiner benutzt hat &ndash; sondern auch die sp&auml;tere &Uuml;bersetzung Carl Gebhardts. Diese von Traub verwendete &Uuml;bersetzung Carl Gebhardts ist in der Tat nicht gleich derjenigen von Kirchmanns. Und sie folgt im Hinblick auf die oben diskutierte und m&ouml;glicherweise von Traub gemeinte Auslassung eines Satzes und der Adaption wohl sorgf&auml;ltiger dem lateinischen Urtext als Kirchmanns &Uuml;bersetzung (wie der unten stehende <a href="#&uuml;bersicht1">Rahmentext</a> zeigt). An der Stelle aber, die Traub selbst aus Spinozas Brief (S. 271) zitiert, &ndash; der angeblich von Steiner dem Leser vorenthaltene wichtige Satz &ndash;, ist das Umgekehrte der Fall (siehe auch hier den unten stehenden <a href="#&uuml;bersicht2">Rahmentext</a>): Die &Uuml;bersetzung Gebhardts ist an dieser Stelle falsch. &ndash; Und das hat schwerwiegende Folgen.</p> <p>Der reinen Faktenlage nach ist damit folgendes gegeben: Wenn Steiners Zitat eine Verk&uuml;rzung (Auslassung) und Ver&auml;nderung (Adaption) am Sinngehalt des lateinischen Originals aufweist, dann ist es nicht Steiner, der daf&uuml;r verantwortlich zeichnet, sondern seine Quelle, der &Uuml;bersetzer von Kirchmann, dessen &Uuml;bersetzung er folgt. Obwohl auch dies nat&uuml;rlich nur dann mit letzter Pr&auml;zision festgestellt und beurteilt werden k&ouml;nnte, wenn wir auch w&uuml;ssten welche Version des lateinischen Urtextes Kirchmann selbst w&auml;hrend seiner &Uuml;bersetzungsarbeit als Ausgangspunkt benutzt hat, was hier nicht mehr geleistet werden kann.</p> <p>Damit ist als Fazit auf jeden Fall fest zu halten: Steiner hat den Originaltext Spinozas keinesfalls eigenm&auml;chtig und stillschweigend entstellt und verk&uuml;rzt. Sondern seine Quelle, die &Uuml;bersetzung von Kirchmanns gab ihm einen Text an die Hand, den er dem Wortlaut nach bruchlos zitiert. (Was anhand des dieser Arbeit beigef&uuml;gten <a href="#anhang_1"title="Anhang 1 &ndash; Er&ouml;fnet in ein neues Fenster" target="_blank">Anhang 1</a> zu pr&uuml;fen ist.) Dieser Kirchmannsche Text stimmt augenf&auml;llig mit dem Text eines anderen und sp&auml;teren &Uuml;bersetzers (Carl Gebhardt) in einigen relevanten Details nicht &uuml;berein. Mit Sicherheit war die &Uuml;bersetzung Gebhardts an der abweichenden Stelle, die wir gefunden haben &ndash; und auf die Traub <em>m&ouml;glicherweise</em> aber nicht notwendig zielt wenn er die Ausdr&uuml;cke &#8220;Auslassung&#8221; und &#8220;Spinoza-Adaption&#8221; verwendet &ndash; die angemessenere. An der Stelle dagegen, die Traub selbst und nachpr&uuml;fbar zitiert &ndash; der Satz von dem er sagt, Steiner habe ihn seinem Leser vorenthalten &ndash; ist die &Uuml;bersetzung von Kirchmanns die angemessenere. Der Vergleich mit dem lateinischen Urtext und anderen &Uuml;bersetzungen zeigt dies klar. Hier geht also Gebhardt, und mit ihm Hartmut Traub in die Irre. Im <a href="#&uuml;bersicht">Rahmentext</a> weiter unten findet der Leser eine zusammenfassende &Uuml;bersicht.</p> <p>Alles in allem haben wir es im vorliegenden Fall mit dem philologischen Problem der &Uuml;bersetzung von einer Sprache in eine andere zu tun, von der nachfolgend das philosophische Verst&auml;ndnis desjenigen unmittelbar betroffen ist, der von dieser &Uuml;bersetzung Gebrauch macht in der nicht unbegr&uuml;ndeten Annahme, sie sei sachlich korrekt. Und das letztere wird man im Falle des &Uuml;bersetzers von Kirchmann wohl annehmen k&ouml;nnen. Von einem schuldhaften oder grob fahrl&auml;ssigen Verhalten Steiners an dieser Stelle, wie Traub ihm in seinem Buch unterstellt, kann bei einer seri&ouml;sen Beurteilung keine Rede sein.</p> <p>Man kann sagen, dass sowohl Traub als auch Steiner auf eine vielf&auml;ltig verworrene und verwickelte Art und Weise Opfer und T&auml;ter zugleich geworden sind infolge der jeweiligen Fehler ihrer &Uuml;bersetzer. Hartmut Traub wird zum Opfer, weil er eine entscheidende Stelle bei Gebhardt im Vertrauen auf ihre sachliche Zuverl&auml;ssigkeit aufnimmt, die aber von diesem falsch &uuml;bersetzt worden ist, und ihm jetzt wiederum Anlass gibt zu einer Fehlinterpretation von Spinozas Text. Und auch zu einer Fehlbeurteilung Rudolf Steiners gleich in mehrfacher Hinsicht. Im Hinblick auf Steiners vermeintlich nachl&auml;ssigen wissenschaftlichen Umgang mit Spinozas Brief, weil Steiner einen scheinbar wichtigen Satz nicht in sein Zitat aufnimmt und dem Leser angeblich vorenth&auml;lt, und mit ihm die f&uuml;r Traub so einleuchtende Interpretation. Und nat&uuml;rlich auch im Hinblick auf Steiners anders lautende Interpretation selbst, die ja, weil er diesen scheinbar so wichtigen Satz in dieser Form gar nicht hat lesen k&ouml;nnen, auch anders ausfallen musste, als bei Traub. Aber Opfer und T&auml;ter der Auslassungen und Ver&auml;nderungen in der &Uuml;bersetzung von Kirchmanns ist wahrscheinlich auch Steiner. Einmal insofern sein Verst&auml;ndnis Spinozas direkt von den bei Kirchmann fehlenden Textteilen ber&uuml;hrt ist &ndash; wir werden das unten in Abschnitt 6.2.1.2. noch ausf&uuml;hrlicher thematisieren. Und &ndash; vorrausgesetzt unsere obige Vermutung trifft zu &ndash; er ist infolge des Vers&auml;umnisses seines &Uuml;bersetzers erst einmal auch zum Opfer geworden der Beurteilung Traubs, der die Unterlassung Kirchmanns Steiner pers&ouml;nlich anlastet, da Traub Steiners Quelle von Kirchmann, und damit die wirkliche Sachlage, gar nicht kennt.</p> <p>Alles in allem ein Desaster, das wenigstens zum guten Teil vermeidbar gewesen w&auml;re, wenn Hartmut Traub sich an dem orientiert h&auml;tte, was er sich selbst ins Programm geschrieben hat &ndash; n&auml;mlich &#8220;wissenschaftlich&#8221; und &#8220;textkritisch&#8221; zu arbeiten. Realistischerweise kann man nicht immer erwarten, dass jede &Uuml;bersetzung vor ihrer Verwendung vom Benutzer eingehend auf Fehler hin gepr&uuml;ft wird. Aber sie haben nun einmal ihre T&uuml;cken. Dies zu wissen geh&ouml;rt gew&ouml;hnlich zum R&uuml;stzeug eines Philosophen und wird ihm schon in den fr&uuml;hen Semestern seines Studiums beigebracht. Und so sollte man doch auf jeden Fall von einem <em>Fachmann</em> verlangen, dass er sich bei der folgenreichen Diskussion eines &uuml;bersetzten Textes auf dieselbe <em>Quellenlage</em> bezieht &ndash; die Quellenlage zumindest pr&uuml;ft! F&uuml;r einen Fachwissenschaftler mit explizit <em>textkritischem</em> Anspruch geh&ouml;rt das auf jeden Fall zu seinen Aufgaben. Zumal dann, wenn die Quellen lange genug bekannt sind. Darin liegt der Sinn von Quellenhinweisen in B&uuml;chern: sie dienen der &Uuml;berpr&uuml;fung und Kontrolle.</p> <p>Eine Kritik, die wir folglich an Hartmut Traub richten m&uuml;ssen, ist, dass er sich nicht bem&uuml;ht der Frage nachzugehen, welche deutsche &Uuml;bersetzung von Spinozas Brief Steiner verwendet hat. Dies scheint auf den ersten Blick, &ndash; aber eben nur vordergr&uuml;ndig &ndash; nicht ganz einfach, weil Steiner seine Quelle nicht hinreichend genau nennt. Tats&auml;chlich aber enth&auml;lt seit 1987 jede Ausgabe der <em>Philosophie der Freiheit</em> aus der Dornacher Gesamtausgabe einen eindeutigen und pr&auml;zisen editorischen Hinweis auf die Quellenlage durch die Herausgeber. So dass jeder Leser, der dies will, die urspr&uuml;ngliche Steinersche Quelle des Spinozazitats studieren und auf fragliche entstellende Eingriffe von Seiten Steiners pr&uuml;fen kann.<a class="anmerkung" name="13" href="#anmerkung13" title="Zu Anmerkung 13">13</a> Ein Sachverhalt, der einem professionellen Philosophen wie Hartmut Traub gewiss bekannt ist, oder es doch zumindest sein sollte. Und man kann sich mit guten Gr&uuml;nden fragen: Warum ging er als Fachmann diesem editorischen Hinweis nicht nach und schreibt stattdessen hinsichtlich Spinozas Briefwechsel dem Philosophen Steiner allerlei h&ouml;chst fragw&uuml;rdige Textmanipulationen zu, was bei n&auml;herer Pr&uuml;fung weder Hand noch Fuss hat?</p> <p>Man kann und soll durchaus diese Tatsache bei Steiner tadeln, &ndash; und das ist meine ehrliche &Uuml;berzeugung, &ndash; man muss diese Nonchalanche bei Steiner tadeln, dass er im Falle Spinozas seine Quelle (von Kirchmann) nicht nennt. Nicht aber kann man ihm gegen&uuml;ber den Vorwurf einer willk&uuml;rlichen und sinnentstellenden, vielleicht gar b&ouml;swilligen Textver&auml;nderung oder Auslassung erheben.<a class="anmerkung" name="14" href="#anmerkung14" title="Zu Anmerkung 14">14</a> Allenfalls liesse sich hier weiter noch bem&auml;ngeln, dass Steiner Kirchmanns &Uuml;bersetzung bruchlos gefolgt ist, ohne sie auf ihre Zuverl&auml;ssigkeit gegen&uuml;ber dem lateinischen Urtext zu pr&uuml;fen. Eine Pflicht, die er sich rein theoretisch vielleicht auch h&auml;tte auferlegen sollen oder k&ouml;nnen.<a class="anmerkung" name="15" href="#anmerkung15" title="Zu Anmerkung 15">15</a> Letzteres sind also Dinge, die man Steiner durchaus sachlich vorhalten k&ouml;nnte. Wobei sich dar&uuml;ber diskutieren liesse, wie gravierend diese Nachl&auml;ssigkeit Steiners letztendlich einzustufen ist.</p> <p>F&uuml;r Hartmut Traub gilt aber doch noch anderes, da er in seiner Publikation die Fahne der wissenschaftlichen Arbeit und wissenschaftlicher Anspr&uuml;che so demonstrativ hoch h&auml;lt.<a class="anmerkung" name="16" href="#anmerkung16" title="Zu Anmerkung 16">16</a> Wie jedoch vertr&auml;gt es sich mit diesen Anspr&uuml;chen, wenn er nicht einmal der Frage nachgeht, welche &Uuml;bersetzung Spinozas Steiner verwendet hat, obwohl dazu seitens der Herausgeber schon seit 25 Jahren v&ouml;llige und f&uuml;r ihn leicht zug&auml;ngliche Klarheit geschaffen ist.<a class="anmerkung" name="17" href="#anmerkung17" title="Zu Anmerkung 17">17</a> Dem h&auml;tte er also zuallererst nachgehen sollen: welche deutsche &Uuml;bersetzung hat Steiner verwendet? Und dann <em>dies</em> als Ausgangspunkt w&auml;hlen k&ouml;nnen f&uuml;r eine gegebenenfalls m&ouml;gliche Kritik. Da dies nicht geschieht entt&auml;uscht Traubs Arbeit handwerklich sehr, da sie in diesem Falle kaum wissenschaftlichen Standards gerecht wird: n&auml;mlich sich bei der Diskussion von Steiners Spinozarezeption auf eine identische Quellenlage zu beziehen. Und statt dessen wider besseres Wissen fremde Quellen heranzieht, die mit der Steinerschen nicht vergleichbar sind. Das Problem der Vergleichbarkeit verschiedener &Uuml;bersetzungen Spinozas d&uuml;rfte dem Philosophen Traub nicht g&auml;nzlich unbekannt sein; und so muss man wohl die Frage aufwerfen, warum er so operiert wie er es tut? Schliesslich und endlich entt&auml;uscht seine Arbeit vor allem auch deswegen, weil er selbst jenen wissenschaftlichen Forderungen nicht entfernt gerecht wird, die er so hartn&auml;ckig und explizit sich selbst und anderen Kommentatoren Steiners gegen&uuml;ber erhebt.</p> <p>Es ist also keineswegs eine nur triviale Forderung, dass man bei einer kritischen &Uuml;berpr&uuml;fung genau <em>die</em> &Uuml;bersetzung zu Rate zieht, die Steiner selbst auch verwendet hat. Weil der Gebrauch einer fremden &Uuml;bersetzung, die Steiner bei Abfassung der <em>Philosophie der Freiheit</em> nicht gekannt haben konnte, da sie noch nicht vorhanden war, wie gezeigt dazu f&uuml;hren kann, dass eine angeblich fehlerhafte und sinnentstellte Steinersche Interpretation von Spinozas Brief konstruiert und kritisiert wird, w&auml;hrend es in Wirklichkeit lediglich ein Problem der verwendeten &Uuml;bersetzung ist. Im vorliegenden haben wir es ja sogar mit Fehlern bei beiden &Uuml;bersetzern &ndash; jeweils von Traub und Steiner &ndash; zu tun, was die Sachlage noch wesentlich verkompliziert und versch&auml;rft. W&auml;re Traub allein von Kirchmanns &Uuml;bersetzung gefolgt, er h&auml;tte auf der Basis <em>dieser</em> &Uuml;bersetzung vermutlich keinen Grund gefunden, Steiners Spinoza-Interpretation an dieser Stelle zu verwerfen.</p> <p>Der folgende Rahmentext vermittelt eine erste &Uuml;bersicht zur &Uuml;bersetzungsproblematik. An sp&auml;terer Stelle werden wir noch einmal etwas ausf&uuml;hrlicher darauf zur&uuml;ck kommen.</p> <div id="rahmentext"> <h2><a name="&uuml;bersicht"></a>&Uuml;bersicht</h2> <h3>&Uuml;bersetzungsdifferenzen bei Rudolf Steiner und Hartmut Traub</h3> <h4><a name="&uuml;bersicht1"></a>1. Fehler in der Kirchman-Ausgabe (verwendet von Rudolf Steiner):</h4> <p>Kirchmann &uuml;bersetzt &ndash; und Steiner &uuml;bernimmt diese &Uuml;bersetzung als Zitat in seiner <em><em>Philosophie der Freiheit</em>:</em></p> <p>&#8220;&#91;&#8230;&#93; Ferner glaubt der Betrunkene, dass er nach freiem Entschluss dies spreche, was er, wenn er n&uuml;chtern geworden, gern nicht gesprochen h&auml;tte; und da dieses Vorurtheil allen Menschen angeboren ist, so kann man sich nicht leicht davon befreien. &#91;&#8230;&#93;&#8221;<a class="anmerkung" name="18" href="#anmerkung18" title="Zu Anmerkung 18">18</a></p> <p>Dies ist nicht korrekt &uuml;bertragen, weil das Semikolon (&#8220;;&#8221;) an dieser Stelle ein Punkt sein muss. Das &#8220;und&#8221; nach dem Semikolon leitet bei Spinoza anschliessend einen neuen Satz ein. Es geht hier also um zwei verschiedene S&auml;tze. Hinzu kommt, dass zwischen diesen beiden S&auml;tzen im Urtext noch ein l&auml;ngerer, dritter Satz eingef&uuml;gt ist, den Kirchmann vollst&auml;ndig ausgelassen hat.</p> <p>Der lateinischen Urtext gibt:</p> <p lang="la"><p>&#8220;&#91;&#8230;&#93; Ebrius deinde credit, se ex libero mentis decreto ea loqui, qu&aelig; postea sobrius tacuisse vellet. Sic delirans, garrulus & hujus farin&aelig; plurimi se ex libero mentis decreto agere, non autem impetu ferri credunt. Et quia hoc pr&aelig;judicium omnibus hominibus innatum est, non it&agrave; facil&egrave; eodem liberantur. &#91;&#8230;&#93;&#8221;<a class="anmerkung" name="19" href="#anmerkung19" title="Zu Anmerkung 19">19</a></p> <p>Traubs &Uuml;bersetzer Gebhardt &uuml;bertr&auml;gt diese Passage eindeutig angemessener. Seine &Uuml;bersetzung lautet:</p> <p>&#8220;&#91;&#8230;&#93; Auch der Betrunkene glaubt, er rede aus freiem Entschlu&szlig; seines Geistes, wenn er Dinge sagt, die er sp&auml;ter im n&uuml;chternen Zustande lieber verschwiegen haben wollte. So glauben die Leute im Fieberwahn, die Schw&auml;tzer und andre von der Sorte, sie handelten nach freiem Entschlu&szlig; ihres Geistes, und sie glauben nicht, da&szlig; sie von einem Ansto&szlig; getrieben werden. Und da dieses Vorurteil allen Menschen eingeboren ist, machen sie sich nicht leicht davon los. &#91;&#8230;&#93;&#8221;<a class="anmerkung" name="20" href="#anmerkung20" title="Zu Anmerkung 20">20</a></p> <h4><a name="&uuml;bersicht2"></a>2. Fehler in der &Uuml;bersetzung von Carl Gebhardt (verwendet von Hartmut Traub):</h4> <p>Auf S. 271 seiner Arbeit zitiert Traub folgende Stelle aus Carl Gebhardts &Uuml;bersetzung von Spinozas Briefwechsel:</p> <p>&#8220;Hiermit habe ich, wenn ich nicht irre, meine Meinung &uuml;ber die eingebildete Freiheit genugsam auseinandergesetzt. &#91;&#8230;&#93;&#8221;<a class="anmerkung" name="21" href="#anmerkung21" title="Zu Anmerkung 21">21</a></p> <p>Der lateinische Urtext von Spinozas Briefwechsel aber gibt:</p> <p lang="la">&#8220;His, qu&aelig;nam mea de liber&acirc;, & co&auml;ct&acirc; necessitate, deque fict&acirc; human&acirc; libertate sit sententia, satis, ni fallor, explicui; &#91;&#8230;&#93;&#8221;<a class="anmerkung" name="22" href="#anmerkung22" title="Zu Anmerkung 22">22</a></p> <p>Es muss folglich heissen:</p> <p>&#8220;Damit habe ich, wenn ich nicht irre, meine Meinung &uuml;ber die freie und erzwungene Notwendigkeit und die eingebildete Freiheit des Menschen genugsam auseinandergesetzt. &#91;&#8230;&#93;&#8221;</p> <p>S&auml;mtliche mir zug&auml;nglichen englischen, franz&ouml;zischen und niederl&auml;ndischen &Uuml;bersetzungen, &uuml;bertragen diesen Text auch in diesem Sinne:</p> <p lang="en">&#8220;With these remarks, unless I am mistaken, I have sufficiently explained what my view is about free and compelled necessity, and about imaginary human freedom: &#91;&#8230;&#93;&#8221;<a class="anmerkung" name="23" href="#anmerkung23" title="Zu Anmerkung 23">23</a></p> <p lang="en">&#8220;I have now, if I am not mistaken, sufficiently set forth my views on free and constrained necessity and on imaginary human freedom, &#91;&#8230;&#93;&#8221;<a class="anmerkung" name="24" href="#anmerkung24" title="Zu Anmerkung 24">24</a></p> <p lang="fr">&#8220;Par l&agrave;, j'ai assez expliqu&eacute;, si je ne me trompe, mon avis sur la n&eacute;cessit&eacute;, libre ou contreinte, et sur la libert&eacute; fictive des hommes. &#91;&#8230;&#93;&#8221;<a class="anmerkung" name="25" href="#anmerkung25" title="Zu Anmerkung 25">25</a></p> <p lang="nl">&#8220;Hiermee heb ik, dacht ik, wel voldoende uiteengezet wat mijn mening is over de vrije en gedwongen noodzakelijkheid en over de gewaande menselijke vrijheid. &#91;&#8230;&#93;&#8221;<a class="anmerkung" name="26" href="#anmerkung26" title="Zu Anmerkung 26">26</a></p> <p>Und auch von Kirchmann, Steiners &Uuml;bersetzer, &uuml;bertr&auml;gt hier korrekt:</p> <p>&#8220;Damit habe ich, glaube ich, meine Ansicht &uuml;ber die freie und erzwungene Nothwendigkeit und &uuml;ber die eingebildete Freiheit gen&uuml;gend dargelegt &#91;&#8230;&#93;&#8221;<a class="anmerkung" name="27" href="#anmerkung27" title="Zu Anmerkung 27">27</a></p> <p>Traubs &Uuml;bersetzer Gebhardt hat hier unverkennbar die &#8220;freie und erzwungene Notwendigkeit&#8221; (liber&acirc;, & co&auml;ct&acirc; necessitate) und auch das &#8220;des Menschen&#8221; (human&acirc;) ausgelassen.</p> </div> <!