Studien zur Anthroposophie

Michael Muschalle


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Michael Muschalle

Rudolf Steiners Begriff der Denk-Beobachtung

(Stand 23.01.12)

Kapitel 9.1

Über das Zusammenfallen von Wahrnehmung und Begriff und intuitives Denken

Das Denken wird bei der Beobachtung durch beschreibende Begriffe "angeschaut" - das heißt es schaut sich selbst an. "Der beobachtete Gegenstand ist qualitativ derselbe wie die Tätigkeit, die sich auf ihn richtet." sagt Steiner auf S. 48 der "Philosophie der Freiheit". Und die dazu notwendigen beschreibenden Begriffe werden zumeist überhaupt erst gesucht, ganz analog wie man in der Biologie lange Zeit nach charakteristischen morphologischen Kriterien gesucht hat, um Bauprinzipien und Verwandtschaftsbeziehungen von Lebewesen zu eruieren. Dieses "Anschauen" des Denkens unter beschreibenden Kategorien ist nicht etwa bloß metaphorisch zu nehmen. Es handelt sich hier zwar um eine metaphorische Übertragung aus der Sphäre der gegenständlichen Beobachtung in die der Denk-Beobachtung, aber wenn wir uns klar machen, unter welchen erkenntnistheoretischen Bedingungen wir einen herkömmlichen Gegenstand überhaupt "anschauen" können, dann müssen wir doch zugestehen, daß zu dieser Sinnes-Anschauung deskriptive Begriffe erforderlich sind, die sich in diesem Fall eben auf normales Sinnliches beziehen. (Zur Beachtung: Es geht um Anschauung und nicht lediglich um visuelle Erfahrungen. Siehe dazu etwa: Der sehende Blinde, in, Der Spiegel, Nr. 47, 18.11.2002 S. 190 ff). Wenn wir das Denken "anschauen" oder "betrachten" wollen, dann benötigen wir verständlicherweise auch dazu beschreibende Begriffe, die sich entsprechend auf das Denken beziehen. Will man sich anhand konkreter Beispiele dieses "Anschauen" des Denkens verdeutlichen, dann kann man ohne weiteres auf Steiners epistemologisch-phänomenologische Beschreibungen des Denkens zurückgreifen. Beispiele dieser Art wurden in dieser Arbeit schon exemplarisch angeführt, und das ließe sich natürlich fortführen und über Steiners Darstellungen hinaus erweitern. (Steiner verwendet für die Beschreibungen des erlebten Denkens auch den Ausdruck ideelles Gegenbild. Etwa S. 143 der Philosophie der Freiheit, Kapitel VIII, Zusatz von 1918. Siehe auch die sonstigen Kontexte, in denen der Ausdruck ideelles Gegenbild verwendet wird. Etwa S. S. 94; S. 120; S. 147 der Philosophie der Freiheit. )

Die Metaphorik des "Sehens" findet sich überdies so eng verbunden mit Steiners Begriff der Denk-Beobachtung, daß man sicherlich von einer weitreichenden Überschneidung der Ausdrücke "Beobachtung", Betrachtung" und "Anschauung" des Denkens ausgehen kann. - Am Rande gesagt wird diese Metaphorik des Sehens von Steiner auch in spezifisch übersinnlichen Zusammenhängen, zwar nicht durchgängig, aber sicherlich auch nicht zufällig beibehalten in Ausdrücken wie "Hellsehen" oder "Geist-Anschauung" usw. . Und das reine Denken selbst wird von ihm, wie er etwa in GA-35, 1984, S. 321 ausführt, ausdrücklich dem übersinnlichen, schauenden Bewußtsein zugerechnet: "Meine früheren Schriften behandeln das reine Denken so, daß ersichtlich ist, ich zähle dieses durchaus zu den Verrichtungen des «schauenden Bewußtseins». Ich sehe in diesem reinen Denken die erste, noch schattenhafte Offenbarung der geistigen Erkenntnisstufen."

Steiner spricht im Zusammenhang mit dem Spaltungsargument von einem "Zusehen" beim Denken, das nicht gleichzeitig möglich sein soll. Ferner verwendet er die Ausdrücke "Beobachtung des Denkens" und "(denkende) Betrachtung des Denkens" - wie wir in Anmerkung 54 gezeigt haben - weitgehend synonym. Daher spricht einiges dafür, daß dieses "Zusehen", das "Anschauen", die "Betrachtung" und die "Beobachtung" des Denkens voneinander nicht allzu verschieden sind, sondern sachlich in etwa dasselbe meinen. - Auch in der englischen Übersetzung der Philosophie der Freiheit von Michael Wilson werden die Unterschiede der Ausdrück "Zusehen" und "Beobachten" weitgehend aufgehoben. 107a - Anders gesagt: der Begriff der "Beobachtung" des Denkens rückt auch in eine deutliche Nähe zum "Anschauen" des Denkens und ist zu erheblichen Teilen deckungsgleich zu ihm. Ein Unterschied mag darin liegen, daß der Beobachtungsbegriff einen klaren wissenschaftlich-methodischen Akzent hat und der Anschauungsbegriff nicht. Hinter dem Beobachten steht ein spezifisches Erkenntnisinteresse (bei Steiner "bewußtes geistiges Streben" ; GA-4, 1978, S. 38), also eine bestimmte Erkenntnisabsicht, und hinter dem Anschauen des Denkens muß eine solches dezidiertes Erkenntnisinteresse vielleicht nicht notwendigerweise stehen.

Das Denken wird demnach, wenn man bei Steiners Ausdrucksweise bleibt, vom Denken "gesehen". In diese Richtung zielt auch sein Hinweis von S. 146 der Philosophie der Freiheit: "Im Betrachten des Denkens selbst fallen in eines zusammen, was sonst immer getrennt auftreten muß: Begriff und Wahrnehmung." Der unmittelbar vorangehende sachliche Kontext des Zitats ist der Frage gewidmet, womit oder wodurch das Denken zu erklären sei. Das Denken, so Steiner auf S. 145, könne "unmittelbar angeschaut" werden und weist hirnphysiologische Erklärungen ebenso zurück wie Ansätze, die das Denken auf unbewußte Vorgänge zurückführen wollen. Das Zusammenfallen von Wahrnehmung und Begriff steht hier also im Konnex mit der Selbsterklärung beziehungsweise Erkenntnis des Denkens und bedeutet, daß der beschreibende Begriff, der mir bei der Beobachtung des Denkens aufgeht, gleichzusetzen ist mit der Wahrnehmung des Denkens. Das Denken kann also nur durch Begriffe wahrgenommen, "angeschaut" oder gesehen werden. Was vor dieser eigentlichen Wahrnehmung des Denkens durch Begriffe liegt, ist seine begriffslose "reine Erfahrung".

Da Steiner auch in anderen Kontexten ein Zusammenfallen von Wahrnehmung und Begriff hervorhebt, und es hier beachtenswerte Differenzen gibt, sei in einem kleinen Exkurs der Klarstellung halber folgendes angemerkt: Leser, die mit Steiners philosophischen Grundschriften etwas vertraut sind, werden wissen, daß er dort dem Denken die Fähigkeit zuschreibt, Begriffe und Ideen wahrzunehmen - man könnte auch sagen: zu beobachten. Steiners Aussagen dazu sind so zahlreich, daß sie hier nicht alle angeführt werden können. Nur einige exemplarische Fälle:

  • "Der Geist nimmt also den Gedankengehalt der Welt wahr, wie ein Auffassungsorgan. Es gibt nur einen Gedankeninhalt der Welt. Unser Bewußtsein ist nicht die Fähigkeit, Gedanken zu erzeugen und aufzubewahren, wie man so vielfach glaubt, sondern die Gedanken (Ideen) wahrzunehmen." (Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, GA-2, 1979 S. 78)

  • "Wer dem Denken seine über die Sinnesauffassung hinausgehende Wahrnehmungsfähigkeit zuerkennt, der muß ihm notgedrungen auch Objekte zuerkennen, die über die bloße sinnenfällige Wirklichkeit hinaus liegen. Die Objekte des Denkens sind aber die Ideen. Indem sich das Denken der Idee bemächtigt, verschmilzt es mit dem Urgrunde des Weltendaseins; das, was außen wirkt, tritt in den Geist des Menschen ein: er wird mit der objektiven Wirklichkeit auf ihrer höchsten Potenz eins. Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen. Das Denken hat den Ideen gegenüber dieselbe Bedeutung wie das Auge dem Lichte, das Ohr dem Ton gegenüber. Es ist Organ der Auffassung." (Einleitungen in Goethes Naturwissenschaftliche Schriften, GA-1, 1973, S. 125 f)

  • "Das objektiv Gegebene deckt sich durchaus nicht mit dem sinnlich Gegebenen, wie die mechanische Weltauffassung glaubt. Das letztere ist nur die Hälfte des Gegebenen. Die andere Hälfte desselben sind die Ideen, die ebenso Gegenstand der Erfahrung sind, freilich einer höheren, deren Organ das Denken ist." (GA-1, 1973, S.126).

  • "Der Ideengehalt der Welt ist auf sich selbst gebaut, in sich vollkommen. Wir erzeugen ihn nicht, wir suchen ihn nur zu erfassen. Das Denken erzeugt ihn nicht, sondern nimmt ihn wahr. Es ist nicht Produzent, sondern Organ der Auffassung." (GA-1, 1973, S. 164)

Auch bei dieser ideellen Wahrnehmung fallen Wahrnehmung und Begriff zusammen, wie Steiner ausführt: "Im menschlichen Bewußtsein ist der Begriff selbst das Wahrnehmbare. Anschauung und Idee decken sich. Es ist eben das Ideelle, welches angeschaut wird." (GA-1, 1973, S. 284) Siehe dazu auch hier auf dieser Homepage.

