Studien zur Anthroposophie

Michael Muschalle


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Michael Muschalle

Zum Wirklichkeitsbegriff Rudolf Steiners

(Stand 27.07.05)

Kapitel 4

"Geschaffene Wirklichkeit" als erkenntnistheoretische Ausdrucksreservierung.

Leider hat nun diese Mehrdimensionalität des Steinerschen Wirklichkeits- und Erkenntnisbegriffes vielfach etwas Verwirrendes an sich, so daß man leicht in unsicheres Fahrwasser gelangt, wenn man nicht genau weiß, in welchem Sinne Steiner jeweils von Wirklichkeitserzeugung spricht. Der jeweilige Sachzusammenhang gibt darüber nicht unbedingt hinreichend Aufklärung. Die von Werner Firgau und mir zitierte Anmerkung zu S. 16 der "Grundlinien ..." ist von dieser Art. Und sie enthält darüber hinaus noch ein gewisses philologisches Problem insofern, als sich abweichende Lesarten ergeben, je nachdem, ob man den Steinerschen Ausdruck "diese Wirklichkeit" am Ende der Anmerkung auf S. 136 f. der "Grundlinien ..." auf die unmittelbar vorausgehend genannte erkenntnisjenseitige Wirklichkeit bezieht oder auf Wirklichkeit im allgemeinen. Ein Umstand, der das Verständnis zwar nicht vereitelt, es aber auch nicht unbedingt fördert.

Wenn wir der umfangreichen Anmerkung zur Neuauflage der "Grundlinien..." von 1924 folgen, dann entsteht Wirklichkeit für Rudolf Steiner durch das Ineinanderarbeiten von sinnlichen und ideellen Gegebenheiten, in der Synthese von Wahrnehmung und Begriff. "Im Erkennen schafft der Mensch nicht für sich allein etwas, sondern er schafft mit der Welt zusammen an der Offenbarung des wirklichen Seins. Was im Menschen ist, ist ideeller Schein; was in der wahrzunehmenden Welt ist, ist Sinnenschein; das erkennende Ineinanderarbeiten der beiden ist erst Wirklichkeit."36 Da ist nun die Frage angebracht: Welche Wirklichkeit ist hier gemeint? Die Erkenntnis-Wirklichkeit oder die ontisch vorgegebene Wirklichkeit, die ich in meinem Erkennen lediglich zur Offenbarung bringe? Benutzt er die Formulierung ontologisch oder erkenntnistheoretisch? Sollte er den Ausdruck ontologisch verwenden, dann könnte man zunächst über entsprechende solipsistische Implikationen nachdenken. Da der Solipsismus von Rudolf Steiner aber ausgeschlossen wird, und der Mensch zusammen mit der (schon bestehenden, demnach vorgegebenen) Welt an der Offenbarung des Seins schafft, kann man darüber rätseln, wieso er beispielsweise am Ende seiner Anmerkung, wie wir im folgenden Kapitel dieser vorliegenden Arbeit zeigen werden, von einem "Erschaffen der Wirklichkeit" im Erkenntnisprozeß sprechen kann, wenn er tatsächlich nur Nachschöpfung oder "Offenbarung des wirklichen Seins" meint. Zwischen der Offenbarung eines Sachverhaltes (des wirklichen Seins) und seiner Erzeugung besteht mitnichten Identität und wenn Wirklichkeit lediglich zu offenbaren, das heißt aufzudecken ist - wenn also "die Wirklichkeit des Angeschauten" durch das Erkennen zur Offenbarung gebracht wird, um mit Steiner zu sprechen, oder wenn wir mit Herbert Witzenmann sagen, daß eine über unsere spezifische Organisation "dekomponierte" Wirklichkeit im Erkenntnisvorgang "rekomponiert" wird 37 - dann ist, wie wir sahen, davon auszugehen, daß sie bereits besteht und nicht etwa im Erkenntnisvorgang im ontologischen Sinne geschaffen wird. Lediglich auf den Prozeß und das Resultat der Offenbarung ließe sich der Ausdruck "Erschaffen" sinnvollerweise anwenden. Der Erzeugungsaspekt bezieht sich dann auf den Vorgang der "Offenbarung" bzw. der "Rekomposition", insofern diese eine produktive Leistung des menschlichen Erkenntnisvermögens und als solche ein der Gesamtwirklichkeit angehörendes Geschehen ist, das ohne den Menschen, aber auch ohne das schon bestehende Sein nicht vorhanden wäre - der Schöpfungsprozeß wird durch den menschlichen Erkenntnisvorgang zu einem spezifischen Abschluß gebracht. Das erkennende Schaffen ist dem allgemeinen Sein angehörig und das Resultat dieses Schaffens wird dem allgemeinen Sein eingegliedert. Das Erkennen ist ein "Mitschaffen" mit einer bestehenden Weltwirklichkeit: "Im Erkennen schafft der Mensch nicht für sich allein etwas, sondern er schafft mit der Welt zusammen an der Offenbarung des wirklichen Seins."38

Wenn wir es so betrachten wäre die Rede vom "Schaffen der Wirklichkeit" am Ende der genannten Anmerkung entweder ein uneigentlicher Sprachgebrauch oder eine Metapher oder ein Ausdruck der Tatsache, daß für Steiner der Begriff der »Wirklichkeit« exklusiv für das Resultat der Synthese von Wahrnehmung und Begriff reserviert ist. Aber vielleicht bedeutet das "Schaffen der Wirklichkeit" am Ende dieses Zitats auch etwas ganz anderes.