-- rahmentext --> <p>Die Nachl&auml;ssigkeit Traubs hinsichtlich der von Steiner verwendeten &Uuml;bersetzung ist also alles andere als harmlos, und scheint Ausdruck eines tieferen Problems zu sein. Obwohl Traubs Arbeit sehr umfangreich ist, kann ich mich nicht von dem Eindruck befreien, dass sie von einer gewissen Oberfl&auml;chlichkeit zeugt, die vielleicht nicht f&uuml;r seine ganze Arbeit gilt, auf jeden Fall aber zun&auml;chst einmal f&uuml;r diese kleinere Passage, die Steiners Spinoza-Interpretation in der <em>Philosophie der Freiheit</em> behandelt, und auf die ich hier auch mit diesem Artikel reagiere. Denn fast meine gesamte Kritik hier an Traub &ndash; es gibt in diesem Zusammenhang auch Punkte, wo ich ihm zustimme &ndash; ist Folge davon, dass er Steiner und Spinoza nur oberfl&auml;chlich liesst, und dann auf grund von wenigen Begriffen und Begriffszusammenh&auml;ngen, die Steiner und Spinoza gemeinsam verwenden, dahingehend urteilt, beide h&auml;tten eine fast identische &Uuml;berzeugung hinsichtlich der menschlichen Freiheit und den damit zusammenh&auml;ngenden Themen. Dabei kommt Traub nicht auf den Gedanken, dass man doch zuerst eruieren sollte was Steiner bzw. Spinoza mit einem gewissen Wort/Begriff meinen (z.B. &#8220;Freiheit&#8221;), weil andernfalls die Analyse auf keine realen Fakten gegr&uuml;ndet ist. Mir dr&auml;ngt sich der Eindruck auf, dass Traub nicht wirklich eingeht auf die Gedankenbildung Spinozas und Steiners. Sondern eher oberfl&auml;chlich vieles zusammentr&auml;gt und verbindet, ohne die Differenzen und &Uuml;bereinstimmungen aufzusuchen und eingehender zu analysieren. Dabei suggeriert er auch letzteres sei gar nicht n&ouml;tig, denn wenn bereits eine oberfl&auml;chliche Analyse zeige, dass er Recht habe mit seiner Kritik an Steiner, dann werde eine tiefergehende dies zwangsl&auml;ufig auch weiter best&auml;tigen.<a class="anmerkung" name="28" href="#anmerkung28" title="Zu Anmerkung 28">28</a> Dem kann ich nun keineswegs beipflichten, und m&ouml;chte hier die Gelegenheit nutzen zu zeigen, dass dies wirklich auch nicht der Fall ist. Dabei kann ich im Interesse Traubs nur hoffen, dass meine Kritik nicht exemplarisch f&uuml;r sein gesamtes Buch gilt. Beispielsweise f&uuml;r den Kontext seiner Behandlung des Verh&auml;ltnisses von Steiner und Fichte &ndash; denn dieser umfasst einen weit gr&ouml;sseren und vielleicht auch wichtigeren Teil von Traubs Arbeit. Und auch dort ist Traubs Kritik an Steiner regelm&auml;ssig sehr hart.</p> <p>Doch nehmen wir zun&auml;chst den Faden wieder auf und f&uuml;hren die Besprechung von Traubs Kritik an Steiners Umgang mit Spinoza fort. Zuerst werde ich dazu Steiners Interpretation von Spinozas Brief und Spinozas Gedanken im allgemeinen zu rekonstruieren versuchen. Anschliessend folgt eine Er&ouml;rterung von Steiners Kritik an Spinoza. Nachfolgend behandle ich Traubs Kritik an dieser Spinozakritik Steiners. Dies wird in mehreren Schritten geschehen, weil Traubs Kritik vielf&auml;ltig ist. Abschliessend bespreche ich Punkt f&uuml;r Punkt Traubs Kritik an Steiner und versuche sie zu beurteilen.</p> <h2><a name="k2" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">2.</a> Steiners Spinoza-Interpretation</h2> <p>Steiners Interpretation der Briefpassage Spinozas stellt sich f&uuml;r mich folgendermassen dar: F&uuml;r Spinoza ist das menschliche Handeln vollkommen unfrei. Denn der Mensch ist ein erschaffenes Ding, das, obwohl komplex, &#8220;s&auml;mtlich von &auml;u&szlig;eren Ursachen bestimmt &#91;&#8230;&#93;&#8221; wird &#8220;in fester und genauer Weise zu bestehen und zu wirken.&#8221;<a class="anmerkung" name="29" href="#anmerkung29" title="Zu Anmerkung 29">29</a> &Auml;u&szlig;ere Ursachen und notwendige (Natur)Gesetze bestimmen ausnahmslos das gesamte menschliche Handeln. Dies heisst auch so viel wie: Spinoza ist in den Augen Steiners ein Determinist.<a class="anmerkung" name="30" href="#anmerkung30" title="Zu Anmerkung 30">30</a></p> <p>Spinoza erkl&auml;rt auch, warum der Mensch gleichwohl spontan annimmt frei zu sei. Denn er (Spinoza) beobachte, dass &#8220;die Menschen&#8221; mit dieser Annahme leben. Dabei bedeutet &#8220;frei&#8221;: nicht von Ursachen getrieben und von Gesetzen bestimmt zu werden, sondern unabh&auml;ngig von diesen, nur vom eigenen Willen veranlasst und bestimmt zu werden. Spinozas Erkl&auml;rung ist in den Augen Steiners, dass diese Annahme eine Illusion sei.<a class="anmerkung" name="31" href="#anmerkung31" title="Zu Anmerkung 31">31</a> Das von Spinoza f&uuml;r diese Erkl&auml;rung angef&uuml;hrte Argument lautet: Die Menschen glauben/f&uuml;hlen/denken spontan sie seien frei, weil sie (a) die &auml;u&szlig;eren Ursachen und notwendigen (Natur)Gesetze, die ihr Handeln bestimmen, nicht erkennen (sehen), und (b) weil sie sich bewusst sind ihres Handeln und ihres Strebens, so zu handeln wie sie handeln. Diese zwei Tatsachen f&uuml;hren in Spinozas Augen dazu, dass die Menschen annehmen ihr Streben sei verantwortlich f&uuml;r die Handlung, w&auml;hrend in Wirklichkeit doch ihr Handeln nicht von diesem Streben (dem Willen), sondern vollkommen von &auml;u&szlig;eren Ursachen und den entsprechenden notwendigen Gesetzen bestimmt wird. Spinoza veranschaulicht sein Argument exemplarisch anhand eines Steines: Nicht anders als der Stein durch einen Stoss veranlasst wird sich den Gesetzen der Physik gem&auml;ss zu bewegen, so wird auch der Mensch in seinem Handeln von &auml;u&szlig;eren Ursachen und notwendigen Naturgesetzen bestimmt auf eine gewisse Weise sich zu bewegen oder zu verhalten. Nimmt man nun an der Stein habe auch das Streben sich so zu bewegen wie er sich bewegt, und auch ein Bewusstsein dieses Strebens, dann h&auml;tten wir grunds&auml;tzlich dieselbe Sachlage wie beim Menschen. Denn der einzige Unterschied zwischen dem Stein und dem Menschen ist, dass der Mensch ein komplizierteres Wesen ist als der Stein. Und infolgedessen sind die &auml;u&szlig;eren Ursachen und die Gesetze, die das menschliche Handeln bestimmen, lediglich komplexer als diejenigen, welche die Bewegung des Steines beherrschen. Im Grundsatz aber besteht in dieser Hinsicht zwischen Mensch und Stein kein Unterschied. Dies gilt wie gesagt f&uuml;r <em>alles</em> Handeln der Menschen.</p> <p>Damit umfasst Steiners Interpretation des zitierten Brieffragmentes die folgenden Thesen, die Steiner entsprechend Spinoza beilegt:</p> <ul> <li>Der Mensch handelt v&ouml;llig unfrei. Das hei&szlig;t: <em>alle</em> seine Handlungen sind ausnahmslos unfreie;</li> <li>Er nimmt spontan an oder er glaubt/denkt spontan frei zu handeln;</li> <li>Diese spontane Annahme, frei zu sein, ist eine Illusion;</li> <li>Die Illusion entsteht weil er (a) die Ursachen und Gesetze seines Handelns nicht erkennt, aber (b) sich bewusst ist der Handlung und seines Strebens, so handeln zu wollen wie er handelt;</li> <li>Alle Menschen leiden an dieser Illusion.</li> </ul> <p>Diese f&uuml;nf Thesen schreibt Steiner in seiner Interpretation implizit Spinoza zu. Und an dieser Stelle setzt er seine Kritik an.</p> <h2><a name="k3" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">3.</a> Steiners Kritik an Spinoza</h2> <p>Steiners Kritik gegen&uuml;ber der von ihm zitierten Spinozapassage ist folgende: Spinoza werfe s&auml;mtliche menschlichen Handlungen &#8220;in einen Topf&#8221;, n&auml;mlich in den Topf (oder die <em>Kategorie</em>) von Handlungen, wo der Handelnde nicht wei&szlig;, welche &auml;u&szlig;eren Ursachen und notwendigen Gesetzm&auml;ssigkeiten sein Handeln bestimmen. Spinoza habe aber kein Recht, dies zu behaupten. Denn es g&auml;be auch Handlungen, wo der Handelnde die Ursachen oder Gr&uuml;nde<a class="anmerkung" name="32" href="#anmerkung32" title="Zu Anmerkung 32">32</a> seines Handlens gut kennt, und erst handelt, nachdem er diese Ursachen oder Gr&uuml;nde erkannt hat.</p> <p>Steiner ist insoweit einverstanden mit Spinoza, dass wir dort, wo wir die Ursachen oder Gr&uuml;nde unseres Handelns nicht kennen, tats&auml;chlich auch unfrei handeln. Da gibt es f&uuml;r ihn keine Diskussion. Er wirft Spinoza indessen vor, dass dieser nicht daran gedacht habe, dass Menschen auch ein Bewusstsein der Ursachen oder Gr&uuml;nde ihres Handelns haben k&ouml;nnen, und dass dies vielleicht eine Bedeutung haben k&ouml;nnte f&uuml;r die Beurteilung der Freiheit des menschlichen Handelns. Steiners Hauptfrage wird damit, ob Handlungen, deren Ursachen und Gr&uuml;nde dem Menschen vor oder w&auml;hrend der Handlung bewusst sind, vielleicht freie sind. Und es wird dann auch seine Arbeitshypothese werden, dass dies tats&auml;chlich so sei. Er k&uuml;ndigt in <em>Kapitel I</em> der <em>Philosophie der Freiheit</em> entsprechend an, dass er nachfolgend die Tragf&auml;higkeit dieser Hypothese weiter untersuchen werde.<a class="anmerkung" name="33" href="#anmerkung33" title="Zu Anmerkung 33">33</a></p> <p>Steiner best&auml;tigt damit von <em>einer</em> Kategorie von Handlungen, dass sie unfreie sind. Es ist dies jene, wo dem Handelnden die bestimmenden Ursachen und Gesetze seines Handelns unbekannt sind. Und an Spinoza richtet er den Vorwurf nur diese <em>eine</em> Kategorie von Handlungen zu ber&uuml;cksichtigen. Doch es g&auml;be auch noch eine andere Kategorie von Handlungen. Und weil von diesen noch nicht klar sei, ob sie freie oder unfreie Handlungen seien, liesse sich mit guter Hoffnung annehmen, dass es m&ouml;glicherweise freie seien. Infolgedessen habe sich die Untersuchung vorrangig zu richten auf diese andere, von Spinoza nicht anerkannte Kategorie.</p> <h2><a name="k4" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">4.</a> Traubs Einw&auml;nde gegen Steiners Spinozakritik</h2> <p>Traubs Beurteilung dieser Kritik Steiners zielt auf zwei Punkte:<a class="anmerkung" name="34" href="#anmerkung34" title="Zu Anmerkung 34">34</a></p> <ol id="traubkritik"> <li><p>Warum hat Steiner die <em>Ethik</em>, Spinozas philosophisches Hauptwerk, nicht mit einbezogen? H&auml;tte er dies getan, dann h&auml;tte er gesehen, dass Spinoza &uuml;ber einen positiven Begriff der Freiheit verf&uuml;gt, den er dort auch auf den Menschen anwendet. Steiner h&auml;tte dann auch erkannt, dass Spinoza keineswegs ein Freiheitsgegner ist, sondern eigentlich ein Bundesgenosse. Denn beide, Steiner und Spinoza, verf&uuml;gen &uuml;ber einen positiven Begriff der Freiheit. H&auml;tte also Steiner Spinozas <em>Ethik</em> gelesen, so h&auml;tte er bemerkt, dass es zwischen seiner Freiheitsauffassung und derjenigen Spinozas sehr viele Gemeinsamkeiten gibt. Steiner h&auml;tte also besser daran getan Spinoza nicht vorschnell zu kritisieren, sondern ihn zun&auml;chst einmal zu <em>lesen</em>.<a class="anmerkung" name="35" href="#anmerkung35" title="Zu Anmerkung 35">35</a></p></li> <li><p>Abgesehen davon, dass Spinoza in der <em>Ethik</em> einen Freiheitsbegriff entwickelt, der demjenigen Steiners sehr &auml;hnlich ist, habe Steiner auch in dem zitierten Brieffragment zwei Hinweise &uuml;bersehen, die darauf deuten, dass Spinoza diese Auffassung (der <em>Ethik</em>) &uuml;ber die menschliche Freiheit habe, und deshalb nicht als Freiheitsgegner kritisiert werden k&ouml;nne. Denn obwohl Spinoza <em>im Brief</em> zwar nicht explizit diese seine Auffassung der menschlichen Freiheit darlege, g&auml;be es dort zwei deutliche Hinweise, die <em>implzit</em> auf diese Auffassung verweisen, und die Steiner nicht h&auml;tte &uuml;bersehen d&uuml;rfen. Mit anderen Worten, Steiner habe das zitierte Brieffragment nicht richtig interpretiert. St&auml;rker noch: Traub wirft ihm sogar vor, durch die Art des Zitierens, die richtige Interpretation (bewusst oder unbewusst &ndash; Traub stellt sich diese Frage nicht und spricht sich dar&uuml;ber auch nicht aus) ausgeblendet zu haben.</p> <p>Die zwei Hinweise im Brief, die Steiner h&auml;tten auffallen sollen, sind laut Traub die folgenden.</p> <p class="hinweistitel">Hinweis I:</p> <p class="hinweis">Im von Steiner zitierten Brieffragment pr&auml;sentiert Spinoza seine <em>Definition</em> der Freiheit. Diese veranschaulicht er dort dergestalt, dass er sie anwendet auf Gott. Dies zu demonstrativen Zwecken, um f&uuml;r seinen Leser die Konsequenzen dieser Definition des Freiheitsbegriffs etwas zu konkretisieren. Obwohl Spinoza im Brief selbst diesen Freiheitsbegriff nicht auf den Menschen anwendet, tue er dies allerdings in der <em>Ethik</em>. Darauf aber h&auml;tte Steiner beim Lesen des Briefes eigentlich kommen und entsprechend weiter nachfragen m&uuml;ssen, so suggeriert Traub. Dies aber habe Steiner unterlassen. Er ignoriere stattdessen diese Definition von Spinozas Freiheitsbegriff, obwohl er sie zitiert.<a class="anmerkung" name="36" href="#anmerkung36" title="Zu Anmerkung 36">36</a></p> <p class="hinweistitel">Hinweis II:</p> <p class="hinweis">Spinoza erkl&auml;rt die illusion&auml;re Freiheitsauffassung der Menschen teilweise damit, dass diese &#8220;&#91;&#8230;&#93; die Ursachen, von denen sie bestimmt werden, nicht kennen. &#91;&#8230;&#93;&#8221;.<a class="anmerkung" name="37" href="#anmerkung37" title="Zu Anmerkung 37">37</a> Spinoza habe aber die M&ouml;glichkeit gesehen, dass die Menschen diese Ursachen erkennen k&ouml;nnen. Und gerade darauf baue er, nicht anders als Steiner, seine Verteidigung der menschlichen Freiheit auf. Zwar nicht im Brief, wohl aber in der <em>Ethik</em>. Traub schreibt dazu: &#8220;&#91;&#8230;&#93; Die zweite Stelle im Brief, an der Spinozas eigener Freiheitsbegriff indirekt zur Sprache kommt, hat Steiner selber zitiert. Und es ist erstaunlich dass ihn diese Stelle nicht stutzig gemacht hat. Denn Spinoza beschreibt hier, wenn auch nur negativ, genau das, was nach Steiners eigenem Daf&uuml;rhalten zur Wesensbestimmung der Freiheit geh&ouml;rt, n&auml;mlich &#8216;das Wissen um die Gr&uuml;nde und Ursachen unseres Handelns&#8217; Spinoza schreibt: &#8216;&#91;Dass ist&#93; die menschliche Freiheit, auf deren Besitz alle so stolz sind und die doch nur darin besteht, da&szlig; die Menschen sich ihres Begehrens bewusst sind, aber die Ursachen, von denen sie bestimmt werden, nicht kennen.&#8217; Formulieren wir diese Kritik positiv um, so besagt sie: Es ist die Erkenntnis der Ursachen, von denen unser Handeln bestimmt wird, die zum ad&auml;quaten Verst&auml;ndnis des Wesens der Freiheit erforderlich ist. &#91;&#8230;&#93;&#8221;<a class="anmerkung" name="38" href="#anmerkung38" title="Zu Anmerkung 38">38</a> Steiner h&auml;tte also besser daran getan sich zu fragen, ob sich Spinoza nicht auch selbst &uuml;berlegt habe, ob die M&ouml;glichkeit einer Erkenntnis von bestimmenden Ursachen und Gesetzen des Handelns bestehe. Anstatt ihn zu kritisieren, nur weil er <em>im Brief</em> diesen Gedanken nicht weiter verfolgt.</p></li> </ol> <p>Traubs Fundamentalkritik von Steiners Interpretation des Spinoza-Zitats zusammengefasst: Steiner habe &uuml;bersehen, dass Spinoza im Brief lediglich zu zeigen versucht, warum jene Freiheit, welche <em>&#8220;die Menschen&#8221;</em> zu haben glauben, nicht real, sondern eine Illusion sei. Diese Konzeption von Freiheit sei aber nicht diejenige von Spinoza selbst. Im Brieffragment attackiere Spinoza also lediglich einen Begriff von menschlicher Freiheit. Und zwar jenen, den <em>&#8220;die Menschen&#8221;</em> sich naiv und spontan davon bilden. Er attackiere aber keineswegs die M&ouml;glichkeit einer menschlichen Freiheit im Sinne des Freiheitsbegriffes, so wie er ihn, sowohl in der <em>Ethik</em>, wie auch im Briefe (beide Begriffe sind exakt dieselben) <em>definiert</em>. Zusammen mit (1), n&auml;mlich Traubs These, dass Steiners eigener Begriff der menschlichen Freiheit fast derselbe sei wie derjenige aus Spinozas <em>Ethik</em>, bedeute dies, dass Steiners Kritik an Spinoza v&ouml;llig verfehlt sei, und er bei Spinoza nur offene T&uuml;re einrenne.<a class="anmerkung" name="39" href="#anmerkung39" title="Zu Anmerkung 39">39</a></p> <h2><a name="k5" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">5.</a> Eine Besprechung von Traubs Kritik (1)</h2> <h3><a name="k5_1" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">5.1.</a> Freiheit und Notwendigkeit</h3> <p>Nachfolgend m&ouml;chte ich diese Kritik von Traub besprechen. Dabei gehe ich zun&auml;chst ein auf Traubs Kritik (1).</p> <p>Ich stimme mit Traub &uuml;berein, wenn er sagt, dass man einen Unterschied machen m&uuml;sse zwischen:</p> <ol id="zweibegriffevonfreiheit"> <li>Spinozas Begriff der Freiheit, wie er ihn in der <em>Ethik</em> gleichermassen wie im Brief <em>definiert</em>, und</li> <li>dem Begriff der Freiheit, den Spinoza im Brief &#8220;den Menschen&#8221; zuschreibt.</li> </ol> <p>Ich bin ebenfalls einverstanden wenn Traub sagt, im Brief sei es nur die Freiheit im Sinne von (ii), die Spinoza attackiert, indem er sie zur Illusion erkl&auml;rt. Doch bin ich nicht einverstanden mit Traubs Kritik (1), wenn er impliziert Steiner h&auml;tte sich an Spinozas Definition der Freiheit (i) orientieren sollen, weil diese gro&szlig;e &Auml;hnlichkeiten aufzeige mit Steiners eigenem Begriff der Freiheit. Meine Auffassung ist, dass Steiners Begriff der Freiheit tats&auml;chlich die meisten Gemeinsamkeiten mit Spinozas Begriff der Freiheit aufzeigt, die Traub nennt, und sogar noch einige mehr, die Traub selbst in seiner Arbeit nicht nennt.