In welchem Verhältnis steht jetzt dieses Zusammenfallen von Wahrnehmung und Begriff zu jenem, von dem in den Zusätzen der Philosophie der Freiheit die Rede ist? Man könnte leicht zu der Auffassung gedrängt werden, es sei jeweils vom selben Sachverhalt die Rede. Das ist aber nicht der Fall. Das heißt: die Wahrnehmung oder Beobachtung von Begriffen und Ideen ist nicht per se dasselbe wie die Beobachtung des Denkens. Man kann sich den Unterschied für`s erste auf folgendem Wege verdeutlichen: Jeder Denker, der dem Inhalt von Begriffen und Ideen nachspürt, nimmt sie nach Steiners Auffassung genau genommen wahr. Bei ihm kommen Wahrnehmung und Begriff im eben angegebenen Sinne zur Deckung. Nur: - der Denker weiß in der Regel nichts davon. Er kann sein Leben lang weitläufig und gewissenhaft mit diesen Entitäten Umgang pflegen und kommt doch nie dahinter, daß er Ideelles wahrnimmt, sondern glaubt womöglich, es sei sein subjektives Erzeugnis, eine Konstruktion oder dergleichen und nicht eine eigenständige, auf seinen eigenen Gesetzen beruhende Wesenheit, die er da handhabt. Oder er ist vielleicht erst auf dem Wege zu dieser Einsicht, wie der renommierte britische Mathematiker, Physiker und Kosmologe Roger Penrose, der die von Steiner betonte Wahrnehmbarkeit zumindest für mathematische Ideen in seinem Buch Computerdenken (Heidelberg 1991, S 92 ff; S. 418) öffentlich anerkennt. Der Schritt Steiners über Penrose hinaus geht dahin, beispielsweise für die Idee der Freiheit dieselbe Eigenständigkeit einzuräumen, wie sie Penrose auf S. 93 für die Mandelbrot-Menge konzediert. 107b Der Beobachter von Begriffen und Ideen kann also den Inhalten dieser Entitäten erfolgreich nachgehen, ohne auch nur die geringste Ahnung davon zu haben, was er da eigentlich tut und in welchem Verhältnis diese Gegenstände zu ihm als Denker stehen, weil sein Erkenntnisinteresse restlos auf die Inhalte des Denkens hinorientiert ist und nicht auf die spezifischen Bedingungen oder Umstände ihres Daseins. Bei der Beobachtung des Denkens geht es dagegen unter anderem darum, sich die Eigentümlichkeiten des Denkens selber klarzumachen und sich das besondere Verhältnis zwischen dem Denkenden und der gedanklichen Entität zu verdeutlichen. Steiners Auseinandersetzungen in den philosophischen Schriften sind über weite Strecken diesem Problem der Einschätzung des objektiven und wahrnehmlichen Charakters des Ideellen gewidmet. Wäre dieser Sachverhalt von vornherein klar und augenfällig, dann müßte sich auch jede Diskussion darüber erübrigen. Die Einsicht in die Natur des Denkens und seiner Gegenstände, respektive in den Wahrnehmungscharakter von Begriffen und Ideen, verlangt demzufolge einen eigens darauf gerichteten Erkenntnisprozeß und entsprechende diesbezügliche Intuitionen.

Anthroposophischen Autoren scheint dies nicht immer hinreichend deutlich zu sein. Wenn Günter Röschert in seinem Buch (Anthroposophie als Aufklärung, München 1997, S. 41) mit Blick auf eine Textstelle des dritten Kapitels der Philosophie der Freiheit schreibt, das Denken sei "intim bekannt ohne Beobachtung", so ist diese Angabe sicherlich etwas irreführend oder zumindest nicht glücklich gewählt. Röschert schreibt dort : "Der wirklich herbeigeführte Ausnahmezustand macht aber mittelbar darauf aufmerksam, daß das Denken intim bekannt ist ohne Beobachtung, nämlich durch Intuition."

Ich meine das trifft in dem von Röschert genannten Sinne nicht zu. Nicht das Denken ist bekannt, sondern seine Inhalte! Und auch diese nur in ihrer bloßen Inhaltlichkeit, nicht aber in ihrem Verhältnis zum denktätigen Ich oder in sonstigen Eigenschaften, so daß von einer intimen Bekanntheit des Denkens gar keine Rede sein kann. Das selbe Mißverständnis scheint mir auch hinter einer Bemerkung Röscherts zu stecken, die er im Rahmen seiner Husemann-Kritik macht, wenn er dort schreibt, das heuristische Prinzip des sogenannten Ausnahmezustandes habe bei Steiner die Aufgabe, "auf die beobachtungsfrei mögliche Intuition des Denkens als Anschauung hinzuführen". (Siehe: Günter Röschert, Anthroposophische Gegenaufklärung, in Jahrbuch für anthroposophische Kritik, 2000, S. 176.) Auch hier soll nach Steiner angeblich das Denken beobachtungsfrei, durch Intuition angeschaut werden.

Es scheint sich hier um eines der hartnäckigsten Mißverständnisse von Anthroposophen bezüglich der Beobachtung des Denkens, beziehungsweise hinsichtlich der Interpretation des dritten Kapitels der Philosophie der Freiheit zu handeln.

Bei Röschert wird die Bekanntheit der gedanklichen Inhalte (das unmittelbare Wissen im Sinne des dritten Kapitels der Philosophie der Freiheit, S. 44) mit der Bekanntheit des Denkens verwechselt. Bei Steiner heißt es auf S. 44 diesbezüglich: "Der Grund, der es uns unmöglich macht, das Denken in seinem jeweilig gegenwärtigen Verlauf zu beobachten, ist der gleiche wie der, der es uns unmittelbarer und intimer erkennen läßt als jeden andern Prozeß der Welt. Eben weil wir es selbst hervorbringen, kennen wir das Charakteristische seines Verlaufs, die Art, wie sich das dabei in Betracht kommende Geschehen vollzieht. Was in den übrigen Beobachtungssphären nur auf mittelbare Weise gefunden werden kann: der sachlich-entsprechende Zusammenhang und das Verhältnis der einzelnen Gegenstände, das wissen wir beim Denken auf ganz unmittelbare Weise. Warum für meine Beobachtung der Donner auf den Blitz folgt, weiß ich nicht ohne weiteres; warum mein Denken den Begriff Donner mit dem des Blitzes verbindet, weiß ich unmittelbar aus den Inhalten der beiden Begriffe."

Steiner spricht an der von Günter Röschert angeführten Textstelle keineswegs davon, daß das Denken "intim bekannt sei ohne Beobachtung", sondern er sagt lediglich, daß wir das "Charakteristische seines Verlaufs" kennen - also einen ganz basalen, wesentlichen, typischen, aber vereinzelten Aspekt des Denkens, neben dem es eine endlose Zahl weiterer gibt, die wir noch nicht kennen. Es bedeutet nicht, daß wir damit schon über jedes denkpsychologische, bewußtseinsphänomenologische oder logische Detail des Denkverlaufs bescheid wissen.

Ins Umgangssprachliche übersetzt: Wir wissen welche gedanklichen Wege zu beschreiten sind, um von einem Begriff zum nächsten zu kommen, wie es Steiner entsprechend am Beispiel von Blitz und Donner demonstriert. Diese Kenntnis des charakteristischen Denkverlaufs haben wir - und zwar notwendigerweise, denn sonst könnten wir gar nicht denken - "ganz unmittelbar" - das heißt: ohne vorangehende Beobachtung des Denkens. Läge sie nicht in dieser unmittelbaren Form vor, wir könnten sie der Beobachtung des Denkens ja niemals entnehmen, da wir dann eben auch über keine begrifflichen Inhalte verfügten.

Noch einmal anders gewendet: Das Verfügen über begriffliche Inhalte überhaupt ist gleichbedeutend mit der Kenntnis der Gedankenwege, die bei ihrem Durchdenken zu gehen sind. Das Wissen um diese Inhalte ist dasselbe wie das Wissen um die Gedankenwege - oder wie Steiner sagt: den "charakteristischen Denkverlauf". Ein Begriff ist aus Steiners Perspektive zugleich eine mentale Handlungsanweisung, ein Verlaufsplan beziehungsweise eine Regel des Denkens. Und diese Kenntnis wiederum ist erst die Vorbedingung oder die Grundlage dazu, das Denken "intimer und unmittelbarer zu erkennen als jeden anderen Gegenstand". Von einer "intimen Bekanntheit" des Denkens ließe sich doch erst sprechen, wenn sich unser Wissen zumindest auf einen beträchtlichen Teil seiner noch unbekannten Seiten erstreckt. Also: - die Kenntnis der charakteristischen Seite des Denkverlaufs ist schon noch etwas anderes als eine "intime Bekanntheit des Denkens".

Steiner zielt hier auf die unmittelbare Bekanntheit der gedanklichen Inhalte ab und das ursprüngliche - man könnte sagen: archaische - Wissen darum, was zu tun ist, um von Begriff A nach Begriff B zu kommen. Dieses Wissen ist so naturhaft-elementar, daß Schopenhauer der Auffassung war, es sei überhaupt sinnlos mit Hilfe der Logik richtiges Denken zu lernen oder jemandem beizubringen. Die Logik, schreibt er, sei "bloß das Wissen in abstracto dessen, was jeder in concreto weiß. Daher so wenig als man sie braucht, einem falschen Räsonnement nicht beizustimmen, so wenig ruft man ihre Regeln zu Hilfe, um ein richtiges zu machen, und selbst der gelehrteste Logiker setzt sie bei seinem wirklichen Denken ganz beiseite. ... Praktischen Gebrauch von der Logik machen wollen, hieße also das, was uns im einzelnen unmittelbar mit der größten Sicherheit bewußt ist, erst mit unsäglicher Mühe aus allgemeinen Regeln ableiten wollen: Es wäre gerade so, wie wenn man bei seinen Bewegungen erst die Mechanik und bei der Verdauung die Physiologie zu Rate ziehen wollte; und wer die Logik zu praktischen Zwecken erlernt, gleicht dem, der einen Biber zu seinem Bau abrichten will." (Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. 1, Leipzig 1888, § 9, S. 53 f.)

Richtig denken kann also im Prinzip jeder von Natur aus, weil er die Inhalte seiner Begriffe kennt. Deswegen ist er allerdings noch längst kein Logiker, der über die logischen Gesetze seines Denkens oder seine sonstigen Eigenschaften Auskunft geben könnte. Dieses natürlich-unmittelbare Wissen ist, um es noch einmal zu sagen, nach Steiner explizit erst die Voraussetzung dazu, um das Denken intimer zu erkennen als jeden anderen Gegenstand und nicht etwa schon die Erkenntnis selbst. Die Erkenntnis des Denkens hat erst noch stattzufinden.