Für eine Ausdrucksreservierung spricht eine Art von Definition, die Steiner in der Schrift "Wahrheit und Wissenschaft" gegeben hat. So schreibt er dort am Ende des 5. Kapitels: "Das Erkennen beruht also darauf, daß uns der Weltinhalt ursprünglich in einer Form gegeben ist, die unvollständig ist, die ihn nicht ganz enthält, sondern die außer dem, was sie unmittelbar darbietet, noch eine zweite wesentliche Seite hat. Diese zweite, ursprünglich nicht gegebene Seite des Weltinhaltes wird durch die Erkenntnis enthüllt. Was uns im Denken abgesondert erscheint, sind also nicht leere Formen, sondern eine Summe von Bestimmungen (Kategorien), die aber für den übrigen Weltinhalt Form sind. Erst die durch die Erkenntnis gewonnene Gestalt des Weltinhaltes, in der beide aufgezeigte Seiten desselben vereinigt sind, kann Wirklichkeit genannt werden."39 In dieselbe Richtung deutet, daß die sogenannte Wahrnehmungswirklichkeit von Steiner auch als "halbe Wirklichkeit" bezeichnet wird. Mit den Worten: "Erkennen heißt: zu der halben Wirklichkeit der Sinnenerfahrung die Wahrnehmung des Denkens hinzufügen, auf daß ihr Bild vollständig werde." wird dies in den Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften zum Ausdruck gebracht.40 Und in den "Grundlinien ...": "Die gewöhnliche Erfahrung ist nur die halbe Wirklichkeit. Für die Sinne ist nur diese eine Hälfte da. Die andere Hälfte ist nur für unser geistiges Auffassungsvermögen vorhanden."41

Erst durch das Vereinigen dieser beiden Hälften entsteht die ganze oder volle Wirklichkeit bzw. ein vollständiges Wirklichkeitsbild. Es handelt sich hier um eine erkenntnistheoretische Ausdrucksreservierung, die Steiner in gezielter Opposition gegenüber solchen Positionen vornimmt, die ausschließlich der sinnlich wahrnehmbaren Seite der Welt einen Realitätscharakter beilegen mochten und die im Menschen erscheinende gedanklich-ideelle Seite zum unwesentlichen subjektiven Scheinwerk deklarierten wie der naturwissenschaftliche Positivismus. Dieser unterschlägt in Steiners Augen die eine Hälfte der Wirklichkeit. Und nicht anders ist es um einen Idealismus bestellt, der die andere Hälfte hinterzieht. Es ist auch eine Ausdrucksreservierung gegenüber einem Idealismus, der einzig und allein dem Ideellen den Wirklichkeitscharakter beilegen mochte und den wahrnehmlichen Teil geringschätzte. Sowohl der Positivismus wie auch der Idealismus haben es in ihrer einseitigen Spielart jeweils nur mit einer halben Wirklichkeit zu tun - der eine mit wahrnehmlichem, der andere mit ideellem »Schein«.

So könnte man resümierend sagen, daß an der fraglichen Stelle der Anmerkungen in den "Grundlinien ..." der Begriff der »Wirklichkeit« im Sinne einer erkenntnistheoretischen Ausdrucksreservierung benutzt wird. Für unser Erkennen entsteht Erkenntnis-Wirklichkeit durch die Synthese von Wahrnehmung und Begriff. Erst im erkennenden, produktiven Ineinanderarbeiten von Sinnenschein und ideellem Schein offenbart sich das wirkliche Sein in seiner wahren Natur, denn erst im Zusammenbringen dieser beiden Teilhälften haben wir alles berücksichtigt, was für die Wirklichkeit konstitutiv ist. Diese Offenbarung des wirklichen Seins ist zugleich ein Natur- und Wirklichkeitsgeschehnis - eine Selbstoffenbarung der Natur-Wirklichkeit im Menschen und durch den Menschen, denn der Mensch ist dieser Natur angehörig.

In diesem Sinne läßt sich möglicherweise nicht nur die erste, sondern auch die zweite Textstelle der obigen Anmerkung deuten, welche das Erschaffen von Wirklichkeit thematisiert. Aber der Sinn der dortigen Aussage geht, wie ich inzwischen mit einiger Sicherheit glaube sagen zu können, in eine ganz andere Richtung.

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