<a class="anmerkung" name="40" href="#anmerkung40" title="Zu Anmerkung 40">40</a> Zudem auch, dass Steiner in seiner <em>Philosophie der Freiheit</em> einen Begriff der Freiheit zu begr&uuml;nden versucht, der grunds&auml;tzlich zusammenf&auml;llt mit (ii) in Spinozas Brief anstatt mit (i). Mit anderen Worten, mir scheint, dass Steiners Begriff der Freiheit, trotz aller Gemeinsamkeiten, die ich anerkenne, in einem wesentlichen Punkt von Spinozas Definition abweicht, und deshalb auch unterschieden werden muss von (i). Diese Differenz ist begr&uuml;ndet durch Spinozas Gebrauch des Notwendigkeitsbegriffes innerhalb seiner Definition (i). Der Freiheitsbegriff (ii) ist ein Begriff, den Spinoza nicht wirklich definiert in seinem Brief (wie er dies macht mit seinem Freiheitsbegriff i). Er hat aber auf jeden Fall die Eigenschaft, dass er <em>nicht</em> die Notwendigkeit <em>enth&auml;lt</em> (und damit eine Art von Notwendigkeit ist), sondern eher, dass er der Notwendigkeit <em>entgegengesetzt</em> ist. Der Freiheitsbegriff, den Spinoza den Menschen zuschreibt als ihre (illusorische) &Uuml;berzeugung, ist nicht vereinbar mit die These einer notwendigen Weltordnung.</p> <p>Dass Steiner einen solchen Begriff verwendet und nicht Spinozas Definition, k&ouml;nnen wir exemplarisch aus zwei Textstellen ableiten. Zuerst seine Fragestellung, wo er deutlich die Freiheit abgrenzt vom Begriff der Notwendigkeit. Denn er schreibt ganz am Anfang von Kapitel I der <em><em>Philosophie der Freiheit</em>:</em> &#8220;Ist der Mensch in seinem Denken und Handeln ein geistig <em>freies</em> Wesen oder steht er unter dem Zwange einer rein naturgesetzlichen ehernen Notwendigkeit? &#91;&#8230;&#93;&#8221;.<a class="anmerkung" name="41" href="#anmerkung41" title="Zu Anmerkung 41">41</a> Dabei ist dies die Neuausgabe 1918 von Steiners Schrift. In der Erstausgabe (1894) hie&szlig; es noch schlicht (dort ist es Kapitel II): &#8220;Ist der Mensch in seinem Denken und Handeln <em>frei</em>, oder steht er unter dem Zwange einer ehernen Notwendigkeit? &#91;&#8230;&#93;&#8221;<a class="anmerkung" name="42" href="#anmerkung42" title="Zu Anmerkung 42">42</a> Dies bedeutet, Steiner versteht die Freiheit als g&auml;nzlich unvertr&auml;glich mit Notwendigkeit. Und dies steht klar im Gegensatz zu Spinozas Definition, wo Freiheit und Notwendigkeit mit einander kombiniert werden, und das freie Handeln sogar identisch ist mit einer Art von <em>notwendigem</em> Handeln. Denn Spinoza schreibt, wie oben bereits zitiert: &#8220;&#91;&#8230;&#93; Ich nenne n&auml;mlich die Sache frei, die aus <em>der blo&szlig;en Notwendigkeit ihrer Natur</em> besteht und handelt &#91;&#8230;&#93;&#8221;.<a class="anmerkung" name="43" href="#anmerkung43" title="Zu Anmerkung 43">43</a></p> <p>Die zweite Textstelle ist auch eine Passage der <em>Philosophie der Freiheit</em>, die man auffassen k&ouml;nnte &ndash; obwohl Steiner das selbst so nicht pr&auml;sentiert &ndash; als seine Definition der Freiheit. Diese findet der Leser dann erst in Kapitel IX. Sie umfasst, obwohl sie ganz &auml;hnlich ist derjenigen des Spinoza, erkennbar <em>nicht</em> den Begriff der Notwendigkeit. Steiner schreibt: &#8220;Frei ist nur der Mensch, insofern er in jedem Augenblicke seines Lebens sich selbst zu folgen in der Lage ist. Eine sittliche Tat ist nur <em>meine</em> Tat, wenn sie in dieser Auffassung eine freie genannt werden kann. &#91;&#8230;&#93;&#8221;<a class="anmerkung" name="44" href="#anmerkung44" title="Zu Anmerkung 44">44</a> Auch dies zeigt, dass Steiner kein Kompatibilist ist, wie Spinoza. Denn er hat keine Auffassung von Freiheit, die Freiheit und Notwendigkeit <em>kombiniert</em>. In <em>dieser</em> &#8220;Definition&#8221; des Freiheitsbegriffes finden wir die Notwendigkeit nicht wieder, obwohl sie mit Spinozas Definition gemeinsam hat, wie Traub auch richtig sieht, dass sie eine <em>positive</em> Definition der Freiheit darstellt.<a class="anmerkung" name="45" href="#anmerkung45" title="Zu Anmerkung 45">45</a></p> <p>Mit diesen zwei Bemerkungen biete ich zwei Argumente an f&uuml;r die Auffassung, dass Steiner sehr begr&uuml;ndet darin verf&auml;hrt, wenn er sich am <em>Brief</em> Spinozas orientiert, anstatt an Spinozas <em>Ethik</em>. Weil Spinoza im Brief einen Begriff der Freiheit attackiert, den Steiner verteidigen m&ouml;chte. Spinozas Definition der Freiheit dagegen mu&szlig; Steiner nicht notwendig aufnehmen, weil die Freiheitsbegriffe, die in seinem Interessenhorizont liegen (Steiner definiert seinen Freiheitsbegriff nicht ganz exakt) auf jeden Fall solche sind, die nicht zu vereinen sind mit der Annahme einer vollst&auml;ndig determinierten Welt.</p> <p>Spinoza ist Determinist. Und Steiner nicht. So k&ouml;nnte man das oben Gesagte vielleicht in zwei Kerns&auml;tzen zusammenfassen. Dazu m&ouml;chte ich noch einige Textstellen aus Spinozas Brief anf&uuml;hren, die seine deterministische Sichtweise klar andeuten. Steiner zitiert diese Stellen nicht mehr, aber er hat sie ganz sicher auch gelesen.</p> <p>Spinoza antwortet am Ende des Briefes auf die Bemerkung eines Freundes seines Korrespondenten. Der Freund bringt darin den Einwand vor, dass es ohne den freien Willen (im Sinne von ii) doch nicht denkbar w&auml;re, dass Menschen ein tugendhaftes Verhalten <em>gewinnen</em> k&ouml;nnten. Und alle Bosheit der Welt damit entschuldigt sei. Er verteidigt damit den Gedanken der autonomen ethischen Entwicklung. Dass n&auml;mlich f&uuml;r eine erst zu erwerbende ethische Qualit&auml;t wie Tugend der freie Wille ganz unerl&auml;sslich sei.</p> <p>Auf diesen Einwand entgegnet Spinoza folgendermassen. Zun&auml;chst f&uuml;hrt er aus:</p> <blockquote> <p>Wenn er &#91;der Freund, MF&#93; ferner sagt: &#8220;dass, wenn wir von &auml;ussern&#8221; Ursachen gezwungen werden, niemand ein tugendhaftes &#8220;Verhalten gewinnen k&ouml;nne&#8221;, so weiss ich nicht, wer ihm gesagt hat, dass er durch <em>Schicksalsnothwendigkeit</em> nicht, sondern nur durch freien Willensentschluss festen und beharrlichen Sinnes sein k&ouml;nne.<a class="anmerkung" name="46" href="#anmerkung46" title="Zu Anmerkung 46">46</a></p> </blockquote> <p>Hier wird die Sichtweise Spinozas deutlich, dass die Tugend nicht den freien Willen (im Sinne von ii) als Bedingung ben&ouml;tigt, sondern eben so gut auch die Frucht sein k&ouml;nnte einer, wie er es nennt, Schicksalsnotwendigkeit, die ja auf jeden Fall eine Form von <em>Notwendigkeit</em> ist.</p> <p>F&uuml;r Spinoza ist die Ausstattung mit einer tugendhaften Natur eigentlich gottgegeben. Dabei ist &#8220;Gott&#8221; in Spinozas Philosophie nicht etwa der pers&ouml;nliche Gott des Christentums, sondern Gott schliesst die Natur ein, wenn es nicht sogar eher so ist, dass Gott und die Natur f&uuml;r Spinoza einerlei sind. Spinoza kann damit als einer der Vorl&auml;ufer von Denkern angesehen werden, welche in Qualit&auml;ten wie Tugend eher etwas sehen wie nat&uuml;rliche (man k&ouml;nnte sagen biologische und/oder psychologische) Merkmale von Menschen, und nicht solche, f&uuml;r die das Individuum selbst die Autorschaft tr&auml;gt. &Uuml;ber eine tugendhafte &#8220;Natur&#8221; zu verf&uuml;gen ist gottgegeben, beziehungsweise eher eine Frage von Gl&uuml;ck oder Schicksalsnotwendigkeit &ndash; sie wird demgem&auml;ss bestimmt und ist vorgegeben von &auml;usseren Ursachen und (Natur)Gesetzen &ndash; statt vom autonomen, unabh&auml;ngigen Bem&uuml;hen des Individuums. Biologisch gedacht: eine Frage der Ausstattung mit dem richtigen genetischen Material. Ob Spinoza selbst so weit gegangen ist dies ganz materialistisch zu denken oder nicht, sei dahingestellt. Diese Diskussion, ob man dies materialistisch, psychologisch und/oder spiritualistisch denken muss, vermeidet Spinoza mit Hilfe seines Gottesbegriff: Was feststeht ist, dass Gott alles bestimmt, und dass diese Bestimmungen gem&auml;ss notwendigen Gesetzen geschehen. Gott umfasst dabei mehr als die Materie, aber auf jeden Fall und vielsagend <em>auch</em> die Materie. Ich werde dem hier allerdings nicht weiter in Einzelheiten nachgehen. In einem weiteren Passus des Briefes jedenfalls verweist Spinoza ebenfalls ganz explizit auf die g&ouml;ttliche Vorhersehung. Und zwar argumentiert er in augenf&auml;lliger Selbstverst&auml;ndlichkeit damit, dass man nicht nur keine Willensfreiheit ben&ouml;tige, um die menschliche Tugend als etwas Gegebenes zu denken, sondern auch dahingehend, dass eine aus dem freien menschlichen Willen hervorgehende Tugend mit der g&ouml;ttlichen Vorherbestimmtheit ganz unvereinbar sei:</p> <blockquote> <p>Ich m&ouml;chte endlich, Ihr Freund, der mir dies vorh&auml;lt, antwortete mir, wie er die menschliche Tugend, die aus dem freien Willensentschluss hervorgeht, mit Gottes Vorherbestimmung vereinige. &#91;&#8230;&#93;<a class="anmerkung" name="47" href="#anmerkung47" title="Zu Anmerkung 47">47</a></p> </blockquote> <p>Mit anderen Worten: Weil &ndash; f&uuml;r Spinoza! &ndash; die g&ouml;ttliche Vorhersehung eine Selbstverst&auml;ndlichkeit ist, m&uuml;sste die Annahme, die Willensfreiheit st&uuml;nde am Beginn menschlicher Tugend, auf einen Widerspruch f&uuml;hren. Spinoza sagt dies nicht sehr ausf&uuml;hrlich, aber er legt es in der K&uuml;rze doch ausgesprochen nahe. Was demzufolge die Unterstellung von menschlicher Willens- oder Handlungsfreiheit <em>ad absurdum</em> f&uuml;hrt.</p> <p>Ob diese Argumente und Annahmen Spinozas schl&uuml;ssig sind ist hier nicht die Frage. Ich m&ouml;chte an dieser Stelle nur zeigen, dass Spinoza eher die Schicksalsnotwendigkeit als Quelle der Tugend annimmt (und damit einen deterministischen Standort einnimmt), und nicht den freien Willen. Dies wird argumentativ auch dadurch best&auml;tigt, dass er wie selbstverst&auml;ndlich voraussetzt, die g&ouml;ttliche Vorhersehung sei bei dieser genetischen Erkl&auml;rung der Tugend nicht weiter zu hinterfragen, obwohl sie nat&uuml;rlich ohne Frage philosophisch problematisiert werden k&ouml;nnte. Auf jeden Fall ist die These einer g&ouml;ttlichen Vorhersehung sehr schwer denkbar ohne den R&uuml;ckgriff auf die Notwendigkeit, was Spinoza im Brief dann auch dadurch nahelegt, indem er sein Gegen&uuml;ber weiter dazu auffordert die Vereinigung beider (g&ouml;ttliche Vorhersehung und freien Willensentschluss) zu denken. Eine eher rhetorischer Appell, der eine Herausforderung impliziert, die zwangsl&auml;ufig scheitern muss, wie seine diesbez&uuml;gliche Folgerung im Brief zeigt:</p> <blockquote> <p>Wenn er &#91;der Freund, MF&#93; mit Descartes einr&auml;umt, da&szlig; er dies nicht verm&ouml;ge &#91;freien Willensentschluss mit g&ouml;ttlicher Vorhersehung vereinigen, MF&#93;, so sucht er ja den Spie&szlig;, der ihn schon durchbohrt hat, gegen mich zu schwingen; aber vergeblich, &#91;&#8230;&#93;.<a class="anmerkung" name="48" href="#anmerkung48" title="Zu Anmerkung 48">48</a></p> </blockquote> <p>Daran ist zu sehen, dass sich Spinoza implizit wie explizit zum Determinismus bekennt.</p> <p>Man beachte dabei auch, wie Spinoza hier sehr weitreichend von Freiheit im Gegensatz zu Schicksalsnotwendigkeit und g&ouml;ttlicher Vorhersehung spricht, ohne explizit auf seine Definition von Freiheit (i) noch einmal zur&uuml;ck zu kommen. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn diese ist bereits implizit vertreten durch den Begriff der Notwendigkeit, und muss hier folglich nicht eigens wiederholt werden! Dass Spinoza ebenso wie Steiner ein Freund der Freiheit genannt werden darf, l&auml;sst sich daher doch nicht ernstlich behaupten. Denn hier im Brief stellt er die Freiheit, die Steiner verteidigen will (die Willensfreiheit oder die Freiheit im Sinne von ii), und das notwendige Handeln als zwei polare Gegens&auml;tze einander gegen&uuml;ber! Dies k&ouml;nnte vielleicht auch Anla&szlig; f&uuml;r Steiner gewesen sein Spinozas Brief zu zitieren, anstelle seiner <em>Ethik</em>, wo Spinoza nicht derart plakativ Freiheit und Notwendigkeit einander gegen&uuml;berstellt. Denn in der <em>Ethik</em> wird die Sache um einiges kompliziert dadurch, dass Spinoza diesen sehr eigenen Begriff der Freiheit (i) hat, der die Notwendigkeit in sich einschliesst. F&uuml;r jene Debatte, die Steiner in <em>Kapitel I</em> der <em>Philosophie der Freiheit</em> mit Spinoza beginnt, ist Spinozas Freiheitsbegriff nicht relevant, denn Steiner will auf der einen Seite die Notwendigkeit und auf der anderen Seite die Willensfreiheit (ii) einander gegen&uuml;berstellen, und nicht, wie Spinoza mit <em>seinem</em> Freiheitsbegriff (i) dies vollf&uuml;hrt, diese beiden (Freiheit und Notwendigkeit) mit einander vereinigen.</p> <p>Hartmut Traub k&ouml;nnte hier erwidern, dass Steiners Freiheitskonzept, wie er es in seiner Philosphie der Freiheit entwickelt, doch <em>auch</em> die Notwendigkeit in sich schlie&szlig;t, und dies <em>trotz</em> der obenstehenden Textstellen, die ich angef&uuml;hrt habe, um zu zeigen, dass sein Freiheitsbegriff die Notwendigkeit <em>nicht</em> impliziert wie bei Spinoza. Steiners Freiheitsverst&auml;ndnis in der <em>Philosophie der Freiheit</em> entspr&auml;che dann nicht dem, was er (Steiner) philosophisch gesucht hat. Traub sagt n&auml;mlich mit Recht, dass beide, sowohl Spinozas als auch Steiners Konzeption der <em>menschlichen</em> Freiheit eng mit dem Denken verkn&uuml;pft sind. Dies ist tats&auml;chlich eine auff&auml;llige Parallele zwischen Steiners und Spinozas Sichtweise. Wenn man bemerkt wie eng Spinozas Begriff der Notwendigkeit mit dem (menschlichen) Denken zusammenh&auml;ngt, k&ouml;nnte man sich leicht die Frage stellen, ob Steiners Freiheitsverst&auml;ndnis der <em>Philosophie der Freiheit</em>, obwohl er einen Begriff zu begr&uuml;nden versucht, der nicht kompatibel ist mit Notwendigkeit, m&ouml;glicherweise doch dem Begriff der Notwendigkeit <em>verf&auml;llt</em>. Das w&auml;re dann nicht das was Steiner beabsichtigt hat, k&ouml;nnte aber doch die unbeabsichtigte Folge seines Denkens sein.</p> <p>Diese Frage ist berechtigt und soll deshalb behandelt werden. Ich werde dies tun in Teil 2, wo ich n&auml;her eingehe auf Steiners und Spinozas Begriff der menschlichen Freiheit und sie mit einander vergleiche. Denn weil diese Frage einen gr&uuml;ndlicheren Vergleich von Spinozas <em>Ethik</em> und Steiners Philosophe der Freiheit verlangt, erfordert ihre Behandlung einen Abschnitt f&uuml;r sich.</p> <h3><a name="k5_2" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">5.2.</a> &Uuml;bersetzungsfehler in Traubs Quelle</h3> <p>Noch ein Element soll hier besprochen werden, wie oben bereits angek&uuml;ndigt. Denn Traub wirft Steiner wie erw&auml;hnt vor, nicht nur die Differenz bei Spinoza &uuml;bersehen zu haben zwischen eingebildeter Freiheit (ii), die Spinoza im Brief behandelt und &#8220;den Menschen&#8221; zuschreibt, und dessen Begriff von Freiheit (i), den er zu Beginn des Briefzitats in der Definition pr&auml;sentiert. Er h&auml;lt Steiner zudem vor, diesen Unterschied auch ausgeblendet zu haben durch seine Art des Zitierens.<a class="anmerkung" name="49" href="#anmerkung49" title="Zu Anmerkung 49">49</a> Unmittelbar bevor Spinoza seinem Leser im Brief mitteilt, dass er nur von dieser eingebildeten menschlichen Freiheit rede, br&auml;che n&auml;mlich Steiner das Zitat ab, und enthalte seinem Leser damit einen entscheidenden Hinweis zum Briefverst&auml;ndnis und zum Verst&auml;ndnis von Spinozas Freiheitsbegriff vor. Traub zitiert dann diesen Satz mit dem entscheidenden Hinweis, der direkt an Steiners Zitat im Briefe anschliesst, und den Steiner &#8220;ausgeblendet&#8221; haben soll. Bei Traub lautet er folgendermassen:</p> <blockquote> <p>Hiermit habe ich &#91;Spinoza&#93;, wenn ich nicht irre, meine Meinung &uuml;ber die eingebildete menschliche Freiheit genugsam auseinandergesetzt. &#91;&#8230;&#93;<a class="anmerkung" name="50" href="#anmerkung50" title="Zu Anmerkung 50">50</a></p> </blockquote> <p>F&uuml;r Traub bedeutet dieser Satz, dass Spinoza seinem Leser hier verdeutlicht, im Briefe nur von der <em>eingebildeten</em> Freiheit gesprochen zu haben. Und zwar, so Traub S. 271, &#8220;fast ausnahmslos&#8221;. Und damit <em>nicht</em> von seinem <em>eigenen Begriff</em> der menschlichen Freiheit. Traub weiter:</p> <blockquote> <p>Denn das, was Steiner aus dem Brief &ndash; mit Auslassung, ohne sie kenntlich zu machen &ndash; zitiert, ist nicht das, <em>was Spinoza</em> &uuml;ber die Freiheit denkt, sondern das, <em>was sich die Menschen einbilden</em>.</p> </blockquote> <p>Dabei ist Traub offenkundig Opfer geworden eines &Uuml;bersetzungsfehlers der von ihm benutzten deutschen &Uuml;bersetzung. Denn tats&auml;chlich lautet der Satz auch exakt so in der von ihm verwendeten &Uuml;bersetzung Carl Gebhardts von 1914 (Herausgabe 1986). Die &Uuml;bersetzung von Kirchmann aber (von 1882), und das ist die von Steiner verwendete (siehe oben <a href="#k1">Abschnitt 1</a>), gibt:</p> <blockquote> <p>Damit habe ich, wenn ich mich nicht irre, zur Gen&uuml;ge erkl&auml;rt, wie ich &uuml;ber die freie und erzwungene Notwendigkeit und die eingebildete Freiheit des Menschen denke. &#91;&#8230;&#93;<a class="anmerkung" name="51" href="#anmerkung51" title="Zu Anmerkung 51">51</a></p> </blockquote> <p>Hier wird die &Uuml;bersetzung Kirchmanns auch best&auml;tigt durch den lateinischen Urtext:</p> <blockquote> <p lang="la">His, qu&aelig;nam mea de liber&acirc;, & co&auml;ct&acirc; necessitate, deque fict&acirc; human&acirc; libertate sit sententia, satis, ni fallor, explicui; &#91;&#8230;&#93;<a class="anmerkung" name="52" href="#anmerkung52" title="Zu Anmerkung 52">52</a></p> </blockquote> <p>Und wird letztendlich auch von anderen &Uuml;bersetzern in diesem Sinne wiedergegeben, wie unser <a href="#&uuml;bersicht2">Rahmentext</a> oben zeigt. Die von Traub verwendete &Uuml;bersetzung hat also f&auml;lschlicherweise &uuml;bersehen, dass laut Spinoza nicht nur &uuml;ber die eingebildete menschliche Freiheit, sondern auch &uuml;ber die freie und gezwungene Notwendigkeit im Brief gesprochen wurde.