In einen vergleichbaren Fehlschluß wie Günter Röschert verfällt auch Jaap Sijmons in seiner anspruchsvollen Dissertation Phänomenologie und Idealismus, Utrecht 2004. Sijmons Arbeit könnte gleichermaßen Anlaß zur Bewunderung wie zur Verzweiflung sein. Zur Bewunderung wegen der enormen Fülle an Details, die er da so sorgsam und kenntnisreich zusammenträgt. Es ist nach meinem Verständnis eine der gediegendsten und ertragreichsten Arbeiten, die seit vielen Jahren zur Einbettung der Steinerschen Philosophie in ihren zeitgeschichtlichen philosophischen Kontext veröffentlicht wurde. Sie hat auf jeden Fall ihren Wert in sich, ganz unabhängig von der Kritik, die ich hier anbringe. Und zur Verzweiflung gibt sie Anlaß, weil offenkundig wird, daß auch das Anrufen aller Heiligen der Philosophiegeschichte kaum etwas nützt, das dritte Kapitel der Philosophie der Freiheit in seinem Kern - der Beobachtung des Denkens - und damit die entscheidende Verbindung zwischen Philosophie und Anthroposophie, aber auch die eigentliche Grundlage der Steinerschen Freiheitsphilosophie im sich selbst erkennenden und tragenden Denken zu begreifen. Gerade die beeindruckende Gründlichkeit, mit welcher der Autor vorgeht, rückt diese Tatsache in ein besonders grelles Licht. Es scheint manchmal so, als ob ihm durch die vorrangige Beschäftigung mit den Grundfragen der Philosophie die Sicht verstellt wird auf die einfachsten und alltäglichsten Tatbestände des gewöhnlichen Bewußtseins, von denen im dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit ja die Rede ist. Manchen guten Faden hält er in der Hand, aber er bekommt sie noch nicht zusammen. Und am Ende haben sich die Dinge teilweise bis ins Absurde hinein verwickelt und verwirrt.

Dazu nur ein Beispiel: Sijmons kommt ähnlich wie Günter Röschert auf S. 326 anhand der von Steiner betonten Tatsache, daß wir das Charakteristische des Denkverlaufs kennen, zu dem Schluß, das Denken sei "sich ... das best Bekannte überhaupt". Fügt dann hinzu: "Ohne dass wir das Denken kennten, gäbe es ja auch keine Erkenntnis (Denken) über etwas anderes. Wie sollte es nun unbekannt sein? Weil wir es hervorbringen, ist es uns bekannt." Das scheint bei diesem Text irgendwie naheliegend, aber es stimmt eben nicht, bzw. diese Interpretation greift daneben - und zwar gründlich.

Der Autor setzt hier faktisch das Können des Denkens mit dem Kennen des Denkens gleich. Ein jeder, der denken kann, kennt auch das Denken, weil er es selbst hervorbringt. Und zwar unvergleichlich gut, sonst wäre es nicht das best Bekannte. Zudem wird hier die Bekanntheit des Denkens zur Voraussetzung von Erkenntnis überhaupt erhoben. Das heißt: Wer das Denken nicht erkannt hat, der erkennt auch nichts anderes. Und ich glaube, das alles liegt sehr weit abseits von dem, was Steiner in der Passage meint.

Möglich, daß Sijmons selbst zwischen Bekanntheit und Erkenntnis des Denkens noch einmal differenziert. In der Philosophie wird ja gelegentlich etwas hintersinnig zwischen Kennen und Erkennen unterschieden. Ich sehe allerdings nicht, daß Steiners Erkenntnisbegriff Raum für eine solche Unterscheidung ließe. Man könnte vielleicht eine vereinzelte Passage Steiners aus dem Fichte-Kapitel von Wahrheit und Wissenschaft (S. 85) in diese Richtung deuten, vor dem Hintergrund, daß diese Schrift schon dem Titel und auch der Vorrede nach vorrangig dem wissenschaftlichen Erkennen gewidmet ist. So daß sich das vorwissenschaftlich Bekannte von einem wissenschaftlich Erkannten abgrenzen ließe. Wie sich das allerdings stringent Steiners Erkenntnistheorie eingliedern läßt, bleibt mir eine Frage. Denn was bekannt ist, muß in irgend einer Weise schon begrifflich durchdrungen sein, sonst wäre es nicht bekannt; und ein best Bekanntes gar muß dies mehr sein als alles andere sonst. Und in der Philosophie der Freiheit schließlich wird eine derartige explizite Fokussierung auf wissenschaftliches Erkennen - siehe die Vorrede von 1918 und das Ende von Kapitel II. - auch nicht mehr vorgenommen. Dort ist zwar die Untersuchungsmethode dem Geiste der Naturwissenschaft verpflichtet; untersucht aber wird das ganz alltägliche Bewußtsein "wie sich dasselbe stündlich darlebt." (S. 35)

Bezogen auf die oben erwähnten begrifflichen Inhalte: Wer über Begriffe verfügt, und somit denken kann, der verfügt eben nur über Begriffe in ihrer inhaltlichen Form, aber er hat kein Metawissen über Begriffe, weil er sich damit noch nie gedanklich befaßt hat. Er kennt also keine Begriffe, - weiss nicht, was sie sind und welche allgemeinen Eigenschaften sie haben -, sondern er hat nur welche.

Das ist ein entscheidender Unterschied, der in der Umgangssprache oft nivelliert wird. Und das läßt sich paradigmatisch auf alle Eigenarten des alltäglichen Denkens ausdehnen. Logische Gesetze z. B. kennt auch niemand, der sie nicht eigens studiert, obwohl jedes klare Denken eines logischen Laien sich daran orientiert. Steiner selbst ist in dieser Beziehung schriftstellerisch nicht gerade entgegenkommend, wenn er in sehr missverständlicher Weise vom bekannten charakteristischen Denkverlauf spricht. Den nämlich kennt auch nur jemand, der sich darüber schon seine Gedanken gemacht hat. Nur dann hat er ein echtes (Meta)-Wissen von seinem Denkverlauf. Vorher übt er sein Denken aus oder vollzieht es, während das Charakteristische dieses Verlaufs ihm unbekannt bleibt als eines der zahllosen unbeobachteten Details unseres gewöhnlichen Denkens.

Das kann übrigens der Leser jederzeit an seinem eigenen Denken studieren, indem er sich zu einem beliebigen Denkvorgang fragt: Was ist denn das Charakteristische meines Denkverlaufs? So ein Versuch ist nicht schwierig und in Eigenregie oder mit jedem Partner oder Freund durchzuführen, aber er ist sehr erhellend. Wenn man sieben Personen nach dem Charakteristischen dieses Verlaufs fragt, dann wird man etwa fünf verschiedene Antworten bekommen. Oder auch fünfzehn, je nachdem, was den Befragten so an Sinnvollem dazu einfällt. Und: Man muß diese Dinge wirklich auch einmal tun, denn so eine Versuchserfahrung ist außerordentlich aufschlußreich. Weil daran erkennbar wird, wieviel Entscheidungen und Urteilsunsicherheiten eine solche Frage im konkreten Fall nach sich zieht.

Klar gesagt: Kein Mensch kennt seinen charakteristischen Denkverlauf, es sei denn, er hat sich gründlich Gedanken dazu gemacht. Oder er bezieht sein diesbezügliches Wissen wo anders her, z. B. aus der philosophischen Tradition. Und letzteres wird leicht vergessen. Dem Laien ist der Ausdruck charakteristischer Denkverlauf nicht a priori verständlich, und auch dem Fachmann nur dadurch in relativ eindeutiger Weise, weil Steiner anschließend selbst den erläuternden Hinweis auf die begrifflichen Inhalte gibt. Ohne diesen spezifizierenden Fingerzeig hätte auch ein Experte für Denkverläufe mit ziemlicher Sicherheit mehrere Kandidaten im Gepäck mit Anspruch darauf, charakteristisch für den Denkverlauf zu sein. Wer vielleicht einmal Gelegenheit hatte die Denkuntersuchungen Karl Bühlers zu studieren (Vergl. Karl Bühler, Tatsachen und Probleme zu einer Psychologie der Denkvorgänge I., Über Gedanken. In: Archiv für die gesamte Psychologie, 9, 1907), der wird feststellen, daß dort eine ganze Reihe charakteristischer Denkverläufe beschrieben werden. Vergleicht man diese mit Steiners Schilderung, dann kann man zunächst den Eindruck bekommen, beide berichten von völlig verschiedenen Dingen, obwohl jeweils von Denkprozessen die Rede ist. Das muß nicht zwangsläufig für oder gegen eine bestimmte Sichtweise sprechen. Es soll hier nur demonstrieren, daß es nicht selbstverständlich ist, was man unter einem charakteristischen Denkverlauf versteht. Zur Klärung dieser Frage ist eben sehr viel Denkarbeit erforderlich; das heißt: es gibt keinen Erkenntnisautomatismus in der Kennzeichnung bestimmter Bewußtseinserscheinungen als charakteristischer Denkverlauf. Und schon gar nicht kann man davon ausgehen, daß diese Verläufe dem Denker ohne weitere Untersuchung bekannt sind.

Ich hoffe, daß es bald eine überarbeitete Ausgabe des erwähnten Buches für den deutschen Markt geben wird. Es wäre zu wünschen, daß der Autor diesen entscheidenden Part seiner Arbeit dann entsprechend überarbeitet hat. Ich werde zu gegebener Zeit ausführlicher darüber berichten.

(Eine kurze, aber sehr sachliche und lesenswerte Entgegnung auf die hier von mir vorgebrachte Kritik gibt Jaap Sijmons im Internet unter der Adresse http://ibs.modulaware.com/a/?m=select&id=3796522637
Dafür gilt ihm mein herzlicher Dank. Wenn ich ihm darin auch nicht zustimme, so halte ich seine Gedankengänge doch für bemerkenswert und der Klärung sehr dienlich. Vor allem für diejenigen unter meinen Lesern, die sich mit den dadurch aufgeworfenen Problemstellungen ernsthaft auseinander setzen wollen.)

Wäre das Denken tatsächlich "intim bekannt ohne Beobachtung" oder sich das "Best Bekannte überhaupt", wozu sollten wir es dann noch einmal erkennen? - "Wir müssen resolut darauf losdenken, um hinterher mittels der Beobachtung des Selbstgetanen zu seiner Erkenntnis zu kommen." heißt es entsprechend in der Philosophie der Freiheit. (S. 49) Warum sollten wir "durch Beobachtung erst kennenlernen" (PdF, S. 39), was längst klar ist? Wieso etwa sollten wir es dann erst begreifen müssen? (PdF, S. 53) Der von jeder Beobachtung des Denkens Unberührte weiß gar nicht, was Begriffe und Ideen sind, so wenig wie er sagen könnte, was Denken ist, eine Intuition oder ein charakteristischer Denkverlauf. Und dennoch vermag er richtig zu denken. Er kennt also das Denken nicht, obwohl er es richtig handzuhaben versteht und weiß nichts von Intuitionen, obwohl er sie ständig hat. Sinn und Zweck der Beobachtung des Denkens ist ja gerade, sich mit diesen speziellen Eigenarten und Eigenschaften des Denkens bekannt zu machen. (Siehe hierzu auch Kapitel 6.1 in diesem Aufsatz.)

