Studien zur Anthroposophie

Michael Muschalle


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Merijn Fagard

Das Denken als Quelle der menschlichen Freiheit

Eine empirische Studie des intuitiven Denkens

Vorwort des Herausgebers

Die vorliegende, von der Dornacher Evidenzstiftung geförderte Studie wurde erarbeitet in den Jahren 2007/08 und im Herbst 2008 fertiggestellt. Sie zeigt eine für anthroposophische Verhältnisse erfrischend ungewöhnliche Form, sich mit dem intuitiven Denken auseinanderzusetzen: Mit Hilfe von Versuchspersonen versucht Fagard ein klassisches Experiment des Psychologen Karl Bühler nachzustellen, um auf diese Weise Aufschluss darüber zu erhalten, wie Menschen ihr Denken erleben, was sie darüber erinnern und aussagen können, und welche Charakterzüge an dem so ermittelten Bild des Denkens zutage treten. Dies alles vor dem Hintergrund einer intensiven Beschäftigung mit der Philosophie und Weltanschauung Rudolf Steiners, die das Thema seiner philosophischen Diplomarbeit an der Katholischen Universität Leuven (Belgien) gewesen ist. Auf die Theorie folgt jetzt die Empirie in einer Form, die vielleicht beispielgebend für manchen anderen anthroposophisch Forschenden sein könnte. Deswegen freue ich mich ausserordentlich, die Studie den Lesern hier zur Verfügung stellen zu dürfen.

Dies wäre ohne eine entscheidende Vorleistung ihres Verfassers nicht möglich gewesen. Fagard gehört als Belgier dem flämisch-niederländischen Sprachraum an. Deutsch ist nicht seine Muttersprache. Gleichwohl hat er sich der außerordentlichen Mühe unterzogen, diese Arbeit in Deutsch zu verfassen. Ohne diese Vorleistung wäre eine redaktionelle Überarbeitung für mich, der ich der flämischen Sprache nicht mächtig bin, nicht möglich gewesen. Dafür gilt dem Verfasser mein aufrichtiger Dank.

Ich glaube mit seinem mutigen und zukunftsweisenden Forschungsprojekt hat der Autor dreierlei gezeigt:

1. Dass es möglich ist eine Brücke zu bauen von der anthroposophisch orientierten Erforschung des Denkens zu jener der akademischen Wissenschaften im weitesten Sinne.

2. Dass es  auch möglich ist über das Denken zu Forschungsresultaten zu gelangen, die gleichermassen im anthroposophischen wie im nichtanthroposophischen Umfeld Anerkennung finden können.

3. Dass in einer Sprache vom Denken und über das Denken gesprochen werden kann, die von jedermann zu verstehen ist. Was Fagard schreibt ist auch für jeden Laien der Philosophie nachvollziehbar, weil er über Dinge schreibt, die sich tagtäglich im Bewusstsein eines jeden denkenden Menschen ereignen. Der Leser wird also überwiegend Vertrautes wiederfinden - allerdings aus einer für ihn normalerweise ungewöhnlichen Perspektive angeschaut. Es ist vor allem die plastische Konkretheit der untersuchten Denkprozesse, die diese Arbeit für ein grösseres Publikum so reizvoll macht. Wer die "allerwichtigste Beobachtung, die er machen kann" (siehe Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, Kap III.), auch wirklich selbst machen will, und sich nicht nur davon erzählen lassen möchte, für den liefert Fagards Studie eine Anleitung, die tatsächlich jedem verständlich ist und auch von jedem faktisch umgesetzt werden kann. Das gilt insbesondere für den Teil 2 seiner Untersuchung. Ein in dieser Form und seiner Verständlichkeit nach bislang wohl einmaliger Vorgang in der anthroposophischen Bewegung.

Schliesslich sei auf ein weiteres, vielleicht sogar das wichtigste Resultat Fagards hingewiesen, das insbesondere für denjenigen von grosser Bedeutung ist, der sich ernsthaft auf den anthroposophischen Schulungsweg begibt. Steffen Hartmann hat es jüngst in der Zeitschrift Der Europäer (Heft 8, Juni 2009, S. 26 ff) wieder einmal ausgesprochen, und auch Fagard weist eigens in seiner Studie darauf hin: In dem Umfang, in dem der Mensch versucht sich mit seinen Denkerlebnissen faktisch beobachtend auseinanderzusetzen, zeigt dieses Denken ihm immer mehr an Eigenschaften und Konturen, die ihm vorher gar nicht bewusst waren. In dem Umfang, in dem der Mensch sein Denken beobachtet, wacht er dafür auf wie ein operierter Blindgeborener für die visuelle Welt. Er wird zunehmend zum Seher und Anschauer seines Denkens.Wer weiss, dass dieses Anschauen des Denkens für Rudolf Steiner eine Form der Geist-Anschauung ist, der wird erahnen können, welche erkenntnismässigen Konsequenzen eine energische Fortsetzung dieses empirischen Forschungsweges nach sich zieht.

So gesehen ist Fagards Arbeit eine echte Pionierleistung. Und wie alle Pionierleistungen selbstverständlich nicht vollkommen. Das kann angesichts seiner Jugend auch nicht anders sein bei einem Projekt, bei dem der Wissenschaftler in so vielerlei Hinsicht Neuland betritt: Sich in ein methodisch weitgehend neues Forschungsfeld einzuarbeiten. Sich mit der dort relevanten Forschungsmethodik und Literatur auseinanderzusetzen. Versuchspersonen zu engagieren, zeitraubende Forschungsreihen vorzubereiten, durchzuführen, sie zu bearbeiten und zu analysieren und den Ertrag schriftlich in einer fremden Sprache zu fixieren.

Und das innerhalb nur eines einzigen Jahres - so lang war die Zeit bemessen, für die das Stipendium der Dornacher Evidenzstiftung bewilligt war. Man würde sich wünschen, der junge Mann hätte nicht nur ein, sondern mindestens sieben Jahre für seine Arbeit zur Verfügung gehabt.

Die Studie ist in drei Teilbereiche aufgegliedert.

Teil 1 enthält die Analyse des Verfassers und manches der Übersicht dienende oder weiter führende auf 125 Seiten dargestellt.

Teil 2 enthält eine eingehende Dokumentation des Forschungsprozederes auf etwas mehr als 70 Seiten.

Teil 3 enthält die im Text verwendeten Bilder und Graphiken.

Für Anregungen, Nachfragen und Kritik erreichen Sie den Verfasser unter der Adresse

merijn.fagard@hotmail.com

Bielefeld im Juni 2009

Michael Muschalle


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