</p> <p>Hartmut Traub hat also auf keinen Fall darin Recht, wenn er sagt Spinozas Brief behandele &#8220;fast ausnahmslos&#8221; die eingebildete menschliche Freiheit (ii). Dass es sich so verh&auml;lt geht sachlich auch daraus hervor, dass Spinoza ganz unzweideutig seine Definition der Freiheit im Briefe pr&auml;sentiert. Und das ist die <em>freie Notwendigkeit</em> von der er spricht, denn Spinoza definiert Freiheit als Notwendigkeit, so wie es auch in Steiners Spinozazitat erscheint. Siehe:</p> <blockquote> <p>&laquo;Ich nenne n&auml;mlich die Sache <em>frei</em>, die aus der blo&szlig;en Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt, und <em>gezwungen</em> nenne ich die, welche von etwas anderem zum Dasein und Wirken in genauer und fester Weise bestimmt wird.&raquo;</p> </blockquote> <p>Und entsprechend resumiert Spinoza abschliessend, was ebenfalls von Steiner im Zitat aufgenommen ist:</p> <blockquote> <p>&laquo;Sie sehen also, da&szlig; ich die Freiheit nicht in ein freies Beschlie&szlig;en, sondern in eine freie Notwendigkeit setze.&raquo;</p> </blockquote> <p>Diese Definition enth&auml;lt wie zu sehen ist, auch seinen Begriff von Unfreiheit, oder in seiner eigenen Terminologie, des <em>Gezwungenseins</em>. Sie kehrt als <em>gezwungene Notwendigkeit</em> auch wieder in der von Steiner zitierten Briefstelle in den Worten &#8220;von &auml;u&szlig;eren Ursachen bestimmt werden, auf eine gewisse, bestimmte Weise zu existieren und handeln&#8221;.<a class="anmerkung" name="53" href="#anmerkung53" title="Zu Anmerkung 53">53</a> Der briefliche Kontext best&auml;tigt also die lateinische Version, und Spinoza selbst sagt mit Recht, nicht nur von der eingebildeten Freiheit gesprochen zu haben.</p> <p>Man sieht also, dass Traubs Kritik an Steiner hier doppelt in die Irre geht. Nicht zuletzt deswegen, weil er eine &Uuml;bersetzung Spinozas verwendet, die nicht diejenige von Kirchmanns ist. Welche letztere aber die von Steiner benutzte war. Es ist richtig, dass Steiner seine Quelle nicht angibt und dies m&ouml;chte ich an Steiner tadeln. Denn er h&auml;tte dies tun m&uuml;ssen, weil er wissenschaftlich ernst genommen werden wollte. Traub bem&auml;ngelt aber nicht Steiners Kritik mit Bezug auf die Quellenlage in der <em>Philosophie der Freiheit</em>. Statt dessen greift er, wie in oben bereits gesagt, auf eine &Uuml;bersetzung von Spinozas Brief zur&uuml;ck, die erst nach der Abfassung der <em>Philosophie der Freiheit</em> ver&ouml;ffentlicht worden ist. Und das ist nicht seri&ouml;s. Hinzuzuf&uuml;gen ist, dass auch der gesamte Kontext von Spinozas Brief gegen Traubs Interpretation spricht. Denn wie gesagt, Spinoza behandelt tats&auml;chlich nicht nur die eingebildete Freiheit, sondern auch die zwei Arten von Notwendigkeit (freie und gezwungene Notwendigkeit), die er in diesem Zusammenhang unterscheidet. Und hat damit seinen Freiheitsbegriff in seinen grunds&auml;tzlichen Dimensionen innerhalb des Briefes vollst&auml;ndig umrissen.</p> <h4><a name="k5_2_1" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">5.2.1.</a> Hat Steiner den Unterschied zwischen eingebildeter Freiheit und Spinozas Definition &uuml;bersehen?</h4> <p>Unabh&auml;ngig von der eben behandelten Kontroverse &uuml;ber Steiners Zitierverhalten m&ouml;chte ich hier noch einige Argumente vorbringen, die zeigen sollen, dass Steiner den Unterschied zwischen beiden Begriffen von Freiheit &ndash; dem der eingebildeten Freiheit und Spinozas eigentlichem Freiheitsbegriff (freie Notwendigkeit) &ndash; wohl bemerkt hat. Das erste Argument geht aus von der Tatsache, dass Steiner Spinozas im Brief vorgelegte Definition der Freiheit mit zitiert. Traub bemerkt mit Recht, dass Steiner diese Definition nicht explizit in seine Kritik mit einbezieht, und dass er sie auch sonst nicht weiter bespricht.<a class="anmerkung" name="54" href="#anmerkung54" title="Zu Anmerkung 54">54</a> Dennoch weist die Tatsache, dass er sie mit zitiert, darauf hin, dass er sie zur Kenntnis genommen hat, und auch die Differenz bemerkt hat zur &#8220;eingebildeten Freiheit&#8221; &ndash; angenommen er habe nur diese eingebildete Freiheit erkannt &ndash; die Spinoza &#8220;den Menschen&#8221; im allgemeinen beilegt. Offensichtlich hat Steiner Spinozas Attacke gegen diese &#8220;eingebildete Freiheit&#8221; ernst genommen.</p> <p>Man kann nat&uuml;rlich auch annehmen, Steiner habe die eingebildete Freiheit &uuml;bersehen und nur Spinozas Definition der Freiheit erkannt. Dann h&auml;tte er aber annehmen m&uuml;ssen Spinoza attackiere seinen eigenen (Spinozas) Begriff der Freiheit &ndash; was doch recht unplausibel w&auml;re. Es w&auml;re dann auch schwer zu begreifen, dass er diese Definition in seiner <em>Philosophie der Freiheit</em> nicht bespricht, weil seine Kritik an Spinoza dann bedeuten m&uuml;sste, dass er Spinozas Begriff der Freiheit verteidigen will, wo dieser selbst ihn attackiert.</p> <h4><a name="k5_2_2" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">5.2.2.</a> Spinozas Begriff der Unfreiheit</h4> <p>Auf dieser Basis l&auml;sst sich noch ein weiteres Argument entwickeln. Denn es gibt einen klaren sachlichen Zusammenhang im Brief zwischen der ersten Passage, die Steiner zitiert, und wo Spinoza gleichermassen seine Definition der Freiheit wie der Unfreiheit vorlegt, und der zweiten von Steiner zitierten Passage, die auf die erste folgt. Dort beginnt Spinoza von den &#8220;erschaffenen Dingen&#8221; zu sprechen. Und er sagt dort auch hinreichend deutlich, dass diese erschaffenen Dinge, zu denen auch der Mensch zu z&auml;hlen ist, wie sp&auml;ter deutlich wird, unfrei sind im Sinne seiner Definition der Unfreiheit. Denn er schreibt:</p> <blockquote> <p>Aber wir wollen zu den erschaffenen Dingen herabsteigen, die alle von &auml;u&szlig;eren Ursachen bestimmt werden, auf eine gewisse, bestimmte Weise zu existieren und zu handeln. &#91;&#8230;&#93;<a class="anmerkung" name="55" href="#anmerkung55" title="Zu Anmerkung 55">55</a></p> </blockquote> <p>Schon einige S&auml;tze vorher schreibt er, seinen Begriff der Unfreiheit <em>mit</em> definierend:</p> <blockquote> <p>&#91;&#8230;&#93; Ich nenne also ein Ding frei, wenn es aus der Notwendigkeit seiner Natur existiert und handelt; gezwungen aber, wenn es von einem andren Dinge bestimmt wird, in einer gewissen bestimmten Weise zu existieren und zu handeln. &#91;&#8230;&#93;<a class="anmerkung" name="56" href="#anmerkung56" title="Zu Anmerkung 56">56</a></p> </blockquote> <p>F&uuml;r Spinoza, das folgt aus diesen S&auml;tzen, stehen <em>erschaffene</em> Dinge ausnahmslos unter der Bedingung des <em>Gezwungenseins</em>. Das heisst, sie sind in dem von ihm definierten Sinne unfrei. Und auch der Mensch ist f&uuml;r Spinoza, da er ein erschaffenes Ding ist, in diesem Sinne ohne Zweifel unfrei.</p> <p>Spinoza erkl&auml;rt im Brief auch n&auml;her, was dies <em>en Detail</em> bedeutet: Die erschaffenen Dinge n&auml;mlich werden beherrscht von (a) &auml;u&szlig;eren Ursachen und (b) notwendigen Gesetzen, die auf feste Weise bestimmen, wie die Ursachen ihre Folgen hervorbringen. Der Stein, als einfaches und exemplarisches von Spinoza hier angef&uuml;hrtes Beispiel f&uuml;r erschaffene Dinge, ist gezwungen, weil er bestimmt wird (a&#39;) vom Sto&szlig;, durch den er eine gewisse Menge an Bewegung erh&auml;lt. Und (b&#39;) durch die Naturgesetze, die Spinoza zufolge notwendig gelten und exakt festlegen, welche Bewegung bei gegebenem Sto&szlig;e der Stein ausf&uuml;hren wird. Hinsichtlich der erschaffenen Dinge ist Spinozas Position durch und durch deterministisch. Er l&auml;sst im Brief &uuml;ber die l&uuml;ckenlose deterministische Bestimmtheit der erschaffenen Dinge auch keinerlei Zweifel aufkommen. Denn er beschlie&szlig;t den hier besprochenen Abschnitt mit dem philosophischen Fazit:</p> <blockquote> <p>&#91;&#8230;&#93; Und was hier vom Stein gilt, das gilt von jedem besondern Dinge, wie zusammengesetzt und zu Vielfachem f&auml;hig man es sich auch denken mag, da&szlig; n&auml;mlich jedes Ding von einer &auml;u&szlig;eren Ursache bestimmt wird, auf eine gewisse bestimmte Weise zu existieren und zu wirken.<a class="anmerkung" name="57" href="#anmerkung57" title="Zu Anmerkung 57">57</a></p> </blockquote> <p>Und auch der Mensch ist eben so ein Ding, wie dann aus der folgenden Passage abzuleiten ist. Denn dort entfaltet Spinoza sein Gedankenexperiment, und stattet den Stein nach Art des Menschen mit Bewusstsein und Verlangen aus. Dies, um zu veranschaulichen, dass der Mensch im selben Sinne unfrei ist wie der Stein. Zwar ist der Mensch komplexer und zu Vielfachem f&auml;hig, aber letzten Endes doch eben nicht mehr als ein Stein, der zu denken und zu verlangen vermag. Und infolgedessen nicht weniger <em>gezwungen</em>, sprich: unfrei, als der Stein.</p> <p>Bis jetzt, so m&ouml;chte ich sagen, hatte Steiner keinen Anlass zu denken, Spinoza liesse die M&ouml;glichkeit bestehen der Mensch k&ouml;nnte dieser deterministischen Weltordnung entfliehen. &Uuml;berdies ist die von Spinoza hier skizzierte Unfreiheit exakt jene, von der Steiner sich fragt ob sie zutr&auml;fe. N&auml;mlich folgend aus dem &#8220;Zwange einer rein naturgesetzlichen ehernen Notwendigkeit&#8221;. Dies ist Spinozas eben erl&auml;uterter Begriff! Steiner und Spinoza sind sich also einig &uuml;ber den Inhalt des <em>Unfreiheitsbegriffes</em>! Wobei deutlich ist, dass Spinoza hier der Meinung ist, der Mensch sei in der Tat unfrei im Sinne dieses Unfreiheitsbegriffes. Dies bedeutet aber auch, dass Steiner Spinoza mit Recht unter die Gegner der Freiheit einreiht. Spinoza l&auml;sst im Brief <em>keinen Raum</em> daf&uuml;r bestehen, dass der Mensch frei sein k&ouml;nnte im Sinne von (ii), das hei&szlig;t im popul&auml;ren Sinne des Freiheitsbegriffes, mit dem Steiner seinerseits sympathisiert.</p> <h3><a name="k5_3" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">5.3.</a> Zwischenfazit</h3> <p>Ein Fazit dieser Besprechung von Traubs erster Kritik an Steiners Spinozabehandlung lautet damit folgendermassen. Wenn zwei Philosophen dasselbe Wort verwenden, &ndash; z.B. im vorliegenden Fall das Wort <em>Freiheit</em> &ndash;, und auch die Theorien beider &uuml;ber diesen Begriff mancherlei Gemeinsamkeiten und Parallelen aufzeigen, sollte man dennoch nicht ohne tieferes Studium annehmen, dass sie auch dasselbe damit meinen, wie Traub es in diesem Falle tut. Insbesondere h&auml;tte er vorsichtiger sein sollen, weil einer der beiden Philosophen hier Spinoza ist. Ein Autor, der daf&uuml;r bekannt ist, alte Begriffe oft auf eine ungew&ouml;hnliche und intelligente Weise neu zu definieren. So dass dadurch (1) der Eindruck entstehen kann er philosophiere im Sinne der alte Schulphilosophie, obwohl er dies ganz gewiss nicht tat. Denn er verwendete wohl dasselbe Idiom, verbarg aber darin f&uuml;r seine Zeitgenossen sehr kontroverse philosophische Ansichten.<a class="anmerkung" name="58" href="#anmerkung58" title="Zu Anmerkung 58">58</a> Und der (2) seine Begriffe in einer Weise zu formen verstand, die koh&auml;rent zu seiner &uuml;brigen Philosophie war. Hinsichtlich des Gottesbegriffs &uuml;berrascht es uns nicht, wenn jeder Philosoph sich bei dem Wort Gott das seine denkt. Im Hinblick auf den Freiheitsbegriff und das Wort Freiheit verh&auml;lt es sich aber im hier besprochenen Kontext ebenso. Es ist nicht zutreffend, wenn Spinoza und Steiner dasselbe Wort (&#8220;Freiheit&#8221;, in diesem Falle) verwenden, dass sie dann damit auch notwendig dasselbe meinen. Und in der Tat tun sie dies auch nicht.</p> <p>Dabei haben wir auch bemerkt, dass Steiners Begriff der Freiheit zwar nicht derselbe ist wie Spinozas, gleichwohl aber sein Begriff der Unfreiheit Spinozas Begriff der Unfreiheit umfasst. Was ich damit sagen will ist, dass Steiners Begriff der Unfreiheit deckungsgleich ist mit Spinozas Begriff der Freiheit <em>und</em> der Unfreiheit. Das klingt zun&auml;chst etwas eigent&uuml;mlich. Beruht aber darauf, &ndash; wir werden es in Teil 2 noch etwas n&auml;her sehen &ndash;, dass Spinoza mit zwei Begriffen von Determinismus operiert. Der eine (der <em>logische</em> oder <em>immanente</em> Determinismus) deckt sich mit seinem Freiheitsbegriff, der andere demgegen&uuml;ber (der <em>kausale</em> Determinismus) mit seinem Begriff von Unfreiheit. Beide schlie&szlig;en auf die eine oder andere Weise die Notwendigkeit in sich. Deshalb spricht Spinoza auch von <em>freier</em> und <em>gezwungener Notwendigkeit</em>, wie ich oben gezeigt habe. Rudolf Steiner w&uuml;rde beides als eine Art von Unfreiheit einstufen, weil sein Freiheitsbegriff sich scharf abgrenzt vom Begriff der Notwendigkeit und damit von jeder Art Determinismus.<a class="anmerkung" name="59" href="#anmerkung59" title="Zu Anmerkung 59">59</a></p> <h2><a name="k6" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">6.</a> Traubs Kritik an Steiners Interpretation von Spinozas Brief (2)</h2> <h3><a name="k6_1" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">6.1.</a> Hinweis I</h3> <p>Jetzt m&ouml;chte ich mich zun&auml;chst Traubs zweiter Kritik zuwenden. Hier ist die Sache etwas verwickelter. Wir haben hier zwei Elemente, n&auml;mlich die zwei Hinweise, die Steiner Traubs Meinung nach nicht h&auml;tte &uuml;bersehen d&uuml;rfen. Der erste ist Spinozas Definition der Freiheit, die Steiner zwar mit zitiert, aber nicht explizit in Kapitel I der <em>Philosophie der Freiheit</em> aufgreift. Diese Definition wendet Spinoza im Brief nur auf Gott an, und Steiner h&auml;tte sich hier, Traub zufolge, fragen sollen ob Spinoza sie vielleicht anderswo auch auf den Menschen anwendet. Er h&auml;tte dann in Spinozas <em>Ethik</em> mehr dazu gefunden. Steiner hat aber Spinozas <em>Ethik</em> in der <em>Philosophie der Freiheit</em> nicht mit behandelt, und dies wirft Traub dann auch Steiner vor. Der zweite ist Spinozas Argument, dass die Menschen sich einbilden frei zu sein, weil sie die Ursachen nicht erkennen, die Ihr Handeln bestimmen. Steiner h&auml;tte sich hier fragen sollen, ob Spinoza denn <em>wirklich</em> meint, dass es <em>immer</em> so sei, dass ein Mensch diese Ursachen <em>nicht</em> erkennt. Oder ob es vielleicht laut Spinoza m&ouml;glich sei, sie zu erkennen. Und sei es nur durch einen seltenen Aufkl&auml;rungsprozess, den die meisten Menschen wohl nicht erreichen. Auch dies h&auml;tte Steiner dazu inspirieren sollen, in der <em>Ethik</em> nach zu schauen, wie Spinoza diese M&ouml;glichkeit ausarbeitet, denn in jenem Brief, den Steiner zitiert, tut er dies offenkundig nicht. Meine Auffassung ist, dass Traub kein Recht hat anzunehmen, Steiner h&auml;tte Hinweis I aufgreifen sollen. Dies, weil Steiner mit dem <em>Freiheitsbegriff der Menschen</em> sympathisiert (das ist ein popul&auml;rer Freiheitsbegriff), und eigentlich gar nicht sonderlich interessiert sein musste an Spinozas eigener Definition. Auch die M&ouml;glichkeit, dass Spinoza diese Definition nicht nur auf Gott, sondern auch auf den Menschen angewendet haben k&ouml;nnte, sollte Steiner deshalb nicht beeindruckt haben. Spinoza wendet dann zwar <em>seinen</em> Freiheitsbegriff auf den Menschen an, aber das n&uuml;tzt wenig, wenn man wie Steiner nach der Begr&uuml;ndung eines anderen Freiheitsbegriffs sucht. Dies haben wir bereits besprochen im obenstehenden Abschnitt.</p> <h3><a name="k6_2" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">6.2.</a> Hinweis II</h3> <p>Bez&uuml;glich Hinweis II gebe ich Traub indessen Recht. Steiner h&auml;tte sich hier Fragen stellen sollen. Er h&auml;tte hier, wie Traub meint, stutzig werden sollen.<a class="anmerkung" name="60" href="#anmerkung60" title="Zu Anmerkung 60">60</a> Es ist in der Tat so, dass Steiner Spinoza dahingehend interpretiert, als fielen <em>alle</em> menschlichen Handlungen in die Kategorie von solchen, wo der Handelnde die &auml;usseren Ursachen und Gesetze nicht erkennt, die das Handeln bestimmen. Dies ist bei Spinoza aber nicht der Fall. Und nicht einmal im Brief legt Spinoza diese Auffassung nahe. Steiners darauf abzielende Kritik an Spinoza ist damit verfehlt.</p> <p>Spinoza l&auml;sst im Brief Raum f&uuml;r die M&ouml;glichkeit einer Erkenntnis der Ursachen und Gesetze des Handelns. Und was Traub diesbez&uuml;glich sagt, dass er in der <em>Ethik</em> diese M&ouml;glichkeit ausarbeitet in Verbindung mit seiner Auffassung der menschlichen Freiheit, ist auch zutreffend. Was Spinoza dagegen im Brief beschreibt ist <em>eine</em> Stufe der menschliche Entwickelung. Jene n&auml;mlich, auf der der Handelnde die Ursachen und Gesetze seines Handelns nicht erkennt, und folglich in der Illusion von Freiheit lebt.</p> <p>Neben dieser einen Stufe aber ist f&uuml;r Spinoza eine zweite m&ouml;glich. Und zwar diejenige, auf welcher der Mensch die Illusion &uuml;berwindet auf der Basis einer Erkenntnis der Ursachen und Gesetze des Handelns. Der Mensch kann eine entsprechende Aufkl&auml;rung durchlaufen. Und in seiner <em>Ethik</em> zeigt Spinoza auch, wie diese Aufkl&auml;rung dazu beitr&auml;gt, dass der Mensch sich, wie Traub auch in seiner Kritik an Steiner ber&uuml;hrt, emanzipiert von den Emotionen (die laut Spinoza beitragen zur Unfreiheit des Menschen). Und dadurch wird der Mensch Spinoza zufolge bis zu einen gewissen Grade frei.