Wenn es irgend einen Sinn hat von einer Paradoxie des Denkens zu sprechen, dann besteht sie darin, daß der Denker etwas mit so großer Sicherheit und Selbstverständlichkeit handhabt, von dem er selbst so wenig weiß. (Siehe zu diesem Thema auch die sehr ausführliche und ertragreiche empirische Studie von Merijn Fagard hier auf dieser Internetseite.)

Was hier in den letzten Abschnitten ausgeführt wurde, und, wie ich meine, einleuchtend ist: - Die Philosophie der Freiheit stellt, bezogen auf das Denken, erst den Beginn einer Erkenntnis des Denkens dar - wird auch von Steiner in einem Vortrag von 1921 hervorgehoben. Er führt dort am 05. September 1921 in Stuttgart (GA-78, Dornach 1968, S. 141 ff ) aus, daß man vom Denken in der Philosophie der Freiheit "bis zu einem gewissen Grade sich eine Vorstellung, eine empirische Vorstellung verschaffen kann" (S. 141) Und er fährt dann (S. 142) fort: " aber was es [das Denken, MM] seinem Wesen nach ist, das läßt sich erst erkennen, wenn die wirkliche Intuition auf dem höheren Erkenntniswege in der Seele auftritt. Dann durchschaut man gewissermaßen dieses eigene Denken; ..." .

Man hat demnach zwischen verschiedenen Graden einer Erkenntnis des Denkens zu unterscheiden: Seiner mehr oder weniger anfänglichen Erkenntnis, etwa im Sinne der Philosophie der Freiheit, und seiner umfassenden Erkenntnis im Zuge der Ausbildung höherer Erkenntnisstufen. Das in der Wendung von Günter Röschert und Jaap Sijmons zutage tretende Mißverständnis mag vielleicht einer der Gründe dafür sein, warum sich Anthroposophen so wenig mit der Psychologie des Denkens befassen. Wer glaubens ist, das Denken sei ohne Beobachtung intim bekannt, dem ist gewiß schwerlich klar zu machen, daß er über das Denken eigentlich sehr wenig weiß.

Schwerwiegender fast noch scheint mir an Röscherts Kennzeichnung zu sein, daß hier eine wesentliche Eigenschaft der Beobachtung des Denkens übersehen wird - die Tatsache nämlich, daß sich auch diese Beobachtung nur über Intuitionen vollziehen kann. Als Folge dieses Nicht-Bemerkens wird implizit eine substantielle Differenz zwischen Intuition und Beobachtung des Denkens unterstellt, die in Wirklichkeit nicht besteht. Tatsächlich sind beide wesensgleich, worauf sich nach Steiner überhaupt die Selbsterklärungsfähigkeit des Denkens gründet. Intuition ist nicht nur die Form, in der Begriffe und Ideen im allgemeinen wahrgenommen werden, sondern auch diejenige, in der das beobachtende Denken das Denken sieht. Da beobachtendes und beobachtetes Denken zwar zeitverschieden aber wesensgleich sind, ist es folglich diejenige Form, in der das Denken sich selber sieht.

Steiner deutet bei seiner ersten Charakterisierung der Intuition (S. 95 PdF) schon auf diesen ihren Wahrnehmungscharakter hin, wenn er schreibt: "Sie [die Intuition] ist für das Denken, was die Beobachtung für die Wahrnehmung ist." Gemäß Steiners Kennzeichnung stehen Denken und Intuition in einem analogen Verhältnis wie Beobachtung und sinnliche Wahrnehmung. Intuition und (Sinnes) Beobachtung entsprechen damit einander in gewisser Weise in ihren Funktionen. Was die eine in bezug auf die sinnliche Welt leistet, das leistet die andere in bezug auf die ideelle Welt.

In seinem Aufsatz Intuition und Beobachtung (Siehe Anmerkung 66) erläutert Herbert Witzenmann (S. 76), »Steiner nenne die besondere Art des Gegenüberstehens, in der [sinnliche] Wahrnehmungen einem Subjekt gegeben sind Beobachtung und die besondere Art des Gegenüberstehens, in der Begriffe und Ideen einem Subjekt gegeben sind Intuition.« Man kann Witzenmann hier - allerdings mit Einschränkungen - zustimmen. Mit Vorbehalt, weil seine Erläuterung zum Text der Philosophie der Freiheit nicht vollständig kompatibel ist. Das liegt aber in diesem Fall an Steiners Sprachgebrauch, der nach allem, was ich erkennen kann, in sich nicht konsistent ist. 107c Auf jeden Fall scheint mir Witzenmanns Lesart in bezug auf diese Textstelle bislang die plausibelste zu sein. Steiners Charakterisierung der Intuition läßt sich dahingehend paraphrasieren: »Die Intuition ist für die Wahrnehmung von Begriffen und Ideen, was die Beobachtung für die Wahrnehmung der sinnlichen Welt ist.«

Nun gehört für Steiner das Denken der geistigen Welt an - es ist nämlich nichts anderes als kraftende, wirkende Idee. In den Grundlinien ... heißt es dazu: "Unsere Erkenntnistheorie führt zu dem positiven Ergebnis, daß das Denken das Wesen der Welt ist und daß das individuelle menschliche Denken die einzelne Erscheinungsform dieses Wesens ist." (GA-2, 1979 S. 79). Im selben Sinne etwas ausführlicher in der Schrift "Goethes Weltanschauung (GA-6, Taschenbuchausgabe Dornach 1979, S. 86): "Die eigene Natur der Ideenwelt kann also der Mensch nur erkennen, wenn er seine Tätigkeit anschaut. Bei jeder anderen Anschauung durchdringt er nur die wirkende Idee; das Ding, in dem gewirkt wird, bleibt als Wahrnehmung außerhalb seines Geistes. In der Anschauung der Idee ist Wirkendes und Bewirktes ganz in seinem Innern enthalten. Er hat den ganzen Prozeß restlos in seinem Innern gegenwärtig. Die Anschauung erscheint nicht mehr von der Idee hervorgebracht; denn die Anschauung ist jetzt selbst Idee. Diese Anschauung des sich selbst Hervorbringenden ist aber die Anschauung der Freiheit. Bei der Beobachtung des Denkens durchschaut der Mensch das Weltgeschehen. Er hat hier nicht nach einer Idee dieses Geschehens zu forschen, denn dieses Geschehen ist die Idee selbst."

Wenn Ideen nur via Intuition wahrgenommen werden können, und das Denken selbst kraftende Idee ist, - genauer: die individuelle Erscheinungsform des Weltwesens -, so gilt diese intuitive Form der Auffassung konsequenterweise auch für das Denken. Wie auch könnte das geistige Wesen der Welt anders wahrgenommen werden als eben geistig? Es nimmt sich folglich bei seiner Selbstbeobachtung über Intuitionen wahr. Das heißt, das Nachdenken über Erfahrungen des Denkens (gleich Beobachtung oder Selbstbetrachtung des Denkens) führt zu Intuitionen des Denkens, das ist: zu seiner geistigen Wahrnehmung oder Anschauung. Das deckt sich übrigens mit einer Erläuterung, die Steiner in seiner Schrift Von Seelenrätseln (GA-21; Dornach 1976) zum Intuitionsbegriff der Philosophie der Freiheit macht, wenn er dort (S. 61) anläßlich einer Replik auf Max Dessoir schreibt: "Mir gilt eben Intuition nicht «bloß» als die «Form, in der ein Gedankeninhalt zunächst hervortritt», sondern als die Offenbarung eines Geistig-Wirklichen, wie die [sinnliche, MM] Wahrnehmung als diejenige des Stofflich Wirklichen." Das Denken, so läßt sich diese Erläuterung aufnehmen, offenbahrt sich dem betrachtenden oder beobachtenden Denken in seiner geistigen Wirklichkeit in Form von Intuitionen. Und zwar offenbahrt es sich hier nicht nur von seiner bloß ideell-inhaltlichen, sondern zugleich von seiner ideellen und kraftenden Seite als wirkende Idee, denn der gesamte Prozeß des Wirkens ist restlos im Innern gegenwärtig. Und in dieser seiner kraftenden Natur wird Ideelles sonst eben nicht wahrgenommen, wo uns das Ding, in dem gewirkt wird, ein Äußeres bleibt. (Man kommt übrigens, wenn man diesen kraftenden Aspekt der Idee weiterverfolgt auf den Begriff des Äther- oder Bildekräfteleibes, der die eigentlich wirkende Instanz für das Denken ist. Zu diesem Thema siehe meine Arbeit über Walter Johannes Stein auf dieser Homepage.)

Analoges wie für Günter Röschert gilt auch für die Studie von Dietrich Rapp (Dietrich Rapp, Von der Intuition zur Erfahrung. Denkbeobachtungen über ihren inneren Zusammenhang. In: Karl-Martin Dietz (Hgr.), Rudolf Steiners "Philosophie der Freiheit", Stuttgart 1994, S. 223-256.) Auch bei ihm wird eigentlich nicht wirklich klar, was die Erkenntnis des Denkens ist und wie sie methodisch stattfindet. Rapp schreibt in enger Anlehnung an Steiners Darstellung unter anderem auf S. 232: "Mit einer weiteren Beobachtung vergewissert sich das Denken tiefer seines Wesens: Es macht sich nicht nur mit seiner Tätigkeit, sondern mit deren Ursprünglichkeit in seiner eigenen Wesenheit bekannt, indem es diese als einen «festen Grund» in sich ergreift, als «ein Prinzip, das durch sich selbst besteht» ... Das Denken entdeckt sich als ein «Weltgeschehen», «wo wir dabei sein müssen, wenn etwas zustande kommen soll» ... Indem das Denken sich selbst beobachtet, schließt es sich mit sich selbst zusammen: «Der beobachtete Gegenstand ist qualitativ derselbe wie die Tätigkeit, die sich auf ihn richtet.»" ... Dieser Vorgang kann mit dem Terminus <Denken des Denkens> beschrieben werden - wenn zugleich das Mißverständnis abgewehrt wird, als ob es sich dabei um eine nachträgliche Reflexion von Gedankenzusammenhängen, um eine Art von Meta-Denken handelte." Bei Rapp wird alles recht anschaulich und sicher zutreffend beschrieben, aber man hat den Eindruck, als lege sich etwas wie ein Nebel oder Schleier vor ein abschließendes Verständnis dessen, was die Beobachtung und Erkenntnis des Denkens der Sache nach ist.