</p> <p>Dabei mu&szlig; allerdings bemerkt werden, dass die von Spinoza in der <em>Ethik</em> gemeinte Freiheit wie bereits gesagt <em>nicht</em> die popul&auml;re Freiheit ist, die er &#8220;den Menschen&#8221; zuschreibt (ii), sondern einzig jene Freiheit, die er selbst als solche definiert (i). Bemerkenswert ist dabei, dass dieselbe M&ouml;glichkeit, n&auml;mlich die M&ouml;glichkeit, dass Menschen die Ursachen, die ihr Handeln bestimmen, erkennen, bei Steiner dazu f&uuml;hrt einen Begriff der menschlichen Freiheit zu begr&uuml;nden im Sinne von (ii). Bei Spinoza dagegen dazu f&uuml;hrt, einen Begriff der Freiheit zu begr&uuml;nden (in seiner <em>Ethik</em>) im Sinne von (i). Also dieselbe M&ouml;glichkeit f&uuml;hrt bei diesen beiden Philosophen zur Begr&uuml;ndung von zwei sehr verschiedenen Freiheitsbegriffen.</p> <h4><a name="k6_2_1" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">6.2.1.</a> Argumente f&uuml;r Steiners verfehlte Interpretation</h4> <h5><a name="k6_2_1_1" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">6.2.1.1.</a> Traub</h5> <p>Damit ist bislang noch nicht gesagt mit welchen Argumenten Traub diese These begr&uuml;ndet, Steiner habe Spinoza hier verfehlt interpretiert. Traub sagt folgendes.</p> <blockquote> <p>Spinoza schreibt: &#8220;&#91;Das ist&#93; die menschliche Freiheit, auf deren Besitz alle so stolz sind und die doch nur darin besteht, da&szlig; die Menschen sich ihres Begehrens bewusst sind, <em>aber die Ursachen, von denen sie bestimmt werden, nicht kennen.</em>&#8221; Formulieren wir diese Kritik positiv um, so besagt sie: Es ist die Erkenntnis der Ursachen, von denen unser Handeln bestimmt wird, die zum ad&auml;quaten Verst&auml;ndnis des Wesens der Freiheit erforderlich ist. Und was konstatiert Steiner nun paradoxerweise als Fundamentalkritik an &#8220;Spinoza und alle die denken wie er&#8221;? Spinoza &#8220;habe &uuml;bersehen, dass der Mensch nicht nur ein Bewu&szlig;tsein von seiner Handlung hat, sondern auch von den Ursachen haben kann, von denen er geleitet wird&#8221;. Exakt das hatte Spinoza doch gerade selber gesagt, dass es genau darauf ankomme, sich nicht mit dem &#8220;Bewusstsein des st&auml;rkeren oder schw&auml;cheren Begehrens und des Handelns&#8221; zufrieden zu geben, sondern &#8220;die Ursachen zu erkennen&#8221;, durch die die Menschen in ihrem Wollen und Handeln bestimmt werden.<a class="anmerkung" name="61" href="#anmerkung61" title="Zu Anmerkung 61">61</a></p> </blockquote> <p>Traub erkl&auml;rt hier, Spinoza selbst habe gesagt, dass man nicht zufrieden sein d&uuml;rfe mit dem blossen Bewusstsein der Handlung. Es komme vielmehr darauf an, die Ursachen (und Gesetze) des Handelns zu <em>erkennen</em>. Ich sehe nicht, wo Spinoza im Brief explizit von dieser Erkenntnis gesprochen haben sollte. Aber vielleicht verweist Traub auf jenen Satz im Brief, wo Spinoza die Illusion der Freiheit als ein <em>Vorurteil</em> qualifiziert, das allen Menschen eingeboren und deshalb nicht leicht zu &uuml;berwinden sei.<a class="anmerkung" name="62" href="#anmerkung62" title="Zu Anmerkung 62">62</a> Hier existiert zumindest die Implikation, dass es Spinoza zufolge m&ouml;glich sei, sich von dieser Illusion durch einen Aufkl&auml;rungsprozess zu befreien. Dies w&auml;re durchaus ein realistischer Aspekt. Und falls Traub darauf rekurrieren sollte w&auml;re ich damit einverstanden. Dies h&auml;tte Steiner stutzig machen k&ouml;nnen und m&ouml;glicherweise verhindert, Spinoza vorzuhalten nur jene Kategorie von Handlungen anzuerkennen, deren Ursachen und Gesetze der Handelnde <em>nicht</em> erkennt.</p> <h5><a name="k6_2_1_2" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">6.2.1.2.</a> Ein anderes Argument</h5> <p>Noch ein zweites, von Traub allerdings nicht vorgebrachtes Argument, st&uuml;tzt die These Traubs, dass Spinoza sehr wohl die M&ouml;glichkeit anerkennt, der Mensch k&ouml;nne sich der Ursachen und Gesetze seines Handelns bewusst werden. Dieses Argument erlaube ich mir hier noch hinzu zu f&uuml;gen.</p> <p>Wenn man die Beispiele Spinozas im Brief betrachtet von Handlungen einerseits und Typen von Menschen andererseits, die in der illusion&auml;ren Freiheit leben, dann f&auml;llt auf, dass diese Handlungen nicht repr&auml;sentativ sein d&uuml;rften f&uuml;r <em>alles</em> menschliche Handeln. Dies wirft Steiner Spinoza auch vor, und gibt dann in Kapitel I der <em>Philosophie der Freiheit</em> begreiflicherweise einige alternative Beispiele von Handlungen. Diese sollen dann exemplarisch zeigen, dass es auch Handlungen gibt, wo der Handelnde die Gr&uuml;nde seines Handelns erkennt. Und also nicht alles menschliche Handeln die Eigenschaft aufzeigt, dass der Handelnde diese Gr&uuml;nde beim Handeln nicht erkennt. Steiner fragt sich:</p> <blockquote> <p>&#91;&#8230;&#93; &#91;I&#93;st es berechtigt, Handlungen dieser Art in einen Topf zu werfen mit solchen, bei denen sich der Mensch nicht nur seines Handelns bewu&szlig;t ist, sondern auch der Gr&uuml;nde, die ihn veranlassen? Sind die Handlungen der Menschen denn von einerlei Art? Darf die Tat des Kriegers auf dem Schlachtfelde, die des wissenschaftlichen Forschers im Laboratorium, des Staatsmannes in verwickelten diplomatischen Angelegenheiten wissenschaftlich auf gleiche Stufe gestellt werden mit der des Kindes, wenn es nach Milch begehrt? Wohl ist es wahr, da&szlig; man die L&ouml;sung einer Aufgabe da am besten versucht, wo die Sache am einfachsten ist. Aber oft schon hat der Mangel an Unterscheidungsverm&ouml;gen endlose Verwirrung gebracht. Und ein tiefgreifender Unterschied ist es doch, ob ich wei&szlig;, warum ich etwas tue, oder ob das nicht der Fall ist. Zun&auml;chst scheint das eine ganz selbstverst&auml;ndliche Wahrheit zu sein. Und doch wird von den Gegnern der Freiheit nie danach gefragt, ob denn ein Beweggrund meines Handelns, den ich erkenne und durchschaue, f&uuml;r mich in gleichem Sinne einen Zwang bedeutet, wie der organische Proze&szlig;, der das Kind veranla&szlig;t, nach Milch zu schreien.<a class="anmerkung" name="63" href="#anmerkung63" title="Zu Anmerkung 63">63</a></p> </blockquote> <p>Mann kann sich bei dieser Argumentation verwundert fragen, ob es denn m&ouml;glich ist, dass ein Philosoph wie Spinoza dies wirklich meint. N&auml;mlich anzunehmen, die von ihm angef&uuml;hrten Beispiele (siehe Zitat unten) seien wirklich repr&auml;sentativ f&uuml;r <em>alles</em> menschliche Handeln. Das w&auml;re dann doch sehr eigenartig. Steiner h&auml;tte da doch vorsichtiger sein, und Spinoza nicht einen derart unwahrscheinlichen &#8220;Mangel an Unterscheidungsverm&ouml;gen&#8221; beilegen sollen. Spinoza hat dies so nicht gemeint. Der Eindruck, er habe nur einen bestimmten <em>Typ</em> von Handlungen beschreiben wollen, n&auml;mlich jenen, wo der Handelnde die Ursachen seines Handelns nicht kennt, ist berechtigt. Traub hat in seiner Kritik darauf hingewiesen, dass Steiner einiges aus seinem Spinoza-Zitat weggelassen habe, ohne den Leser dar&uuml;ber zu unterrichten. Wir wissen jetzt, dass es nicht Steiner war, der hier etwas weggelassen hat, sondern von Kirchmann, Steiners &Uuml;bersetzer. Sehen wir uns aber den vollst&auml;ndigen Text an &ndash; hier &uuml;bersetzt durch Carl Gebhardt, die Version, die Traub verwendet, und die an dieser Stelle auch besser &uuml;bereinstimmt mit dem lateinischen Urtext<a class="anmerkung" name="64" href="#anmerkung64" title="Zu Anmerkung 64">64</a> als Kirchmanns &Uuml;bersetzung &ndash; dann lesen wir:</p> <blockquote> <p>&#91;&#8230;&#93; So h&auml;lt sich das Kind f&uuml;r frei, wenn es nach Milch begehrt, der Knabe, wenn er im Zorne die Rache, der Furchtsame, wenn er die Flucht will. Auch der Betrunkene glaubt, er rede aus freiem Entschluss seines Geistes, wenn er Dinge sagt, die er sp&auml;ter im n&uuml;chternen Zustande lieber verschwiegen haben wollte. So glauben die Leute im Fieberwahn, die Schw&auml;tzer und andre von der Sorte, sie handelten nach freiem Entschlu&szlig; ihres Geistes, und sie glauben nicht, da&szlig; sie von einem Ansto&szlig; getrieben werden. Und da dieses Vorurteil allen Menschen eingeboren ist, machen sie sich nicht leicht davon los. &#91;&#8230;&#93;<a class="anmerkung" name="65" href="#anmerkung65" title="Zu Anmerkung 65">65</a></p> </blockquote> <p>Wir sehen hier, wie in dem von Kirchmann &uuml;bergangenen Satz, &ndash; und den hat Steiner wahrscheinlich auch gar nicht gekannt<a class="anmerkung" name="66" href="#anmerkung66" title="Zu Anmerkung 66">66</a> &ndash; die Rede ist von &#8220;&#91;&#8230;&#93; die Leute im Fieberwahn, die Schw&auml;tzer und andre <em>von der Sorte</em> &#91;&#8230;&#93;&#8221;<a class="anmerkung" name="67" href="#anmerkung67" title="Zu Anmerkung 67">67</a>. Ich glaube dies unterst&uuml;tzt die Interpretation Traubs, Spinoza habe im Brieffragment nicht beabsichtigt <em>alle</em> menschlichen Handlungen als illusion&auml;r freie zu beschreiben. Sondern nur diese eine Art, die auch Steiner als illusion&auml;r anerkennt, wo tats&auml;chlich der Handelnde sich der bestimmenden Ursachen und Gr&uuml;nde seines Handelns nicht bewusst ist.</p> <p>Die unterlassene &Uuml;bersetzung eines Satzes,<a class="anmerkung" name="68" href="#anmerkung68" title="Zu Anmerkung 68">68</a> die auf den ersten Blick nur eine Liste von Beispielen verk&uuml;rzt, ist h&ouml;chstwahrscheinlich nicht folgenlos geblieben f&uuml;r Steiners Interpretation. Denn Steiner hat infolgedessen nur eine k&uuml;rzere Version des Spinozatextes gelesen, die weniger aufschlussreich war als die vollst&auml;ndige. Gleichwohl bleibt eine Frage im Raum, die Steiner sich h&auml;tte stellen k&ouml;nnen und sollen: Meint Spinoza wirklich &ndash; denn das ist doch eher unwahrscheinlich bei einem Philosophen wie Spinoza &ndash; mit dieser und in dieser einen Art von Handlungen sei <em>alles</em> Handeln des Menschen umfasst und gekennzeichnet? Diese Frage h&auml;tte Steiner sich durchaus stellen sollen, auch wenn er durch die &Uuml;bersetzung von Kirchmanns dazu weniger Anlass fand.</p> <p>Mir ist nicht ersichtlich warum Kirchmanns Spinoza-&Uuml;bertragung an dieser Stelle derart vom lateinischen Urtext abweicht, weil ich Kirchmanns Lage und Beweggr&uuml;nde nicht kenne. Allerdings bin ich der Meinung, dass dieser &Uuml;bersetzungsmangel Steiners Verst&auml;ndnis von Spinozas Brief abtr&auml;glich war. Ein Argument, das auch Hartmut Traub h&auml;tte entwickeln k&ouml;nnen (er tut dies nicht), um in Kenntnis der Sachlage realit&auml;tsgerechter zu begr&uuml;nden, dass, und warum Steiner Spinoza hier nicht richtig verstanden hat.</p> <h3><a name="k6_2_2" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">6.2.2.</a> Die Konsequenzen von Steiners verfehlter Interpretation</h3> <p>Nehmen wir jetzt an, Spinoza habe gemeint es sei m&ouml;glich, die Ursachen und Gesetze des eigenen Handelns zu erkennen. Was folgt denn daraus innerhalb des brieflichen Kontextes? Doch nur, dass via Erkenntnis der Ursachen und Gesetze des Handelns, zwar die <em>Illusion von Freiheit</em>, nicht aber die Unfreiheit selbst behoben wird. Denn die Erkenntnis &auml;ndert gar nichts an der Tatsache des Determinismus, dem also der Mensch auf diese Weise auch nicht entfliehen kann. Aufgekl&auml;rt oder nicht, er bleibt eingebunden in die Notwendigkeit der Naturgesetze. Und auf grund der Tatsache, dass er ein endliches (geschaffenes) Wesen ist, Spinoza zufolge stets ausgeliefert den &auml;u&szlig;eren Ursachen (wie, <em>notoir</em>, bei Spinoza den Emotionen). Was Spinozas Text nahelegt ist nicht, dass der Mensch frei werden k&ouml;nnte, sobald er die Fesseln zu erkennen beginnt, in die sein Handeln eingebunden ist. Sondern lediglich Erkenntnis davon bekommt, dass er unfrei ist und dies auch immer sein wird, so lange der Determinismus gilt. Und seine Weisheit den anderen, <em>schlafenden</em> Menschen gegen&uuml;ber w&uuml;rde nur darin bestehen, dass er weiss, dass wir unfrei sind (dass hei&szlig;t deterministisch bestimmt werden), w&auml;hrend die anderen hingegen glauben frei zu sein.<a class="anmerkung" name="69" href="#anmerkung69" title="Zu Anmerkung 69">69</a> Der einzige Sachverhalt, der Spinoza die M&ouml;glichkeit bietet von menschlicher Freiheit als einer Tatsache zu sprechen, liegt darin, dass er seinen sehr eigenen Begriff von Freiheit hat; der nicht nur kompatibel ist mit Notwendigkeit, sondern sogar <em>eine Art</em> von Notwendigkeit <em>darstellt</em>.</p> <p>Ich meine man mu&szlig; Spinoza auf diese Weise interpretieren. Denn es ist zutreffend, dass er die M&ouml;glichkeit im Brief offen l&auml;sst, dass der Mensch erkennen kann, welche Ursachen und Gesetze ihn im Handeln bestimmen. Ich glaube aber nicht, dass damit f&uuml;r Spinoza auch ein qualitativer Freiheitszuwachs gegen&uuml;ber der illusion&auml;ren Freiheit verbunden ist. Durch die Einsicht h&ouml;rt die illusion&auml;re Freiheit auf eine Illusion zu sein. Aber es heisst nicht, dass der Mensch dadurch wirklich frei w&uuml;rde. W&auml;re dies der Fall, so h&auml;tte das Entdecken der Ursachen und Gesetze des Handelns zur Folge, dass diese Ursachen pl&ouml;tzlich nicht mehr zwingend wirkten. Denn das ist doch die Bedeutung des popul&auml;ren Freiheitsbegriffes (ii), n&auml;mlich aus freiem Willen und nicht bestimmt durch Ursachen und Gesetze handeln zu k&ouml;nnen. <em>Unfrei</em> im Sinne des Freiheitsbegriffes (ii) ist der Mensch Spinoza zufolge in jedem Fall. Dies ist aber, wie wir oben gesehen haben, der Begriff von Freiheit, der Steiner vor allem interessiert. Was erneut zeigt, dass Steiner darin Recht hat, Spinoza einen Freiheitsgegner zu nennen. Auf jeden Fall im Hinblick auf den &#8220;Freiheitsbegriff der Menschen&#8221;. Traub geht also fehl darin, wenn er betont Steiner habe kein Recht Spinoza einen Freiheitsgegner zu nennen. Denn im Sinne Steiners ist Spinoza genau das.<a class="anmerkung" name="70" href="#anmerkung70" title="Zu Anmerkung 70">70</a></p> <p>Dies sagt Spinoza &uuml;brigens ganz explizit auch selbst in einer Passage seines Briefes, die Steiner in sein Zitat nicht mehr aufgenommen hat.</p> <blockquote> <p>&#91;&#8230;&#93; und daraus ergibt sich leicht die Antwort auf Ihre und Ihres Freundes Einw&uuml;rfe. Wenn er mit <em>Descartes</em> Denjenigen frei nennt, der von keiner &auml;usseren Ursache gezwungen wird und wenn er unter den Gezwungenen Den versteht, der wider seinen Willen handelt, so gebe ich zu, dass wir in manchen Dingen keineswegs gezwungen werden und in dieser Hinsicht freien Willen haben. Wenn er aber unter gezwungen Den versteht, welcher, wenn auch nicht gegen seinen Willen, doch notwendig handelt (wie ich oben ausgef&uuml;hrt), so bestreite ich, dass wir in irgend einem Falle frei seien.<a class="anmerkung" name="71" href="#anmerkung71" title="Zu Anmerkung 71">71</a></p> </blockquote> <p>Spinoza bekennt sich hier ganz unzweideutig zu der Auffassung, der Mensch handele <em>notwendig immer</em> so, wie er handelt. Er ist folglich <em>unfrei</em>, wenn man Freiheit als unvertr&auml;glich mit <em>notwendigem</em> Handeln definiert (wie z.B. Steiner dies tut, aber auch, Spinoza zufolge, &#8220;die Menschen&#8221;). Dieses notwendige Handeln aber kann in einem eingeschr&auml;nkten Sinne frei sein, insofern es nicht zwangsl&auml;ufig unvertr&auml;glich sein mu&szlig; mit dem, was man auch individuell will oder erstrebt. So wie der Stein in Spinozas Beispiel auch mit dem <em>Verlangen</em> gedacht wird sich so zu bewegen, wie er sich bewegen <em>muss</em>. Wenngleich der Wille nach Spinoza einen irrelevanten Faktor darstellt bei der Bestimmung des Handelns, heisst dies nicht, dass beim notwendigen Handeln die Menschen gezwungen werden <em>gegen ihren Willen</em> zu handeln. Das Kind, das nach Milch schreit, verlangt selbst zu schreien. Das hinter dem Schreien stehende Verlangen aber ist kein Ausdruck einer freien Entscheidung.</p> <p>Dass Spinoza dies auch denkt im Hinblick auf Handlungen h&ouml;herer Art, wobei durchaus angenommen werden kann, der Handelnde kenne die Ursachen und Gesetze seines Handelns, k&ouml;nnen wir auch daraus ableiten, dass er weiter im Brief auch Taten wie das Schreiben eines Briefes, die Entwickelung der Tugend und sogar das Denken selbst als notwendig, und nicht vom Willen bestimmt deutet. Obwohl wir dennoch Freude an diesen Handlungen erleben k&ouml;nnen und uns deshalb auch nicht gezwungen <em>f&uuml;hlen</em>. Wille/Verlangen und Notwendigkeit laufen also oft parallel, aber nur die Notwendigkeit bestimmt nach Spinoza den Menschen zu seinen Handlungen. Der Wille / das Verlangen ist zwar da, ist aber im urs&auml;chlichen Sinne f&uuml;r das faktische Geschehen bedeutungslos, sondern lediglich Ausdruck einer vom Menschen unbeeinflussbaren Notwendigkeit.<a class="anmerkung" name="72" href="#anmerkung72" title="Zu Anmerkung 72">72</a></p> <h2>Fortsetzung folgt in Teil II</h2> <h2><a name="anhang_1" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">Anhang 1</a></h2> <h4 id="anhang">Zu: <a title="Zur&uuml;ck zur Anfang" href="index.html">Hartmut Traubs Kritik an Steiners Spinoza-Interpretation</a></h4> <p><em>Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke der Philosophie alter und neuer Zeit</em>, herausgegeben, beziehungsweise &uuml;bersetzt, erl&auml;utert und mit Lebensbeschreibungen versehen von J. H. v. Kirchmann, Sechsundvierzigster Band, Spinozas Briefwechsel, Berlin 1871, S. 203f.</p> <ol> <li><p>Einundzechzigster Brief (Vom 8. Oktob. 1774 von &#8230;) an Spinoza. S. 200-203. >>> Auf diesen Brief antwortet Spinoza.</p></li> <li><p>Zweiundsechzigster Brief (Vom Oktober oder November 1774). Von Spinoza an Herrn &#8230; S. 203-207. >>> Dies ist der Brief, aus dem Steiner in seiner <em>Philosophie der Freiheit</em> zitiert. Anfang und Ende des Zitats sind markiert worden mit A beziehungsweise E (rote Farbe).