Schauen wir uns einmal die Ausdrücke an, mit denen Dietrich Rapp das Beobachten oder "Denken" des Denkens umschreibt: Da ist (S. 232) von einer "Vergewisserung" die Rede und von einem "Beobachten"; von einem "Sich Bekanntmachen" - es wird etwas "ergriffen" und etwas "entdeckt" - ein "Zusammenschluß findet statt" - etwas wird "durchdrungen" - das Denken "stößt auf etwas" - es "kommt etwas zur Erfahrung" - das Denken "identifiziert sich mit etwas" - und es "erfaßt sich selbst". Das alles sind gewiß hilfreiche und sachlich zutreffende Umschreibungen für die Tätigkeit des Sich-Selbst-Beobachtens und -Erkennens des Denkens. Aber wie macht das Denken das? Wie beobachtet es? Wie vergewissert es sich? Wie ergreift und entdeckt es? Wie stößt es auf etwas und durchdringt dieses? - Es ist interessant zu sehen, daß Dietrich Rapp den Begriff der «Erkenntnis des Denkens» an dieser Stelle nicht explizit bildet, obwohl er ihn in Form von Metaphern beständig indirekt handhabt. Ich meine, das liegt daran, daß ihm das methodische Verfahren der Beobachtung des Denkens noch nicht deutlich ist. Das wird vor allem auch beispielhaft an seiner Bemerkung sichtbar, das Mißverständnis solle abgewehrt werden, "als ob es sich dabei um eine nachträgliche Reflexion von Gedankenzusammenhängen, um eine Art von Meta-Denken handelte." Denn eben das ist es - ein Meta-Denken über Denk-Erfahrungen, zu denen selbstverständlich (nicht nur, aber auch) die genannten Gedankenzusammenhänge gehören. Denn auch über diese muß eigens weiter nachgedacht werden, wenn man zusätzlich zu ihrer bloßen Inhaltlichkeit mehr über sie wissen will.

Renatus Ziegler liegt da näher an den Tatsachen, wenn er in seinem Buch (Renatus Ziegler, Selbstreflexion, Dornach 1991, S. 99) an einem ausgewählten Fallbeispiel hervorhebt: " ... das Gewahrwerden des Denkinhaltes (Gesetz) muß von der Gewahrwerdung seiner inneren Notwendigkeit sowie Widerständigkeit und Unveränderlichkeit unterschieden werden. Diese Erlebnisse treten alle im selben Wahrnehmungsfelde auf und offenbaren sich durch das anschauend tätige Denken, müssen jedoch als voneinander verschiedene Erfahrungsinhalte erkannt und in ihrer unterschiedlichen begrifflichen Bedeutung und Tragweite durchschaut werden." Deutlicher kann man es kaum sagen. Um sich dies klar zu machen, braucht man nur einen Menschen, der keinen spezifisch philosophischen Bildungsgang durchlaufen hat, nach den von Ziegler genannten Eigenschaften von Begriffen zu fragen. Er wird angesichts einer derartigen Aufforderung sprachlos sein, weil er natürlich darüber apriori nichts weiß, obwohl er, wie schon betont, in der Lage ist richtig zu denken. Er muß die verschiedenen Aspekte des Denkens erst allmählich erkennen. Zieglers Bemerkungen sind folglich von exemplarischer Geltung: Die verschiedenen Erfahrungsdetails des Denkens sind jeweils gesondert für sich zu beurteilen und zu durchschauen. Wobei es im Beispiel ausdrücklich um weitere Attribute von Gedankenzusammenhängen geht: Um das Gewahrwerden ihrer inneren Notwendigkeit sowie Widerständigkeit und Unveränderlichkeit - übrigens Eigenschaften, die wir zum Teil aus der Sphäre der seelischen Erlebnisse des Willens, sowie des Tastens und Berührens kennen, die jetzt auf die ideelle Wahrnehmung übertragen werden, so daß man hier durchaus von geistig-seelischen Tast- oder Berührungserlebnissen sprechen kann. Ein Bild, das Ziegler auf S. 92 f selbst auch gebraucht: "Dieses <tätig-tastende> Eintauchen muß so geschehen, daß die zur Erscheinung gebrachten Begriffsinhalte konsequent in sich selbst reflektiert werden. Nur so kann die auf sich selbst beruhende Struktur rein gedachter Grundgesetze erfaßt werden, nur so wird sich ihre innere Natur der Denkerfahrung erschließen. Vergleichsweise verhält sich dieses denkende <Ertasten> zu den dabei tätig zur Anschauung gebrachten Gesetzen wie das tastende Erfassen (tastende Anschauen) zur Gewahrwerdung des Reliefs einer Marmorstatue." Diese Eigenschaften ergeben sich aus dem denkenden Erleben von Gedankeninhalten, oder in Steiners Worten gesagt: aus einem intuitiven Erleben des Denkens. Sie müssen als seelische Erlebnisse bemerkt und begrifflich näher spezifiziert werden.

Das alles - Ziegler sagt das nicht explizit, aber es ergibt sich zwingend aus seiner Bewertung des Sachverhaltes - geht nur auf dem Wege von separaten Intuitionen. Den erforderlichen gedanklichen Aufwand stellt er auf den Seiten 94 ff klar heraus. An vielen Stellen seiner Schrift spricht er ausdrücklich und mit Recht von "Denk-Experimenten" ( etwa S. 24; S. 99; S. 178), denen er ab S. 85 ein ganzes Kapitel gewidmet hat. Diese "Denk-Experimente" dienen dazu, sich mit subtilen Beschaffenheiten von Begriffen vertraut zu machen, die wir nicht ohne weiteres kennen, die auch ohne ein sorfältiges denkendes Probieren und Sondieren nicht hervortreten. Die von Ziegler erwähnten Qualitäten Notwendigkeit, Widerständigkeit und Unveränderlichkeit sind invariante Eigenschaften von Begriffen - mit anderen Worten: Gesetzmäßigkeiten, die über das nur Inhaltliche dieser Entitäten hinausgehen. Man könnte sagen, daß Begriffe neben dem rein Bedeutungshaften, das sie auszeichnet, noch so etwas wie eine morphologische oder gestalthafte Komponente an sich haben, die durch Denk-Experimente sichtbar wird.

Zieglers Auffassung ist im Grundsatz ohne Einschränkungen zuzustimmen; man muß sie im Hinblick auf elementare Aspekte nur noch weiter verschärfen und erklären: Sämtliche sachhaltigen Aussagen, die wir über das selbsterlebte Denken machen, sind Resultate einer - zumeist unsystematisch durchgeführten und längst vergessenen - Denk-Beobachtung und entsprechender Intuitionen, in der spezifische Erfahrungen beurteilt und unterschieden werden müssen. Wenn Steiner daher im dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit (S. 42) die simple Aussage "Ich denke über einen Tisch." bereits der Denk-Beobachtung zurechnet, so ist das sehr konsequent. Auf der anderen Seite muß man sagen, daß auch die meisten philosophischen oder denkpsychologischen Laien ihr Denken schon häufig wenigstens in anfänglicher Weise beobachtet haben, sofern sie nämlich zu bestimmten Begrifflichkeiten und Unterscheidungen bezüglich ihrer Denktätigkeit gekommen sind. Sie wissen nur nichts um diese Tatsache, weil oft genug hinter der Denk-Beobachtung etwas Geheimnisvolles und schwer Zugängliches vermutet wird. Zudem wird diese Art von Denk-Beobachtung zumeist ohne ein gebührendes methodisches Bewußtsein und entsprechende Zielstrebigkeit, sondern eher beiläufig gemacht, deswegen fehlt in der Regel auch die entsprechende Konsequenz sowie Übersicht ordnender Begriffe.

Unstreitig gibt es also einen eklatanten Unterschied zwischen der spontanen Handhabung durchschaubarer gedanklicher Inhalte und der Einsicht in diese Angelegenheit via Intuition, und ebenso zwischen der bloßen Wahrnehmung von ideellen Entitäten und dem Wissen um diese Sachlage. Um ein Verständnis davon zu haben ist erforderlich, daß das Denken sich zuvor diesen Erfahrungen im Umgang mit Begriffen und Ideen zuwendet und sich damit gesondert auseinandersetzt. Und das Mittel dazu ist die Beobachtung oder Betrachtung des Denkens, die zu entsprechenden Intuitionen beziehungsweise einer Erkenntnis des Denkens führt. Das heißt, es muß über spezifische Erfahrungen des Denkens separat nachgedacht werden, erst dann wird begreiflich, daß Ideen nicht erzeugt sondern wahrgenommen werden. Kurz und prägnant kann man es auch so formulieren: Begriffe und Ideen im allgemeinen nimmt jeder wahr - oder sieht im Prinzip jeder -, der zu denken vermag. Das Denken im speziellen kann nur sehen, wer eigens über die Erfahrungen des Denkens nachdenkt. Nur dann ist er in der Lage sich das zu erwerben, was man einen Begriff oder eine Anschauung des Denkens nennen kann.

Begriffe und Ideen sind zweifelsohne auch dann Inhalt oder Thema des Denkens, wenn dieses sich selbst betrachtet, denn sie gehören ja schließlich (mit) zu den Erfahrungen des Denkens, die betrachtet werden. Soweit sie also spezielle Betrachtungsgegenstände des Denkens im Zuge seiner Selbstaufklärung sind, ist es evident, daß sie dann auch wahrgenommen werden, und somit Wahrnehmung und Begriff bei der Betrachtung des Denkens zusammenfallen. Aber es gibt bei der Selbstbetrachtung des Denkens, die zu seiner Erkenntnis führt, noch eine weitere Dimension des Zusammenfallens, die sich nicht auf diese eben genannte Form reduzieren läßt, sondern darüber hinausreicht. Die Wahrnehmung des Denkens selbst ist ein ganz einzigartiger Typ dieses Zusammenfallens. In diesem Fall ist nämlich die lebendige oder kraftende Idee selbst Gegenstand der Wahrnehmung.