</p></li> </ol> <p>Quelle (online):<br><a href="http://archive.org/stream/diebriefemehrer00spingoog#page/n216/mode/2up" target="_blank">http://archive.org/stream/diebriefemehrer00spingoog#page/n216/mode/2up</a></p> <p> <img width="550px" height="990px" src="diebriefemehrer00spingoog_0008.jpg" alt="Brief Spinoza-Kirchmann, Vorsatzblatt"> <img width="550px" height="244px;" src="diebriefemehrer00spingoog_0214.jpg" alt="Brief Spinoza-Kirchmann, Seite 200"> <img width="550px" height="988px" src="diebriefemehrer00spingoog_0215.jpg" alt="Brief Spinoza-Kirchmann, Seite 201"> <img width="550px" height="982px" src="diebriefemehrer00spingoog_0216.jpg" alt="Brief Spinoza-Kirchmann, Seite 202"> <img width="550px" height="1010px" src="diebriefemehrer00spingoog_0217.jpg" alt="Brief Spinoza-Kirchmann, Seite 203"> <img width="550px" height="994px" src="diebriefemehrer00spingoog_0218.jpg" alt="Brief Spinoza-Kirchmann, Seite 204"> <img width="550px" height="988px" src="diebriefemehrer00spingoog_0219.jpg" alt="Brief Spinoza-Kirchmann, Seite 205"> <img width="550px" height="994px" src="diebriefemehrer00spingoog_0220.jpg" alt="Brief Spinoza-Kirchmann, Seite 206"> <img width="550px" height="295px" src="diebriefemehrer00spingoog_0221.jpg" alt="Brief Spinoza-Kirchmann, Seite 207"> </p> <h2><a name="anmerkungen" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt" href="#inhalt">Anmerkungen</a></h2> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung1" href="#1" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">1</a> Steiner, Rudolf, <em>Die Philosophie der Freiheit. Grundz&uuml;ge einer modernen Weltanschauung. Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode.</em> GA 4, Dornach, 1995. S. 17.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung2" href="#2" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">2</a> <em>Die Briefe mehrerer Gelehrten an Benedict von Spinoza und dessen Antworten soweit beide zum besseren Verst&auml;ndni&szlig; seiner Schriften dienen,</em> &uuml;bersetzt und erl&auml;utert von J. H. v. Kirchmann, Heidelberg 1882, S. 204f. (Zweiundsechzigster Brief, Oktober oder November 1674). (Die Ausgabe &laquo;Spinoza, Briefwechsel&raquo; &uuml;bertragen und mit Einleitung, Anmerkung und Register versehen von Carl Gebhardt, Leipzig 1914, S. 235 (58. Brief) gibt den Arzt und Alchymisten Georg Hermann Schuller als Adressaten dieses Briefes an.)</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung3" href="#3" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">3</a> Eine Ausgabe von 1871 dieser &Uuml;bersetzung von J. H. v. Kirchmann ist eingef&uuml;gt worden im <a href="#anhang_1">Anhang 1</a> zu diesem Text (<em>Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke der Philosophie alter und neuer Zeit,</em> herausgegeben, beziehungsweise &uuml;bersetzt, erl&auml;utert und mit Lebensbeschreibungen versehen von J. H. v. Kirchmann, Sechsundvierzigster Band, Spinozas Briefwechsel, Berlin 1871, S. 203f). Anfang und Ende der Passage, die Steiner zitiert hat, sind markiert worden mit einem A und E. Diese Ausgabe von 1871 ist v&ouml;llig gleich der Ausgabe von 1882. Siehe Anmerkung <a class="anmerkung" name="6" href="#anmerkung6" title="Zu Anmerkung 6">6</a> f&uuml;r die weiteren Besonderheiten.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung4" href="#4" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">4</a> Mit Dank an Roland Halfen vom <em>Rudolf Steiner Archiv</em>. Er schreibt in seiner Antwort auf meine Nachfrage:</p> <blockquote> <p>Sehr geehrter Herr Fagard,</p> <p>Dass Rudolf Steiner f&uuml;r die &#8220;Philosophie der Freiheit&#8221; die &Uuml;bersetzung von J. H. von Kirchmann verwendet hat, ergibt sich zun&auml;chst einmal durch Vergleich des Wortlauts. Ich habe heute die entsprechenden Passagen der PdF &#91;Die <em>Philosophie der Freiheit</em>, MF&#93; mit der &Uuml;bersetzung verglichen und nur marginale Abweichungen festgestellt, die mit dem Wandel der Rechtschreibung zusammenh&auml;ngen.</p> <p>Dazu kommt, dass sich das 1882 erschienene Buch in Rudolf Steiners Besitz befand, obwohl heute nur noch das Titelblatt davon erhalten ist (in Steiners Bibliothek unter der Signatur P 1020). Eine andere &Uuml;bersetzung ist dort nicht vorhanden.</p> <p>Daneben besa&szlig; Steiner jedoch noch eine zweib&auml;ndige lateinische Ausgabe von Spinozas &#8220;Opera&#8221; (ed. H.E.G. Paulus), die 1802 in Jena erschien (Signatur P 1018). Dort findet sich der Brief als Nr. LXII in der lateinischen Version. Interessanterweise finden sich in dieser Ausgabe Anstreichungen bei diesem Brief, wobei jedoch nicht sicher ist, ob sie aus Steiners Hand stammen, denn allem Anschein nach hat Steiner das Buch antiquarisch erstanden; der oder einer der Vorbesitzer war ein gewisser Schaarschmidt (eventuell der Philosophiehistoriker gleichen Namens).</p> <p>&#91;&#8230;&#93; Mit freundlichen Gr&uuml;ssen, Roland Halfen</p> </blockquote> <p>Leider ist bis heute nicht bekannt, wann dieser lateinische Urtext von Spinozas Brief in Steiners Besitz gekommen ist. Denn die Frage hier ist ob er sie bereits gekannt hat w&auml;hrend der Abfassung der <em>Philosophie der Freiheit</em> oder erst sp&auml;ter. Wie gesagt ist es auch nicht deutlich, ob die Anstreichungen im Text beim bewussten Brief von Steiners Hand sind, oder eingetragen worden sind von einen fr&uuml;heren Besitzer, der auch nicht mit Gewissheit bekannt ist.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung5" href="#5" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">5</a> <em>Benedictus de Spinoza, Opera posthuma, Amsterdam 1677,</em> Complete photographic reproduction from a copy in the possession of Biblioteca dell'Academia Nazionale die Lincei e Corsiniana, Rome (67 D 19), a cura di Pina Totaro, prefazione di Filippo Mignini, Firenze, Quodlibet, 2008, Epistola LXII, S. 583ff.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung6" href="#6" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">6</a> Das <em>Rudolf Steiner Archiv</em> vermerkt in seiner Ausgabe der <em>Philosophie der Freiheit</em> von 1995, dass Steiner die folgende Ausgabe von Spinozas Briefwechsel bei der Verfassung seiner <em>Philosophie der Freiheit</em> verwendet habe: &laquo;Die Briefe mehrerer Gelehrten an Benedict von Spinoza und dessen Antworten soweit beide zum besseren Verst&auml;ndni&szlig; seiner Schriften dienen&raquo;, &uuml;bersetzt und erl&auml;utert von J. H. v. Kirchmann, Heidelberg 1882, S. 204f. (Zweiundsechzigster Brief, Oktober oder November 1674). Dies haben wir auch pers&ouml;nlich best&auml;tigt bekommen vom Archiv, wie der Leser in Anmerkung <a class="anmerkung" name="4" href="#anmerkung4" title="Zu Anmerkung 4">4</a> sehen kann. Es war aber ziemlich schwierig, eine Ausgabe dieser Kirchmann-&Uuml;bersetzung von 1882 zu finden; &auml;rger noch, sie schien ganz und gar aus Bibliotheks- und anderen relevanten Buchkatalogen verschwunden zu sein. Ausgaben derselben &Uuml;bersetzung von 1871 und 1897 dagegen konnten wir leicht finden. Da allerdings war es nicht deutlich, ob diese zwei letztgenannte Ausgaben von Kirchmanns &Uuml;bersetzung von Spinozas Briefwechsel wirklich textgleich sind mit der Ausgabe von 1882, die wir suchten. Bis wir dann Herrn Brandt, Lektor beim Felix Meiner Verlag (der Carl Gebhardts &Uuml;bersetzung herausgibt), um weitere Ausk&uuml;nfte baten. Er schrieb zur&uuml;ck und l&ouml;ste damit unsere Frage:</p> <blockquote> <p>Lieber Herr Fagard,</p> <p>die von Ihnen gesuchte Ausgabe von 1882 ist mit Sicherheit textgleich mit der Ausgabe von 1871. Zur Erkl&auml;rung: Der Verlag Heimann, bei dem die Ausgabe 1871 als Band 46 der PhB erschienen ist, wurde 1872 zun&auml;chst vom Verlag Koschny &uuml;bernommen und dann 1881 vom Verlag von Georg Weiss; die Altbest&auml;nde (d.h. die noch nicht verkauften Exemplare der Ausgabe von 1871) wurden dann von Georg Weiss mit einem neuen Aufkleber versehen und unter neuem Verlagsnamen mit neuem Datum vertrieben. &#91;Vgl. hierzu: Rainer A. Bast. Die Philosophische Bibliothek. Geschichte und Bibliographie einer philosophischen Textreihe seit 1868. Hamburg (Meiner) 1991, S. 44ff.&#93;</p> <p>F&uuml;r Ihren Hinweis auf den Fehler in der Ausgabe von Gebhardt danke ich Ihnen; wir werden die Passage im Falle einer Neuauflage des Bandes berichtigen.</p> <p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en, Horst D. Brandt.</p> </blockquote> <p>Da sind wir uns also jetzt sicher, dass die Ausgabe von 1871 inhaltlich exakt dieselbe Ausgabe ist von Kirchmanns &Uuml;bersetzung, die Steiner verwendet hat, und wir also ohne weiteres diese Ausgabe als Referenz verwenden d&uuml;rfen.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung7" href="#7" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">7</a> Traub, Hartmut, <em>Philosophie und Anthroposophie, Die Philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners, Grundlegung und Kritik,</em> Stuttgart, 2011, S. 271. Traub schreibt hier:</p> <blockquote> <p>&#91;&#8230;&#93; Denn das, was Steiner aus dem Brief  mit Auslassung, ohne sie kenntlich zu machen  zitiert, ist nicht das, was Spinoza &uuml;ber die Freiheit denkt, sondern das, was die Menschen sich einbilden. Diese im Kontext des Briefes offensichtliche Differenz zwischen Spinozas eigener Lehre und dem irrigen, aber offenbar &#8220;eingeborenen Vorurteil&#8221; und Freiheitsglaube der Menschen hat Steiner in seinem Zitat einfach ausgeblendet. Seine Spinoza-Adaption bricht genau vor der Stelle ab, an der Spinoza diesen Sachverhalt deutlich macht. &#91;&#8230;&#93;</p> </blockquote> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung8" href="#8" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">8</a> Es ist, so Traub, &#8220;mit Auslassung&#8221;, dass Steiner &#8220;zitiert&#8221; und auch: &#8220;&#91;S&#93;eine Spinoza-Adaption bricht &#91;&#8230;&#93; ab&#8221;. (Traub, Hartmut, <em>Philosophie und Anthroposophie, Die Philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners, Grundlegung und Kritik,</em> Stuttgart, 2011, S. 271) Die Formulierung Traubs suggeriert damit, dass Auslassung und Adaption den tats&auml;chlichen Inhalt von Steiners Zitat betreffen und nicht etwa den Satz, der auf die von Steiner zitierte Passage folgt. Siehe dazu auch Anmerkung 7.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung9" href="#9" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">9</a> Traub, Hartmut, <em>Philosophie und Anthroposophie, Die Philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners, Grundlegung und Kritik,</em> Stuttgart, 2011, S. 271.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung10" href="#10" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">10</a> Sowohl in von Kirchmanns als auch bei Gebhardts &Uuml;bersetzung f&auml;ngt hier ein neuer Absatz an.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung11" href="#11" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">11</a> <em>Spinoza, Baruch, S&auml;mtliche Werke in sieben B&auml;nden,</em> hg. von Carl Gebhardt, Band 6, <em>Spinozas Briefwechsel,</em> Hamburg, Felix Meiner, 1986, S. 236-237.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung12" href="#12" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">12</a> In Traubs Arbeit wird von Kirchmanns &Uuml;bersetzung von Spinozas Briefwechsel nirgendwo erw&auml;hnt. Wenn Traub Spinozas Brief zitiert, dann nur mittelbar, indem er Steiners Zitat zitiert (<em>Philosophie und Anthroposophie</em>, S. 258) oder er zitiert die &Uuml;bersetzung Gebhardts. Dies deutet darauf, dass Hartmut Traub kein Quellenstudium im Hinblick auf Steiners Spinoza-Zitat betrieben hat, sonst h&auml;tte er von Kirchmanns &Uuml;bersetzung wohl &ndash; wenigstens am Rande &ndash; erw&auml;hnt. Und nebenbei: Anla&szlig; f&uuml;r ein solches Quellenstudium h&auml;tte auch die Tatsache sein k&ouml;nnen, dass Steiners Zitat abweicht von Gebhardts &Uuml;bersetzung. Sowohl was die Auslassung (und Ver&auml;nderung) betrifft, die wir gefunden haben (siehe oben, den <a href="#&uuml;bersicht1">Rahmentext, Abschnitt 1</a>). Aber auch im allgemeinen wegen der stilistischen Sachlage, dass Gebhardt seine S&auml;tze oft anders bildet als von Kirchmann, und manchmal dabei auch andere Worte verwendet (diese zwei letzteren Umst&auml;nde sind normale und unvermeidliche Eigent&uuml;mlichkeiten der &Uuml;bersetzungsarbeit). Traub hat weder die sinnentstellenden noch die harmlosen Abweichungen von Steiners Quelle des Spinoza-Zitats mit Gebhardts &Uuml;bersetzung quellenkritisch verglichen.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung13" href="#13" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">13</a> Dies wurde nat&uuml;rlich erschwert durch die Sachlage, die wir in Anmerkung <a class="anmerkung" name="6" href="#anmerkung6" title="Zu Anmerkung 6">6</a> skizziert haben. Aber dass Steiner auf jeden Fall nicht Gebhardts &Uuml;bersetzung sondern die Kirchmanns vorgelegen hat, geht aus dem Hinweis in GA-4 seit 1987 doch unzweideutig hervor. Siehe auch Anmerkung <a class="anmerkung" name="17" href="#anmerkung17" title="Zu Anmerkung 17">17</a>.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung14" href="#14" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">14</a> Es f&auml;llt auf, dass Traub hier eigentlich ziemlich offensiv formuliert. Er schreibt Steiner habe: &ndash; Teile ausgelassen, ohne dies zu melden; &ndash; Spinozas Text adaptiert; &ndash; einen Unterschied ausgeblendet; &ndash; seinem Leser einen Satz vorenthalten. Damit suggeriert er, Steiner habe wissend und wollend auf diese Weise seine Leser irref&uuml;hren wollen. Und das ist doch eine Anschuldigung, die das Sachliche weit &uuml;berschreitet und Steiner pers&ouml;nlich angreift. Belege f&uuml;r eine solche Suggestion gibt Traub uns dabei nicht.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung15" href="#15" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">15</a> Steiner hat eine lateinische Version von Spinozas <em>Opera Posthuma</em>, damit auch von Spinozas Briefwechsel, in seinem Besitz gehabt. Dies hat uns das <em>Rudolf Steiner Archiv</em> mitgeteilt. Leider wissen wir nicht, wann er diese Ausgabe von Spinozas Urtext erhalten hat, beziehungsweise ob er diese auch bereits besass, als er die <em>Philosophie der Freiheit</em> verfasste. Siehe zu den Einzelheiten auch Anmerkung <a class="anmerkung" name="4" href="#anmerkung4" title="Zu Anmerkung 4">4</a>.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung16" href="#16" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">16</a> Z.B. auf der ersten Seite seiner Arbeit schreibt Traub programmatisch (Traub, Hartmut, <em>Philosophie und Anthroposophie, Die Philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners, Grundlegung und Kritik,</em> Stuttgart, S. 21-22):</p> <blockquote> <p>Unter dem Titel <em>Philosophie und Anthroposophie: Rudolf Steiners philosophische Weltanschauung  Grundlegung und Kritik</em> sind diese Vor&uuml;berlegungen nun in den Versuch eingeflossen, Steiners grundlegende philosophische Schriften einer genauen textkritischen Analyse und Kommentierung zu unterziehen. &#91;&#8230;&#93; Erstmalig in der Geschichte der Steiner-Forschung werden damit seine philosophische Erkenntnistheorie, seine <em>Ethik</em>, seine Anthropologie und Kosmologie, auch seine kritische Polemik gegen andere Positionen der philosophischen und theologischen Ideengeschichte unter Anwendung einer streng text- und kontextkritischen Analyse dargestellt und kommentiert. &#91;&#8230;&#93;</p> </blockquote> <p>Traub suggeriert damit, er sei der erste, der Steiners philosophische Schriften einer &#8220;ernstzunehmenden oder gar wissenschaftlichen Anspr&uuml;chen gen&uuml;gen wollenden&#8221; text- und kontextkritischen Analyse unterzieht. (Siehe auch: <em>Philosophie und Anthroposophie</em>, S. 27-28.)</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung17" href="#17" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">17</a> Eine Schwierigkeit mit dieser Klarheit, die der Rudolf Steiner Verlag geschaffen hat, ist, dass sie meldet, Steiner habe eine Ausgabe von Kirchmanns &Uuml;bersetzung von Spinozas Briefwechsel verwendet, die 1882 in Heidelberg erschienen ist. Diese Ausgabe ist aber, auf diese Weise referriert, sehr schwierig bis nie auffindbar, weil sie identisch ist mit einer fr&uuml;heren Ausgabe dieser &Uuml;bersetzung, n&auml;mlich der von 1871. (Siehe f&uuml;r N&auml;heres dazu Anmerkung <a class="anmerkung" name="6" href="#anmerkung6" title="Zu Anmerkung 6">6</a>.) Da mu&szlig; man also als Leser wissen, dass dem so ist, denn das <em>Rudolf Steiner Archiv</em> (und damit der <em>Rudolf Steiner Verlag</em>) war bis jetzt auch nicht vertraut mit diesem Sachverhalt, und er&ouml;rtert ihn also auch nicht im Rahmen der Quellenangaben in den Ausgaben von Steiners <em>Philosophie der Freiheit</em> mindestens seit 1995 &ndash; genauer seit 1987. Dennoch ist dies kein entschuldigendes Argument f&uuml;r Traub, dass er Kirchmanns &Uuml;bersetzung nicht heranzieht, und stattdessen die von Gebhardt benutzt hat. Denn dass Steiner auf jeden Fall eine &Uuml;bersetzung von Kirchmann und nicht die von Gebhardt benutzt hat, dass sagt der Verlag mit v&ouml;lliger Klarheit und in aller Zug&auml;nglichkeit.