Im Kapitel IV, Die Welt als Wahrnehmung seiner Philosophie der Freiheit, S. 62, sieht sich Steiner veranlaßt seinen Gebrauch des Ausdrucks Wahrnehmung zu klären. Als Wahrnehmung bezeichnet er hier nicht den Vorgang der Beobachtung, sondern das Objekt dieser Beobachtung. Und zwar einerseits die unmittelbaren Empfindungsobjekte, "... insoferne das bewußte Subjekt von ihnen durch Beobachtung Kenntnis nimmt...". Ferner die Gefühle: "Auch von meinem Gefühle erhalte ich dadurch Kenntnis, daß es Wahrnehmung für mich wird." Und schließlich das Denken selbst: " ... die Art, wie wir durch Beobachtung Kenntnis von unserem Denken erhalten, ist eine solche, daß wir auch das Denken in seinem ersten Auftreten für unser Bewußtsein Wahrnehmung nennen können."

Man beachte, daß entsprechend dem dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit das Denken nur durch das Denken beobachtet werden kann. Und daß die Beobachtung nur in einem zweiten Denkakt erfolgen kann, der dem beobachteten Denkvorgang nachfolgt. Das Resultat dieser zeitversetzten Beobachtung oder denkenden Betrachtung wird hier im Zuge der Klärung des Sprachgebrauchs als Wahrnehmung bezeichnet.

Das Interessante und für das Verständnis wichtige an dieser Formulierung ist, daß die Beobachtung des Denkens nicht nur zur Kenntnisnahme des Denkens führt, vergleichbar den Sinnes und Gefühlswahrnehmungen, sondern gleichzeitig auch zu seiner Erkenntnis. Kenntnisnahme und Erkenntnis fallen hier zusammen. Während Empfindungs- und Gefühlsobjekte als Wahrnehmungen lediglich zur Kenntnis genommen werden und der weiteren begrifflichen Ergänzung bedürftig sind, um auch erkannt zu werden, ist dieser zusätzliche Schritt bei der Wahrnehmung des Denkens nicht erforderlich, weil das Denken als Wahrnehmungsobjekt im Sinne und in der Konsequenz des Steinerschen Sprachgebrauchs bereits erkanntes Objekt ist. Das Wahrnehmen ist hier ein Erkennen. Wenngleich noch nicht in seinem vollen Umfang und in sämtlichen Aspekten. Wahrnehmen und Erkennen sind eines - und das hat die Beobachtung des Denkens mit der Wahrnehmung respektive Erkenntnis der übrigen Begriffe und Ideen gemeinsam. Siehe dazu das eingangs dieses Kapitels Ausgeführte.

Das Denken tritt als Denken überhaupt erst für das Bewußtsein auf, wenn es vom Denken selbst beobachtet worden ist. Erst dann ist es im Sinne Steiners Wahrnehmungsobjekt für das Bewußtsein. Ein nur erlebtes Denken kann diesem Sprachgebrauch gemäß noch kein wahrgenommenes Denken sein, sondern zunächst nur ein geistig-seelisches Erlebnis. Das Geistige wird in einer Einheit mit diesem Seelischen erlebt. Und der geistige Charakter dieses Erlebnisses wird erst sichtbar, bewußt und zugleich erkannt in einer nachfolgenden denkenden Betrachtung. Deswegen Steiners Bemerkung von S. 256, im zweiten Zusatz zur Neuausgabe 1918, " ... daß richtig verstandenes Denk-Erleben schon Geist-Erleben ist." [Fettdruck MM]

Nun läßt sich das Denken nur erkennen, indem man es beschreibt, das heißt, über die Erfahrungen des Denkens nachdenkt und diese auf beschreibende Begriffe bringt. Wenn wir jetzt dem eben erwähnten Sprachgebrauch Steiners und den Gedankengängen des dritten Kapitels der Philosophie der Freiheit folgen, dann haben wir auch in diesem Fall ein Zusammenfallen von Wahrnehmung und Begriff: Hier fällt die Wahrnehmung des Denkens mit seinem beschreibenden Begriff zusammen - was dasselbe ist wie seine Erkenntnis, oder besser gesagt, die Erkenntnis eines seiner vielfältigen Aspekte. Das Wahrnehmen ist hier ein Begreifen. Und das ist nach meiner Auffassung gemeint, wenn Steiner wie eingangs zitiert auf S. 146 der Philosophie der Freiheit sagt: "Im Betrachten des Denkens selbst fallen in eines zusammen, was sonst immer getrennt auftreten muß: Begriff und Wahrnehmung." Das Denken wird für den Betrachter oder Beobachter im eigentlichen Sinne erst sichtbar, wenn, indem, und so weit er es begreift. Das Begreifen des Denkens ist ein Wahrnehmen - ein aktives, tätiges, und oft mühevolles geistiges Wahrnehmen. Eine Wahrnehmung, " ... in der der Wahrnehmende selbst tätig ist, und es ist eine Selbstbetätigung, die zugleich wahrgenommen wird." (GA-04, S. 256)

Erlebt werden kann das Denken mit hinreichender Mühe und Aufmerksamkeit eigentlich immer - aber gesehen wird es nur, wenn man das Erlebte auf die richtigen Begriffe bringt und unterscheiden kann.

Nehmen wir ein Beispiel: Ein philosophischer Laie weiß gewöhnlich nicht sehr genau was Begriffe sind, obwohl er den Ausdruck Begriff sicherlich häufiger gebraucht. Vielfach werden Begriffe deswegen auch mit Worten verwechselt, obwohl sie vom Wesen her etwas ganz anderes sind. Allmählich erst, in dem Maße, wie er sich gedanklich mit den Eigenschaften von Begriffen befaßt, bekommt er einen Eindruck davon, was sie eigentlich sind und was sie etwa von sprachlichen Gebilden unterscheidet. In dem Umfang, wie ihm das begrifflich klar wird, beginnt er jene Eigenarten oder Wesensmerkmale des Denkens zu sehen, die man als Begriff bezeichnet, ungeachtet dessen, daß er sie natürlich immer schon hatte und mit ihnen hantierte. Er wußte nur nichts von ihnen. Wer sich mit grundlegenden Fragen der Denk-Beobachtung beziehungsweise des Sehens des Denkens auf einer ganz pragmatischen Ebene auseinandersetzen will, dem sei das oben erwähnte Buch von Renatus Ziegler wärmstens empfohlen. Ziegler behandelt zwar über Strecken hin Probleme der Mathematik und reinen Logik, doch die Art seines Vorgehens macht auch dem Laien in paradigmatischer Form verständlich worum es geht.

Dieser Prozeß des Sehenlernens des Denkens ist in etwa vergleichbar mit jenem, der sich abspielt, wenn wir uns das Bild eines großen Malers erschließen. Wenn wir nicht gerade Fachleute der Ästhetik sind, werden wir häufig auch nicht allzuviel entdecken, was über die triviale Wahrnehmung hinausgeht. Sobald wir jedoch beginnen uns in Kunstepochen, Stilrichtungen und künstlerische Ausdrucksmittel zu vertiefen, wird das Bild zunehmend reicher, obwohl es materialiter nichts anderes enthält, als wir beim ersten Mal schon gesehen haben. Für das Denken gilt nichts anderes: mit der Einsicht in seine Gebilde wächst scheinbar sein Gehalt an Eigenschaften, der gleichwohl immer schon da war. Seine innere Differenzierung nimmt dann für den Betrachter zu, so wie eine nur schemenhaft sichtbare Gestalt allmählich deutlichere und gegliedertere Formen annimmt, wenn wir uns ihr nähern. Nur spielt sich eben beim Denken alles auf der gedanklich-begrifflichen Ebene ab, während es in der Malerei auch um sinnlich Wahrnehmbares geht. Hinzu kommt, daß wir mit dem Prozeß des Denkens aufs Innigste verbunden sind, und daher unsere Beobachtungen prinzipiell immer an den Tatsachen prüfen und gegebenenfalls korrigieren können. Mit weit größerer Sicherheit als die Interpretation eines Kunstwerkes, die stets hypothetische Reste enthält, weil wir hierbei immer auf Außeninformationen angewiesen sind, deren Status fraglich sein kann.

Die Einsicht in einen charakteristischen Aspekt des Denkens ist somit ein geistiges Analogon zu einem herkömmlichen Wahrnehmungsvorgang und geschieht auf dem Wege der Intuition. Was gegenüber sinnlichen Gegenständen deren Wahrnehmung ist, ist gegenüber dem Denken Einsicht. Auf keinem anderen Wege als auf dem der Intuition kann uns eine Einsicht zuteil werden - das Denken als Beobachtungs- und Erkenntnisgegenstand macht davon keine Ausnahme. Die Selbsterklärung des Denkens geschieht also dadurch, daß wir ihm gegenüber die entsprechenden Intuitionen ausbilden. Es wird folglich mittels Intuitionen gesehen, angeschaut, betrachtet oder wahrgenommen. Erst vor diesem Hintergrund bekommt die Wendung, daß das Denken vom Denken gesehen oder angeschaut werde, einen plausiblen Sinn. Die besondere Art, das Denken in dieser Weise zu beobachten oder anzuschauen, nennt Steiner intuitives Denken. Das intuitive Denken ist sowohl die Methode, das Denken zu beobachten, wie auch die Idee der Freiheit - zumindest ist es diejenige, auf die er sich in der Philosophie der Freiheit explizit beruft.

Im Zusatz von 1918 auf S. 255 ff der Philosophie der Freiheit macht ihr Verfasser eine Angabe über die Forschungsmethode, welche diesem Buche zugrunde liegt, und bezeichnet sie als "intuitives Denken" : "Die Darstellung dieses Buches ist aufgebaut auf dem rein geistig erlebbaren intuitiven Denken, durch das eine jegliche Wahrnehmung in die Wirklichkeit erkennend hineingestellt wird." Das intuitive Denken hat es Steiners Charakterisierung zufolge primär mit Wahrnehmungen zu tun. Man beachte auch, daß hier von "einer jeglichen Wahrnehmung" gesprochen wird. Demnach geht es sowohl um sinnliche, wie seelische und geistige Wahrnehmungen. Es gibt keinen Wahrnehmungsbereich, den dieses Denken exclusiv für sich reserviert hätte - etwa nur den geistig-ideellen - sondern es operiert bereichsübergreifend. All diese sinnlichen, seelischen und geistigen Wahrnehmungen werden "in die Wirklichkeit erkennend hineingestellt", das heißt sie werden sowohl im Hinblick auf ihr Wesen oder Was untersucht, aber auch in ihrer Beziehung zueinander und zur Gesamtwirklichkeit. Im Ausdruck des Hineinstellens schwingt mit, daß es sich hierbei um einen produktiv-schöpferischen Vorgang handelt, durch den der Wirklichkeit etwas gegeben oder hinzugefügt wird. Exemplarisch sichtbar wird dieser gedankliche Umgang mit Fragen der Wahrnehmung vor allem in den Kapiteln III bis VIII der Schrift, die sich sehr ausgedehnt dieser Thematik widmen.

Insgesamt läßt sich sagen, daß der Aktionsbereich des intuitiven Denkens entsprechend der Steinerschen Kennzeichnung ein sehr weiter ist. Diese Weite kommt auch zum Ausdruck wenn er auf S. 143 dafür alternativ die Wendung "intuitiv-denkerische Durchdringung des Daseins" gebraucht. So gesehen scheint dieses Denken also gar nichts Außergewöhnliches zu sein, sondern bedeutet in genereller Hinsicht, sich rein gedanklich mit dem Dasein auseinanderzusetzen, um dieses Dasein zu erkennen. Damit deckt es sich als Methode der Philosophie der Freiheit in bemerkenswertem Umfang mit der Methode einer rein gedanklich operierenden klassischen Philosophie, wie es die thematische Entfaltung der Philosophie der Freiheit ja auch zeigt und wie Steiner selbst ausdrücklich an anderer Stelle hervorhebt: "Wer diese meine früheren Schriften [«Wahrheit und Wissenschaft» und «Philosophie der Freiheit», MM] aber unbefangen liest, wird bemerken können, daß die in ihnen entwickelten Ergebnisse durch rein philosophische Forschung gewonnen sind, und daß deshalb die Zustimmung zu dem in ihnen geltend Gemachten nicht abhängig ist von der Stellung, die jemand zu der von mir vertretenen «Geisteswissenschaft» einnimmt. Ich habe mich bewußt in jenen Büchern der Denkmittel und der Methodik allein bedient, die man gewöhnt ist, in philosophischen Arbeiten zu finden." (Die Geisteswissenschaft als Anthroposophie und die zeitgenössische Erkenntnistheorie. Persönlich-Unpersönliches (1917). In: GA-35, 1984, S. 319). Soweit das intuitive Denken der Philosophie der Freiheit als Methode zugrunde liegt ist es folglich identisch mit den "Denkmitteln" und der "Methodik", "die man gewöhnt ist, in philosophischen Arbeiten zu finden".

Es deckt sich aber nicht nur mit dem philosophischen Denken im speziellen, sondern überhaupt mit jenem Denken, das zu einer gegebenen Wahrnehmung den Begriff findet oder wahrnimmt, der dann in der Synthese mit der Wahrnehmung zur Erkenntnis des Wahrnehmungsgegenstandes, der Vereinigung von Wahrnehmung und Begriff führt. Jenem Denken, das zu jeder Wahrnehmung das zu ihr gehörige ideelle Gegenstück auf dem Wege der Intuition geistig wahrnimmt. Darauf deutet Steiner hin wenn er oben sagt, durch das intuitive Denken werde "eine jegliche Wahrnehmung in die Wirklichkeit erkennend hineingestellt". Und dann den Gedanken (Philosophie der Freiheit, S. 255) fortführt: "Und es [das intuitive Denken, MM] fordert, daß es im Erkenntnisvorgang als in sich ruhendes Erlebnis nicht verleugnet werde. Daß ihm die Fähigkeit nicht abgesprochen werde, zusammen mit der Wahrnehmung die Wirklichkeit zu erleben, statt diese erst zu suchen in einer außerhalb dieses Erlebens liegenden, zu erschließenden Welt, der gegenüber die menschliche Denkbetätigung nur ein Subjektives sei."

Zusammenfassend formuliert: Das intuitive Denken ist eben jenes, von dem in den erkenntnistheoretischen Schriften Steiners im Zusammenhang mit der Erläuterung des Erkenntnisprozesses die Rede ist, und von dem dort gesagt wird, es nehme den Ideengehalt der Welt wahr. Über dieses Denken verfügt jeder normal organisierte Mensch und übt es bereits aus, wenn er versucht den Ideengehalt der Welt zu erfassen, und zwar schon dann wenn er zu einer herkömmlichen sinnlichen Wahrnehmung den Begriff sucht und findet. Denn auch der gehört selbstverständlich zum Ideengehalt der Welt, wie Steiner in seinen philosophischen Schriften eindringlich versucht klarzumachen. So daß vielleicht die grundlegendste Eigenschaft, die man dem intuitiven Denken beilegen kann, lautet: Es ist jenes Denken, das auf dem Wege von Intuitionen den Ideengehalt der Welt wahrnimmt.

Die wohl elementarste und häufigste Frage, die sich das intuitive Denken stellen kann lautet daher: Was ist das? Es versucht dann vielleicht zu einer gegebenen Wahrnehmung den zugehörigen Begriff zu finden, den es dann aus der ideellen Sphäre schöpft und mit der Wahrnehmung zur Erkenntnis des Wahrnehmungsgegenstandes vereinigt. Das intuitive Denken kann sich daneben im einzelnen auch mit ausgesprochen erkenntnistheoretischen oder erkenntnisphänomenologischen Fragen befassen - etwa: Wie erkennen wir? Was ist eine Wahrnehmung? Welche Typen von Wahrnehmung gibt es? Aber auch mit solchen, die man eher zur Psychologie zählen würde - indem es etwa das Verhältnis von Denken, Fühlen und Wollen untersucht oder die nähere Natur oder Eigenschaften dieser speziellen Wahrnehmungen. Ein ganz besonderer Fall von Wahrnehmung, dem sich das intuitive Denken erkennend zuwenden kann, ist die Wahrnehmung des Denkens selbst. Es kann sich schließlich auch, wie die Programmatik der Steinerschen Schrift andeutet, einer einzelnen Idee widmen und sie beobachten, beziehungsweise sich mit der Wahrnehmung dieser Idee auseinandersetzen. In diesem speziellen Fall lautet die Frage: Freiheit - was ist das? Betrachtet man die Philosophie der Freiheit, wie ich es oben und in Anmerkung 107b angedeutet habe, als den Versuch, die Idee der Freiheit zu beobachten, dann heißt dies: Das intuitive Denken ist die Methode, mittels derer Steiner die Idee der Freiheit nach eigenen Angaben beobachtet hat. Etwas gemeinverständlicher formuliert: Er hat sich dieser Aufgabe zugewandt, indem er über die dafür relevanten Bereiche des Daseins gründlich nachgedacht hat, ganz speziell und ausdrücklich auch über die Erlebnisse, die man am Denken selbst haben kann - soviel sagt uns sein obiger Methodenhinweis. Für die Erlebnisse am Denken selbst, wie wir sie an Zieglers Beispiel oben musterhaft aufgezeigt haben, verwendet Steiner auch den Ausdruck intuitives Denk-Erleben.

Nun schließt die Beobachtung der Freiheitsidee notwendigerweise eine Beobachtung des Denkens ein, denn ohne eine zumindest grundlegende Erkenntnis des Denkens ist nach Steiner auch keine Einsicht in die Idee der Freiheit möglich. Das heißt, wenn wir uns an den ausgesprochenen Wahrnehmungsbezug des intuitiven Denkens erinnern: Die wirklichkeitsgemäße Wahrnehmung der Freiheitsidee setzt die Wahrnehmung oder Beobachtung des Denkens voraus. Es kommt infolgedessen sehr viel darauf an, wie man das Denken wahrnimmt oder beobachtet. In der Vorrede von 1918 macht er auf diesen Umstand aufmerksam, wenn er (S. 7) darauf hinweist, daß die Lösung der Freiheitsfrage abhängig sei von der Lösung der Erkenntnisfrage. Im ähnlichen Sinne ein Zusatz von 1918 auf S. 203 f, und gegen Ende der Schrift auf S. 253 f dann wie eine Spiegelung der Vorrede noch einmal der eindringliche Hinweis, daß die Freiheit des Handelns auf der Freiheit des intuitiven Denkens basiert: "Im zweiten Teile dieses Buches wurde versucht, eine Begründung dafür zu geben, daß die Freiheit in der Wirklichkeit des menschlichen Handelns zu finden ist. Dazu war notwendig, aus dem Gesamtgebiete des menschlichen Handelns diejenigen Teile auszusondern, denen gegenüber bei unbefangener Selbstbeobachtung von Freiheit gesprochen werden kann. Es sind diejenigen Handlungen, die sich als Verwirklichungen ideeller Intuitionen darstellen. Andere Handlungen wird kein unbefangenes Betrachten als freie ansprechen. Aber der Mensch wird eben bei unbefangener Selbstbeobachtung sich für veranlagt halten müssen zum Fortschreiten auf der Bahn nach ethischen Intuitionen und deren Verwirklichung. Diese unbefangene Beobachtung des ethischen Wesens des Menschen kann aber für sich keine letzte Entscheidung über die Freiheit bringen. Denn wäre das intuitive Denken selbst aus irgendeiner andern Wesenheit entspringend, wäre seine Wesenheit nicht eine auf sich selbst ruhende, so erwiese sich das aus dem Ethischen fließende Freiheitsbewußtsein als ein Scheingebilde. Aber der zweite Teil dieses Buches findet seine naturgemäße Stütze in dem ersten. Dieser stellt das intuitive Denken als erlebte innere Geistbetätigung des Menschen hin. Diese Wesenheit des Denkens erlebend verstehen, kommt aber der Erkenntnis von der Freiheit des intuitiven Denkens gleich. Und weiß man, daß dieses Denken frei ist, dann sieht man auch den Umkreis des Wollens, dem die Freiheit zuzusprechen ist. Den handelnden Menschen wird für frei halten derjenige, welcher dem intuitiven Denkerleben eine in sich ruhende Wesenheit auf Grund der inneren Erfahrung zuschreiben darf. Wer solches nicht vermag, der wird wohl keinen irgendwie unanfechtbaren Weg zur Annahme der Freiheit finden können. "

Die in der Schrift vorhandenen Passagen zum Thema Erkenntnis und Denken gehören damit, wie in ihrer Vorrede bereits angedeutet ist, zum unentbehrlichen sachlichen Umkreis des Freiheitsgedankens, obwohl die Philosophie der Freiheit im eigentlichen Sinne keine Erkenntnistheorie ist, sondern eben eine Freiheitsphilosophie. Aber als solche muß sie sich zu Erkenntnisfragen äußern, denn bevor man sagen kann, ob und unter welchen Umständen der Mensch frei ist, sind Fragen der Art zu klären: Was ist Erkenntnis? Gibt es ein sicheres Fundament der Erkenntnis? Wie erkennt man das Denken? Der gelegentlich aufkeimenden Diskussion darüber, ob die Philosophie der Freiheit eine Erkenntnistheorie sei oder nicht, läßt sich also mit einem "Nein - aber" begegnen. Sie ist eigentlich keine, aber ihr Untersuchungsgegenstand erfordert wegen der vorhandenen Abhängigkeitsbeziehungen, daß sie zu diesen Fragen Stellung bezieht. Ohne die entsprechenden Fundierungen wäre die Freiheitsphilosophie nicht ausführbar beziehungsweise: wäre die Idee der Freiheit nicht angemessen wahrnehmbar. Dieser Zusammenhang erklärt auch, warum Steiner selbst in seiner 1917 erschienenen Schrift Von Seelenrätseln (GA-21, 1976, S. 62) ausdrücklich auf den erkenntnistheoretischen Charakter der Philosophie der Freiheit hinweist: "Im Zusammenhange meiner Veröffentlichungen ist meine «Philosophie der Freiheit» die erkenntnistheoretische Grundlegung für die von mir vertretene anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Ich habe dies in einem besonderen Abschnitt meines Buches «Die Rätsel der Philosophie» dargelegt."