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung18" href="#18" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">18</a> <em>Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke der Philosophie alter und neuer Zeit,</em> herausgegeben, beziehungsweise &uuml;bersetzt, erl&auml;utert und mit Lebensbeschreibungen versehen von J. H. v. Kirchmann, Sechsundvierzigster Band, Spinozas Briefwechsel, Berlin 1871, S. 205. Siehe auch <a href="#anhang_1">Anhang 1</a> dieser Arbeit f&uuml;r eine (online verf&uuml;gbare) Fotokopie dieser Ausgabe und &Uuml;bersetzung von Spinozas Briefwechsel. Siehe auch Anmerkung <a class="anmerkung" name="6" href="#anmerkung6" title="Zu Anmerkung 6">6</a>.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung19" href="#19" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">19</a> <em>Benedictus de Spinoza, Opera posthuma, Amsterdam 1677,</em> Complete photographic reproduction from a copy in the possession of Biblioteca dell'Academia Nazionale die Lincei e Corsiniana, Rome (67 D 19), a cura di Pina Totaro, prefazione di Filippo Mignini, Firenze, Quodlibet, 2008, Epistola LXII, S. 585.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung20" href="#20" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">20</a> <em>Spinoza, Baruch, S&auml;mtliche Werke in sieben B&auml;nden</em>, hg. von Carl Gebhardt, Band 6, <em>Spinozas Briefwechsel</em>, Hamburg, Felix Meiner, 1986, S. 236-237.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung21" href="#21" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">21</a> Ebd., S. 237.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung22" href="#22" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">22</a> <em>Benedictus de Spinoza, Opera posthuma, Amsterdam 1677</em>, Complete photographic reproduction from a copy in the possession of Biblioteca dell'Academia Nazionale die Lincei e Corsiniana, Rome (67 D 19), a cura di Pina Totaro, prefazione di Filippo Mignini, Firenze, Quodlibet, 2008, Epistola LXII, S. 585. Dabei ist es auch interessant zu bemerken, dass es neben dieser Ausgabe von Spinozas <em>Opera posthuma</em> auch noch eine andere lateinische Ausgabe gibt, aber versorgt von Carl Gebhardt, also jenem &Uuml;bersetzer, der die hier in Rede stehende Stelle derart fehlerhaft &uuml;bersetzt hat: <em>Spinoza, Opera,</em> Im Auftrag der Heidelberger Akademie der Wissenschaften herausgegeben von Carl Gebhardt, Band IV, Heidelberg, Carl Winters, 1925. Dabei ist diese Ausgabe, obwohl sie keine photographische Reproduktion ist, doch an der hier in Rede stehenden Stelle (Epistola LVIII, S. 266) ganz textgleich mit der oben zitierten Reproduktion des Originals. Es ist also nicht sehr wahrscheinlich dass Gebhardt f&uuml;r seine &Uuml;bersetzung von 1914 einen Urtext verwendet hat, der sich an dieser Stelle unterscheidet von der hier zitierten Reproduktion.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung23" href="#23" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">23</a> <em>The Correspondence of Spinoza,</em> Translated and Edited with Introduction and Annotations by A. Wolf, New York, Dial Press, 1927, Letter LVIII, S. 296.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung24" href="#24" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">24</a> <em>Spinoza, The Letters,</em> Translated by Samuel Shirley, Introduction and Notes by Steven Barbone, Lee Rice and Jacob Adler, Indianapolis, Hackett Publishing, 1995, Letter 58, S. 285.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung25" href="#25" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">25</a> <em>Spinoza, Correspondance,</em> Traduction, pr&eacute;sentation, notes, dossier, bibliographie et chronologie par Maxime Rovere, Paris, Flammarion, 2010, Lettre 58, S. 319.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung26" href="#26" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">26</a> <em>Spinoza, Briefwisseling,</em> Vertaald uit het Latijn en uitgegeven naar de bronnen alsmede van een inleiding en van verklarende en tekstkritische aantekeningen voorzien door F. Akkerman, H.G. Hubbeling en A.G. Westerbrink, Amsterdam, Wereldbibliotheek, 2002, Brief 58, S. 341.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung27" href="#27" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">27</a> Siehe <a href="#anhang_1">Anhang 1</a>: <em>Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke der Philosophie alter und neuer Zeit,</em> herausgegeben, beziehungsweise &uuml;bersetzt, erl&auml;utert und mit Lebensbeschreibungen versehen von J. H. v. Kirchmann, Sechsundvierzigster Band, Spinozas Briefwechsel, Berlin 1871, S. 205.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung28" href="#28" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">28</a> Traub, Hartmut, <em>Philosophie und Anthroposophie. Die philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners. Grundlegung und Kritik.</em> Stuttgart, 2011, S. 269. Traub schreibt:</p> <blockquote> <p>Spinoza, vorausgesetzt man liest ihn, l&auml;sst sich also keineswegs zum Erzvater aller Freiheitsgegner und damit zum eigentlichen Antipoden der Freiheitsphilosophie Steiners machen. Im Gegenteil, &uuml;ber die &Uuml;berschrift von Kapitel V hinaus zeigt schon ein oberfl&auml;chlicher Blick in den Text, dass Freiheit f&uuml;r Spinoza, wie f&uuml;r Steiner, etwas mit der rechten Erkenntnis, mit dem Denken nach klaren und deutlichen Begriffen zu tun hat. Und ebenso, wie Steiner das in seinem ersten Kapitel kurz angedeutet hatte, stellt auch Spinoza in Kapitel IV seiner <em>Ethik</em>, das &#8220;Von der menschlichen Knechtschaft oder von den Kr&auml;ften der Affekte&#8221; getitelt ist, ausf&uuml;hrlich dar, dass die Unfreiheit des Menschen mit dessen Anf&auml;lligkeit gegen&uuml;ber der Macht der Affekte zusammenh&auml;ngt. Von <em>Freiheitsgegnerschaft</em> ist in Spinozas Denken also keine Spur.</p> </blockquote> <p>Traub suggeriert hier, dass Spinoza und Steiner eigentlich fast derselben Auffassung sind im Hinblick auf das Thema &#8220;Zusammenhang zwischen Freiheit und Denken&#8221;. Das Problem aber ist, dass ein &#8220;oberfl&auml;chlicher Blick&#8221; hier gar nichts beweist. Es sollte ein tiefergehender Blick noch nachfolgen. Diesen finde ich bei Traub, trotz des Umfangs seiner Arbeit und einiger oberfl&auml;chlicher Hinweise, &uuml;ber den &#8220;Zusammenhang zwischen Denken und Freiheit bei Steiner und Spinoza&#8221; nicht wieder. Siehe auch Teil 2 dieser Arbeit, wo ich versuche einen tiefergehenden Blick zu liefern.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung29" href="#29" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">29</a> Siehe <a href="#anhang_1">Anhang 1</a>: <em>Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke der Philosophie alter und neuer Zeit,</em> herausgegeben, beziehungsweise &uuml;bersetzt, erl&auml;utert und mit Lebensbeschreibungen versehen von J. H. v. Kirchmann, Sechsundvierzigster Band, <em>Spinozas Briefwechsel,</em> Berlin 1871, S. 204.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung30" href="#30" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">30</a> Steiner sagt nicht explizit Spinoza sei Determinist, aber die von ihm vorgelegte Interpretation Spinozas, l&auml;uft darauf hinaus.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung31" href="#31" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">31</a> Damit passt Spinoza thematisch auch in das Kapitel I der <em>Philosophie der Freiheit</em>, &ndash; er geh&ouml;rt n&auml;mlich zur Gruppe der Philosophen, die die Freiheit zur &#8220;&auml;rgsten Illusion erkl&auml;rt&#8221;.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung32" href="#32" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">32</a> Ich glaube es ist nicht zuf&auml;llig, dass Steiner bei seiner Kritik an Spinoza nicht nur das Wort &#8220;Ursachen&#8221;, sondern auch das Wort &#8220;Gr&uuml;nde&#8221; (statt &#8220;Ursachen&#8221;) verwendet. Er verwendet beide Worte, beschr&auml;nkt sich aber nicht auf das Wort &#8220;Ursachen&#8221; wie Spinoza dies tut. Die Frage ist dann, ob Gr&uuml;nde und Ursachen dasselbe sind. Dies zeigt bereits eine Differenz zwischen Spinoza und Steiner, die wir noch weiter besprechen werden: Spinoza ist Determinist und denkt sich dies kompatibel mit der Freiheit. Steiner dagegen ist kein Determinist und denkt die Freiheit entgegengesetzt dem Determinismus.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung33" href="#33" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">33</a> Nebenbei gesagt bedeutet dies auch, dass Traubs Bemerkung, dass das Bewusstsein einer Handlung f&uuml;r Steiner &#8220;zur Wesensbestimmung der Freiheit geh&ouml;rt&#8221;, nicht zutrifft (Siehe: Traub, Hartmut, <em>Philosophie und Anthroposophie, Die Philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners, Grundlegung und Kritik,</em> Stuttgart, 2011, S. 272 und unten Anmerkung <a class="anmerkung" name="45" href="#anmerkung45" title="Zu Anmerkung 45">45</a>). Denn Steiner formuliert in Kapitel I nur als Hypothese, dass dem so sein k&ouml;nnte, behauptet hier aber gar noch nichts. Steiner schreibt (Steiner, Rudolf, <em>Die Philosophie der Freiheit. Grundz&uuml;ge einer modernen Weltanschauung. Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode.</em> GA 4, Dornach, 1978, S. 23):</p> <blockquote> <p>Da&szlig; eine Handlung nicht frei sein kann, von der der T&auml;ter nicht wei&szlig;, warum er sie vollbringt, ist ganz selbstverst&auml;ndlich. Wie verh&auml;lt es sich aber mit einer solchen, von deren Gr&uuml;nden gewu&szlig;t wird? &#91;&#8230;&#93;</p> </blockquote> <p>Dies ist zun&auml;chst eine hypothetische Fragestellung, die noch nichts n&auml;heres behauptet im Hinblick auf die Wesensbestimmungen der Freiheit. Obwohl es nat&uuml;rlich deutlich ist, das Steiner sich hier einiges f&uuml;r das Freiheitsverst&auml;ndnis verspricht, wenn es um das Wissen beziehungsweise das Bewusstsein der Gr&uuml;nde des Handelns geht.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung34" href="#34" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">34</a> Siehe: Traub, Hartmut, <em>Philosophie und Anthroposophie, Die Philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners, Grundlegung und Kritik,</em> Stuttgart, 2011, S. 268-272.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung35" href="#35" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">35</a> Ebd., S. 269.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung36" href="#36" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">36</a> Ebd., S. 271.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung37" href="#37" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">37</a> Siehe <a href="#anhang_1">Anhang 1</a>: <em>Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke der Philosophie alter und neuer Zeit,</em> herausgegeben, beziehungsweise &uuml;bersetzt, erl&auml;utert und mit Lebensbeschreibungen versehen von J. H. v. Kirchmann, Sechsundvierzigster Band, <em>Spinozas Briefwechsel,</em> Berlin 1871, S. 204.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung38" href="#38" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">38</a> Siehe: Traub, Hartmut, <em>Philosophie und Anthroposophie, Die Philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners, Grundlegung und Kritik,</em> Stuttgart, 2011, S. 272.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung39" href="#39" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">39</a> Traub schreibt (Ebd., S. 272):</p> <blockquote> <p>Was soll man zu Steiners Versuch, bei Spinoza offene T&uuml;ren einzurennen und ihn damit zu Fall bringen zu wollen, noch sagen, au&szlig;er, dass das peinliche Ergebnis eines solchen Versuchs absehbar ist? Und wozu dienen die Warnungen von Steiner-Apologeten vor der Gefahr einer Verf&uuml;hrung, Steiners &#8220;Zitaten eines Spinoza &#91;&#8230;&#93; mehr nachzusp&uuml;ren und sie in einem weiteren Umfange zu studieren, als es f&uuml;r das Studium der <em>Philosophie der Freiheit</em> unbedingt erforderlich ist&#8221;, &#91;Otto Palmer, <em>Rudolf Steiner &uuml;ber seine Philosophie der Freiheit,</em> Stuttgart 1984, S. 11f.&#93; als dazu, sich selbst von Steiner in die Irre f&uuml;hren zu lassen und sich in dieser Irre wohl und heimisch zu f&uuml;hlen? Hier ist in der wissenschaftlichen Steiner-Forschung noch vieles zu tun: &#8220;Die W&uuml;ste w&auml;chst, weh dem, der W&uuml;sten birgt&#8221; (F. Nietzsche).</p> </blockquote> <p>Nur nebenbei: Traub macht hier mit dieser leidenschaftlichen Passage etwas Eigenartiges. Nat&uuml;rlich &ndash; und ganz formell, m&ouml;chte ich sagen &ndash; bin ich einverstanden mit seiner Kritik gegen&uuml;ber der Einstellung, dass es nicht erforderlich sei, Steiners Quellen nicht weiter erforschen zu wollen; nicht weiter, als unbedingt n&ouml;tig ist um die <em>Philosophie der Freiheit</em> zu verstehen. Ganz im Gegenteil. Das Eigenartige hier ist aber, dass Traub die Autoren, die Steiners philosophische Schriften behandeln, alle ohne Ausnahme &#8220;Steiner-Apologeten&#8221; nennt, dabei aber nur einen winzigen Teil dieser Autoren in seiner Arbeit bespricht. Auf diese Weise k&ouml;nnte man auch zu beweisen versuchen, dass alle Fu&szlig;ballfans Hooligans sind, was doch nicht der Fall ist. Darin hat Traub allerdings Recht, dass die Steiner-Forschung hier ein Problem hat, das benannt werden soll. Aber dabei nicht einmal zu zeigen, dass man das ganze Umfeld kennt, und dann auf dieser schmalen Basis allgemeine Aussagen zu machen, das ist inakzeptabel.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung40" href="#40" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">40</a> Siehe Teil 2 dieser Arbeit, wo ich Spinozas und Steiners Freiheitsbegriffe mit einander vergleiche.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung41" href="#41" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">41</a> Steiner, Rudolf, <em>Die Philosophie der Freiheit. Grundz&uuml;ge einer modernen Weltanschauung. Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode.</em> GA 4, Dornach, 1978. S. 14.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung42" href="#42" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">42</a> Steiner, Rudolf, <em>Dokumente zur Philosophie der Freiheit. Faksimile der Erstausgabe 1894 mit den handschriftlichen Eintragungen f&uuml;r die Neuausgabe 1918 und weitere Materialien.</em> GA 4a, Dornach 1994, S. 251.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung43" href="#43" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">43</a> Hervorhebung MF. Siehe <a href="#anhang_1">Anhang 1</a>: <em>Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke der Philosophie alter und neuer Zeit,</em> herausgegeben, beziehungsweise &uuml;bersetzt, erl&auml;utert und mit Lebensbeschreibungen versehen von J. H. v. Kirchmann, Sechsundvierzigster Band, <em>Spinozas Briefwechsel,</em> Berlin 1871, S. 204.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung44" href="#44" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">44</a> Steiner, Rudolf, <em>Die Philosophie der Freiheit. Grundz&uuml;ge einer modernen Weltanschauung. Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode.</em> GA 4, Dornach, 1978. S. 163.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung45" href="#45" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">45</a> Die positive Freiheit ist ein Begriff, der Antwort gibt auf die Frage: Wer oder was bestimmt (das Handeln)? Im Falle Spinozas ist dies dann die Natur des Wesens, das frei sein soll. Bei Steiner ist es das individuelle Selbst. Die negative Freiheit dagegen gibt eine Antwort auf die Frage: Wie viel Raum hat der Mensch, sich selbst auszuleben (bzw. zu handeln)? Wie viele M&ouml;glichkeiten hat er? Als Antwort auf diese Frage wird Freiheit dann oft definiert als das Fehlen von Begrenzungen f&uuml;r das Handeln. Quelle: Berlin, I. (1958) &#8220;Two Concepts of Liberty.&#8221; In: Isaiah Berlin (1969) Four Essays on Liberty. Oxford: Oxford University Press.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung46" href="#46" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">46</a> Hervorhebung MF. Siehe <a href="#anhang_1">Anhang 1</a>: <em>Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke der Philosophie alter und neuer Zeit,</em> herausgegeben, beziehungsweise &uuml;bersetzt, erl&auml;utert und mit Lebensbeschreibungen versehen von J. H. v. Kirchmann, Sechsundvierzigster Band, <em>Spinozas Briefwechsel,</em> Berlin 1871, S. 206.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung47" href="#47" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">47</a> Ebd., S. 206.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung48" href="#48" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">48</a> Ebd., S. 207.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung49" href="#49" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">49</a> Traub, Hartmut, <em>Philosophie und Anthroposophie, Die Philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners, Grundlegung und Kritik,</em> Stuttgart, 2011, S. 271.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung50" href="#50" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">50</a> Ebd., S. 271.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung51" href="#51" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">51</a> Siehe <a href="#anhang_1">Anhang 1</a>: <em>Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke der Philosophie alter und neuer Zeit,</em> herausgegeben, beziehungsweise &uuml;bersetzt, erl&auml;utert und mit Lebensbeschreibungen versehen von J. H. v. Kirchmann, Sechsundvierzigster Band, <em>Spinozas Briefwechsel,</em> Berlin 1871, S. 205.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung52" href="#52" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">52</a> <em>Benedictus de Spinoza, Opera posthuma, Amsterdam 1677,</em> Complete photographic reproduction from a copy in the possession of Biblioteca dell'Academia Nazionale die Lincei e Corsiniana, Rome (67 D 19), a cura di Pina Totaro, prefazione di Filippo Mignini, Firenze, Quodlibet, 2008, Epistola LXII, S. 585.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung53" href="#53" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">53</a> Siehe <a href="#anhang_1">Anhang 1</a>: <em>Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke der Philosophie alter und neuer Zeit,</em> herausgegeben, beziehungsweise &uuml;bersetzt, erl&auml;utert und mit Lebensbeschreibungen versehen von J. H. v. Kirchmann, Sechsundvierzigster Band, <em>Spinozas Briefwechsel,</em> Berlin 1871, S. 204.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung54" href="#54" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">54</a> Traub, Hartmut, <em>Philosophie und Anthroposophie, Die Philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners, Grundlegung und Kritik,</em> Stuttgart, 2011, S. 258-259.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung55" href="#55" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">55</a> Siehe <a href="#anhang_1">Anhang 1</a>: <em>Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke der Philosophie alter und neuer Zeit,</em> herausgegeben, beziehungsweise &uuml;bersetzt, erl&auml;utert und mit Lebensbeschreibungen versehen von J. H. v. Kirchmann, Sechsundvierzigster Band, <em>Spinozas Briefwechsel,</em> Berlin 1871, S. 204.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung56" href="#56" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">56</a> Idem.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung57" href="#57" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">57</a> Idem.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung58" href="#58" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">58</a> Spinoza ist nicht nur sehr vorsichtig gewesen bei der Formulierung seiner Texte, er ist auch immer sehr vorsichtig gewesen mit der <em>Ver&ouml;ffentlichung</em> derselben. Dies wegen m&ouml;glicher Verfolgung der Inquisition. So ist nur ein Werk von Spinoza w&auml;hrend seiner Lebenszeit unter seinem eigenen Namen ver&ouml;ffentlicht worden. Und dies war eine Arbeit, in der er die Philosophie Descartes bespricht, also nicht seine eigenen Ansichten! Andere Arbeiten ver&ouml;ffentlichte er anonym, und fast der gr&ouml;sste Teil seiner Arbeiten (insgesamt sein Hauptwerk, die <em>Ethik</em>) ist erst nach seinem Tode ver&ouml;ffentlicht worden durch seine Freunde. Auch ist sp&auml;ter noch eine Arbeit gefunden worden, die vorher unbekannt geblieben war. Nur ein privater Kreis von Freunden und Kollegen hatte Zugang zu Spinozas Werk w&auml;hrend seiner Lebenszeit. Er f&uuml;hrte auch eine lebhafte Korrespondenz, aus welcher der von Steiner besprochene Brief stammt.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung59" href="#59" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">59</a> Wenn man die radikale Unfreiheit denkt als ein Extrem, und die radikale Freiheit als das entgegengesetzte, &ndash; gewissermassen ein Kontinuum von Unfreiheit bis zur Freiheit &ndash;, dann k&ouml;nnte man Spinozas Begriff der Unfreiheit einstufen als den radikalsten Begriff von Unfreiheit. Und Steiners Begriff von Freiheit als den radikalsten Begriff von Freiheit. Zwischen beiden kommt dann Spinozas Begriff von Freiheit zu liegen, der nicht mehr die <em>kausale</em> Determination umfasst, aber die <em>logische</em>. F&uuml;r Spinoza ist dies kein Problem, denn innerhalb seiner Metaphysik ist eine noch radikalere Freiheit nicht denkbar, und insofern auch nicht erforderlich. Sein Begriff der Unfreiheit ist dabei dergestalt gebildet, dass er auch seinen Begriff von Freiheit in sich enth&auml;lt, weil die <em>kausale</em> die <em>logische</em> Determination voraussetzt. Daran kann man sehen, dass, wenn man die logische Determination wegnimmt, ein noch radikalerer Freiheitsbegriff resultieren w&uuml;rde, auch wenn dies vielleicht nicht die Wirklichkeit charakterisiert. Ob ein solcher Begriff die Wirklichkeit des menschlichen Handelns charakterisiert oder charakterisieren kann ist Steiners Anliegen. Spinozas Anliegen ist es zu zeigen dass <em>sein</em> Begriff von Freiheit, n&auml;mlich der logische Determinismus, das menschliche Handeln charakterisiert oder charakterisieren kann. Ich glaube dies ist die wichtigste Differenz hinsichtlich der Freiheit zwischen Spinoza und Steiner.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung60" href="#60" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">60</a> Traub, Hartmut, <em>Philosophie und Anthroposophie, Die Philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners, Grundlegung und Kritik,</em> Stuttgart, 2011, S. 271-272. Traub schreibt:</p> <blockquote> <p>&#91;&#8230;&#93; Die zweite Stelle im Brief, an der Spinozas eigener Freiheitsbegriff indirekt zur Sprache kommt, hat Steiner selber zitiert. Und es ist erstaunlich, dass ihn diese Stelle nicht stutzig gemacht hat. Denn Spinoza beschreibt hier, wenn auch nur negativ, genau das, was nach Steiners eigenem Daf&uuml;rhalten zur Wesensbestimmung der Freiheit geh&ouml;rt, n&auml;mlich &#8220;das Wissen um die Gr&uuml;nde und Ursachen unseres Handelns.&#8221; &#91;&#8230;&#93;</p> </blockquote> <p>Siehe auch oben Anmerkung <a href="#anmerkung33">33</a> f&uuml;r einen kritischen Kommentar zu dieser Stelle.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung61" href="#61" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">61</a> Ebd., S. 272.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung62" href="#62" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">62</a> <em>Spinoza, Baruch, S&auml;mtliche Werke in sieben B&auml;nden,</em> hg. von Carl Gebhardt, Band 6, <em>Spinozas Briefwechsel,</em> Hamburg, Felix Meiner, 1986, S. 237. Gebhardt &uuml;bersetzt:</p> <blockquote> <p>&#91;&#8230;&#93; Und da dieses Vorurteil allen Menschen eingeboren ist, machen sie sich nicht leicht davon los. &#91;&#8230;&#93;</p> </blockquote> <p>Auch bei Kirchmann findet sich dieser Satz. Er &uuml;bersetzt wie folgt:</p> <blockquote> <p>&#91;&#8230;&#93; und da dieses Vorurtheil allen Menschen angeboren ist, so kann man sich nicht leicht davon befreien. &#91;&#8230;&#93;</p> </blockquote> <p>Wie oben gesagt, hat Steiner die &Uuml;bersetzung von Kirchmann verwendet, aber die von Gebhardt bei Abfassung der <em>Philosophie der Freiheit</em> nicht kennen k&ouml;nnen, da es diese noch nicht gab.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung63" href="#63" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">63</a> Steiner, Rudolf, <em>Die Philosophie der Freiheit. Grundz&uuml;ge einer modernen Weltanschauung. Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode.</em> GA 4, Dornach, 1978. S. 18-19.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung64" href="#64" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">64</a> Siehe den Rahmentext in dieser Arbeit, <a href="#&uuml;bersicht1">Abschnitt 1</a>, f&uuml;r die Einzelheiten hinsichtlich der hier in Rede stehenden &#8220;&Uuml;bersetzungsfehler&#8221;, die Kirchmann an dieser Stelle unterlaufen sind.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung65" href="#65" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">65</a> <em>Spinoza, Baruch, S&auml;mtliche Werke in sieben B&auml;nden,</em> hg. von Carl Gebhardt, Band 6, <em>Spinozas Briefwechsel,</em> Hamburg, Felix Meiner, 1986, S. 237.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung66" href="#66" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">66</a> Ich schreibe &#8220;wahrscheinlich&#8221; weil in Steiners Bibliothek auch eine lateinische Version von Spinozas Opera Posthuma gefunden worden ist, wobei es aber leider nicht deutlich ist, ob er diese auch bereits besass, als er seine <em>Philosophie der Freiheit</em> verfasst hat. Siehe auch oben, Anmerkung <a class="anmerkung" name="4" href="#anmerkung4" title="Zu Anmerkung 4">4</a>.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung67" href="#67" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">67</a> Hervorhebung MF.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung68" href="#68" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">68</a> Warum Kirchmanns &Uuml;bersetzung derart &#8220;abweicht&#8221; vom Urtext wei&szlig; ich nicht. Nur eine Studie von Kirchmanns T&auml;tigkeit als &Uuml;bersetzer k&ouml;nnte hier m&ouml;glicherweise Auskunft erbringen; eine Studie, die hier aber nicht geleistet werden kann.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung69" href="#69" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">69</a> Dies ist &uuml;brigens auch eine Bemerkung, die man im Hinblick auf Steiners Gedankengang machen k&ouml;nnte. Denn warum macht er sich derart viel Hoffnungen f&uuml;r die Freiheit des Menschen aus dem Umstand, dass die Erkenntnis der Gr&uuml;nde des eigenen Handelns einen Unterschied ergeben k&ouml;nnte hinsichtlich der Freiheit dieses Handelns? Siehe zu dieser Bemerkung auch meine Diplomarbeit (<a href="http://merijnfagard.com/teksten/thesis.pdf" target="_blank">Van de goede wil naar de vrije wil&#8230; Het verband tussen kennis en vrijheid in de filosofie van Rudolf Steiner. S. 10</a>), wo ich dieses Bedenken zuerst ge&auml;ussert habe (auf Niederl&auml;ndisch). Siehe dazu auch <em>Freedom and Necessity</em> (In: <em>Free Will.</em> Derk Pereboom (ed.), p. 110 ff.), wo der britische Philosoph Alfred Ayer diese Art von Freiheit, die er definiert als das &#8220;Bewusstsein des notwendigen Zusammenhangs der Wirklichkeit (<em>consciousness of necessity</em>)&#8221;, abtut als eine Art von Freiheit, die er nicht mehr &#8220;Freiheit&#8221; nennen w&uuml;rde&#8230; In seinem Artikel argumentiert Ayer, dass Gesetzm&auml;ssigkeiten, die <em>notwendig</em> g&uuml;ltig sind, dies doch nicht weniger w&auml;ren, wenn der Mensch sich der G&uuml;ltigkeit dieser Gesetzm&auml;ssigkeiten <em>bewusst</em> wird. In dem Sinne kann das Bewusstsein von etwas nicht identisch sein mit dem Frei-Sein des Menschen. Ayer l&auml;sst die M&ouml;glichkeit offen, dass Freiheit und Notwendigkeit zusammen gehen. Aber er bestreitet, dass die Freiheit gleich sein k&ouml;nnte unserer <em>Erkenntnis</em> von Faktoren die uns <em>notwendig</em> bestimmen. Er folgert dann auch, dass wer Freiheit als eine Art von Erkenntnis definiert, damit faktisch ausgeht von einem Freiheitskonzept, das ganz uninteressant ist, weil damit an dem eigentlichen Freiheitsproblem (das also anders formuliert werden m&uuml;sste) vorbei gegangen wird. Diese Bemerkung, angewendet auf Steiner, trifft aber nicht zu. Denn Steiner ist kein Determinist und schl&auml;gt also auch nicht vor die Freiheit zu definieren als das Bewusstsein einer Notwendigkeit, die ja gar nicht zu seiner Metaphysik geh&ouml;rt. Dies bedeutet auch, er hat nicht die Aufgabe, wie Spinoza, nach einer M&ouml;glichkeit zu suchen, den Mensch zu &#8220;befreien&#8221; aus einer notwendig zusammenh&auml;ngenden Kette von Geschehnissen, die dann zusammen die Welt bilden. (Bei Spinoza geschieht dies dadurch, dass der Mensch, in dem Masse er frei ist, unvermittelt von Gott bestimmt wird, und folglich nicht mehr von &auml;usseren Ursachen). Und auch nach einer M&ouml;glichkeit zu suchen (und dies, weil Spinoza glaubt in der <em>Notwendigkeit</em> der g&ouml;ttlichen Natur) Freiheit und Notwendigkeit mit einander vereinbar zu denken. Steiner hat nicht diese Metaphysik und hat in seiner Philosophie also noch die M&ouml;glichkeit zu dem Schluss zu kommen, der kausale Determinismus treffe nicht zu. Und ferner, dass die Welt (oder wenigstens Gott) vielleicht nicht notwendig das sind was sie sind und wirken wie sie wirken. Ich glaube &uuml;brigens, dass dies die zwei gr&ouml;ssten Differenzen sind zwischen Spinozas und Steiners Metaphysik. Siehe dazu auch Teil 2 dieser Arbeit, wo ich Spinozas und Steiners Freiheitsauffassung mit einander vergleiche.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung70" href="#70" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">70</a> Die Sache wird kompliziert dadurch, dass Spinoza auch noch seinen eigenen Freiheitsbegriff (i), n&auml;mlich die freie Notwendigkeit, hat. Denn obwohl f&uuml;r Spinoza der Wille auf jeden Fall tats&auml;chlich irrelevant ist, speziell im Rahmen seiner Definition der Freiheit (i), bedeutet die Einsicht in die Ursachen, die einen treiben, dennoch einen Fortschritt im Hinblick auf die Freiheit. Der Mensch wird, in Spinozas Terminologie und Begrifflichkeit, wirklich freier, wenn er die Ursachen seines Handelns erkennt. Denn, wie wir noch sehen werden (in Abschnit 7), bedeutet Freiheit f&uuml;r Spinoza, dass man sich teilweise vom <em>kausalen</em> Determinismus emanzipieren kann dadurch, dass man die Ursachen seines Handelns erkennt. Man wird dann, Spinoza zufolge, unvermittelt bestimmt von Gott. Das hei&szlig;t, von jenem Teil der g&ouml;ttliche Natur, der gleich ist der eigenen Natur. Was f&uuml;r Spinoza dann auch bedeutet, dass man frei handelt. Der Determinismus aber bleibt f&uuml;r Spinoza bestehen, nur nicht in seiner <em>kausalen</em> Variante. Was bleibt ist der Determinismus in seiner <em>logischen</em> Variante, die Spinoza im Brief auch die &#8220;freie Notwendigkeit&#8221; nennt. Seine Auffassung dabei ist auch, &ndash; weil seine Metaphysik dies beinhaltet &ndash;, dass der Mensch diese Art von Notwendigkeit nicht &uuml;berwinden kann und soll. Die Notwendigkeit bleibt, nur die Verursachung verl&auml;uft anders: intern versus extern. Die Einsicht &auml;ndert also etwas, aber nicht hinreichend genug um sprechen zu k&ouml;nnen von Freiheit im Sinne von (ii). Zudem bleibt es auch so, dass die Einsicht auch im Sinne von (i) nur teilweise etwas &auml;ndert. Sie hat n&auml;mlich die Kraft den Menschen partiell zu emanzipieren von den Emotionen, die auch als &auml;u&szlig;ere Ursachen verstanden werden. Teilweise bleibt es aber auch so, dass der Mensch auch weiterhin noch bestimmt wird von Ursachen und Gesetzen, wenn er sich eine Erkenntnis davon erworben hat. Dies, weil er immer ein beschr&auml;nktes Wesen bleibt innerhalb einer Welt, die oft m&auml;chtiger ist. Der Mensch kann sich dagegen nicht wehren, auch dann nicht, wenn er die Mechanismen, die ihn bestimmen, erkennt. Man kann z.B. von einer Emotion erkennen, sie f&uuml;hre dazu, dass man so und so handelt, und dennoch sich nicht wehren k&ouml;nnen gegen die Einwirkung dieser Emotion.</p> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung71" href="#71" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">71</a> Siehe <a href="#anhang_1">Anhang 1</a>: <em>Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke der Philosophie alter und neuer Zeit,</em> herausgegeben, beziehungsweise &uuml;bersetzt, erl&auml;utert und mit Lebensbeschreibungen versehen von J. H. v. Kirchmann, Sechsundvierzigster Band, <em>Spinozas Briefwechsel,</em> Berlin 1871, S. 205. Gebhardt gibt die folgende &Uuml;bersetzung (<em>Spinoza, Baruch, S&auml;mtliche Werke in sieben B&auml;nden,</em> hg. von Carl Gebhardt, Band 6, <em>Spinozas Briefwechsel,</em> Hamburg, Felix Meiner, 1986, S. 237):</p> <blockquote> <p>&#91;&#8230;&#93; Danach lassen sich die Einw&uuml;rfe Ihres Freundes leicht beantworten. Denn wenn er in &Uuml;bereinstimmung mit Descartes sagt, der sei frei, der nicht von einer &auml;u&szlig;eren Ursache gezwungen wird, so gebe ich zu: wenn er unter einem gezwungenen Menschen den versteht, der gegen seinen Willen handelt, so sind wir in manchen Dingen in keiner Weise gezwungen und haben in dieser Hinsicht einen freien Willen. Wenn er aber unter gezwungen den versteht, der zwar nicht gegen seinen Willen, aber doch notwendig handelt (wie ich oben dargelegt habe), so bestreite ich, da&szlig; wir irgendwie frei sind.</p> </blockquote> <p><a class="anmerkung" name="anmerkung72" href="#72" title="Zur&uuml;ck zur Inhalt">72</a> Vergleich die folgende Stelle, die sich weiter im Brief Spinozas findet (Ebd. (Kirchmann) S. 206):</p> <blockquote> <p>Wenn er &#91;der Freund, MF&#93; ferner hinzusetzt, dass die Ursachen, weshalb er sich zum Schreiben entschlossen, ihn zwar zum Schreiben angetrieben, aber nicht gezwungen h&auml;tten, so heisst dies nur (wenn sie die Sache ruhig und unparteiisch &uuml;berlegen), dass seine Seele damals in dem Zustande war, dass Ursachen, die ihn sonst, wo er in einer grossen Leidenschaft befangen war, nicht h&auml;tten bewegen k&ouml;nnen, dies jetzt leicht vermocht h&auml;tten, d.h. dass Ursachen, die ihn in andern F&auml;llen nicht h&auml;tten zwingen k&ouml;nnen, jetzt gezwungen haben und zwar nicht gegen seinen Willen zu schreiben, sondern, dass er notwendig verlangte zu schreiben.</p> </blockquote> <p>Zusammengefasst: Obwohl der schreibende Mensch notwendig schreibt und folglich, gegeben die spezifische Umst&auml;nde, nicht anders handeln kann, so hat er doch das Gef&uuml;hl, schreiben zu wollen, weil er notwendig Lust zum Schreiben bekommt.</p> <p style="text-align:center;"><a href="http://validator.w3.org/check?uri=referer"><img style="width:88px;height:31px;margin:10px 0;" src="http://www.w3.org/Icons/valid-html401" alt="Valid HTML 4.01 Transitional"></a></p> </body> </html>