  • Wenn nun Steiner ausdrücklich betont, er habe sich in seinen philosophischen Schriften "bewußt ... der Denkmittel und der Methodik allein bedient, die man gewöhnt ist, in philosophischen Arbeiten zu finden".

  • Und wenn die Beobachtung der Freiheitsidee explizit auf der Methode des intuitiven Denkens basiert und eine fundamentale Erkenntnis des Denkens einschließt.

  • Wenn ferner Steiners Methodenauskunft unmißverständlich für die Darstellung der gesamten Schrift gilt, dann liegt der Erkenntnis des Denkens verständlicherweise auch dieselbe Methode zugrunde - nämlich das intuitive Denken.

  • Und wenn schließlich laut Steiners ausdrücklichem Hinweis im dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit jeder normal organisierte Mensch mit einigem guten Willen in der Lage ist sein Denken zu beobachten, dann ist er damit auch prinzipiell imstande das intuitive Denken auszuüben, wenn er es nur will.

Das intuitive Denken ist demnach alles andere als irgend ein rätselhaft-mystisches, geistig-seelisches Agens, über das man erst im Laufe langjähriger esoterischer Schulung verfügt. Es ist also auf gar keinen Fall zutreffend, was beispielsweise Michael Kirn in seinem Buch Das große Denk-Ereignis, Dornach 1998, auf S. 40 stellvertretend für manchen anderen anthroposophischen Autoren behauptet, wenn er dort sagt, Steiner meine mit dem intuitiven Denken "eine dem einzelnen erreichbare Geisteshaltung jenseits der Philosophie." Mit dieser Bemerkung macht Kirn das intuitive Denken für seinen Leser faktisch unsichtbar. Und was noch ärger ist: Entsprechend unzugänglich wird für diesen nachfolgend auch all dasjenige, was Steiner an freiheitsphilosophischen Überlegungen an dieses intuitive Denken knüpft, weil ihm der Verständniszugang dorthin blockiert ist. Denn wer keine Vorstellung davon hat was das intuitive Denken ist, der kann natürlich auch kaum eine davon entwickeln was die Freiheit des intuitiven Denkens ist. Und da für Steiner die Freiheit des Handelns in der Freiheit des intuitiven Denkens gründet, wird ihm folglich das Anliegen der Philosophie der Freiheit im wesentlichen ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Ein Leser, der dem Hinweis Kirns und seiner Geistesverwandten folgt, wird das intuitive Denken nicht mehr finden, weil er es jetzt an der falschen Stelle sucht. Was doppelt tragisch für ihn ist, da er nämlich über dieses Denken im Regelfall längst verfügt und es auch ausübt. Im Gegensatz zu Kirns Auffassung stützt sich jede Philosophie, die erkennend auf den ideellen Gehalt der Wirklichkeit abzielt, auf eben dieses Denken. Denn das intuitive Denken ist als Fähigkeit den ideellen Gehalt der Wirklichkeit wahrzunehmen integraler Bestandteil der Grundausstattung menschlichen Seelenvermögens. Es ist das Denk-Verfahren zu einer beliebigen Wahrnehmung den Begriff zu finden und ebenso das methodische Verfahren, mit dem neben anderen Ideen die Idee der Freiheit beobachtet respektive wahrgenommen oder erkannt wird, wie es die Methode der Selbstbeobachtung, der Selbsterklärung beziehungsweise Selbsterkenntnis oder Selbstwahrnehmung des Denkens ist.

Wenn also ein Leser für sich das Stadium des intuitiven Denkens mit Sicherheit erreichen will, dann könnte er das exemplarisch zum Beispiel auf drei Wegen tun, die eng miteinander verwandt sind: Erstens könnte er sich einer ungewohnten Wahrnehmung aussetzen, etwa einer solchen, die er in einer Kükelhausausstellung machen kann, und sich fragen, was das jeweils ist, dem er sich da wahrnehmend aussetzt. Zweitens könnte er sich in irgend ein philosophisches Problem vertiefen und versuchen es zu lösen - beispielsweise in das Problem, was Kraft, Kausalität oder Güte ihrem Wesen nach sind und zu einem Begriff dieser Entitäten vorzustoßen. Drittens könnte er sich einmal mit der Frage befassen, wonach er sich beim Denken richtet und über die entsprechenden Erfahrungen seines Denkens nachdenken. Damit bekommt er nicht nur einen Einblick in die Natur des intuitiven Denkens, - letzteres ist auch der entscheidende Schritt zur Einsicht in die Freiheit des intuitiven Denkens.

Erst wenn man durchschaut hat, daß das intuitive Denken frei ist, sieht man auch den Bereich, demgegenüber von freien Handlungen gesprochen werden kann. Die Einsicht in die Freiheit des intuitiven Denkens ist nach Steiner die Vorbedingung zur Einsicht eines freien Wollens überhaupt. Und die Freiheit des intuitiven Denkens wiederum gründet in der Selbstbeobachtungs- respektive Selbsterklärungsfähigkeit des Denkens - in der Tasache, daß seine Wesenheit eine auf sich selbst ruhende ist, sich selbst betrachten und beschreiben kann. Der Umstand, daß beobachtendes und beobachtetes Denken qualitativ gleichwertig sind, wie im dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit betont wird, ist Fundament und Garantie für Freiheit überhaupt. Frei ist ein Denken, das sich an durchsichtigen begrifflich-logischen Zusammenhängen orientiert und nicht den Notwendigkeiten der Hirnphysiologie oder einer leiblich-seelischen Organisation folgen muß.

(Eine Schlüsselaussage Steiners aus dem dritten Kapitel (S. 45) hierzu lautet: "Meine Beobachtung ergibt, daß mir für meine Gedankenverbindungen nichts vorliegt, nach dem ich mich richte, als der Inhalt meiner Gedanken; nicht nach den materiellen Vorgängen in meinem Gehirn richte ich mich." Eine philosophische Vertiefung dieses Aspektes der Philosophie der Freiheit führt auf die Frage der Beziehung zwischen Logik und Psychologie oder Physiologie, wie sie in der Psychologismusdebatte in der Logik um die Wende vom 19. zum 20. Jh. geführt wurde. Steiner macht in seiner Schrift Von Seelenrätseln [GA-21] 1976, unter anderem auf S. 31 f; S. 132 f; einige Bemerkungen in dieser Richtung. Ein entscheidender Gesichtspunkt hier ist, daß beim denkenden Suchen nach der Wahrheit sich das Wollen an begrifflich-logischen Bestimmungen ausrichtet. Diese können aber nicht zugleich physiologische Kausalbestimmungen sein, da sich sonst eine logische Vorstellungsverknüpfung nicht von einer unlogischen oder einer a-logischen respektive einer rein assoziativen unterscheiden ließe. Und ferner dann die logischen Gesetze mit den physiologischen zusammenfallen müßten, was grundsätzlich nicht möglich ist. Das Phänomen der Einsicht reicht also weit hinaus über dasjenige, was mit den Gesetzen der Hirnphysiologie zu erfassen ist. Man sieht auch wie sich hier die Forschungsfelder von Anthroposophie, Logik, Erkenntnistheorie, Psychologie und Physiologie mit äußerst spannenden und weitreichenden Fragestellungen begegnen - ein Grund, warum Steiner in dieser Schrift auf die Möglichkeit einer "wirklich fruchtbaren Verständigung" (S. 32) zwischen Anthroposophie und Anthropologie hinweist. Letzten Endes ist auch der unter Anmerkung 107 b erwähnte Roger Penrose mit seiner physikalischen Problemstellung hier anzusiedeln. Siehe aus nichtanthroposophisch-philosophischer Sicht auch: Palàgyi, Melchior, Der Streit der Psychologisten und Formalisten in der modernen Logik, Leipzig 1902.; Sowie: Moog, Willy, Logik, Psychologie und Psychologismus, Halle a. S., 1919; Sowie: Husserl, E. , Logische Untersuchungen. Textkritische Ausgabe von E. Holenstein. Bd. 1, Prolegomena zur reinen Logik, Den Haag, 1975.

Nachtrag 28.11.03 zu Penrose: Wie sehr sich die Frage des freien Denkens mit physikalischen Problemen berührt dürfte offensichtlich sein. Denn der Nachweis des freien Denkens (und Handelns) hat natürlich physikalische Implikationen dahingehend, daß dieses freie Denkens und Handeln nicht mehr durch Naturkausalität bestimmt sein kann. Das Kausalitätsprinzip ist an dieser Stelle nicht mehr gültig. Physikalisch ist das von der allergrößten Tragweite, weil damit der Energieerhaltungssatz außer Kraft gesetzt wird. Diese physikalische Bedeutung des Denkens wird auch von Steiner klar gesehen und ausdrücklich hervorgehoben. In der Philosophie der Freiheit spricht er diesbezüglich (Kap. IX, S. 146 ff) von einer Zurückdrängung der leiblichen Organisation durch das Denken. Diese Zurückdrängung ist durchaus auch im Sinne einer physiologisch-physikalischen Wirksamkeit gemeint. Und auf diese Zurückdrängung bezogen sagt Steiner (GA-78, Dornach 1968, Vortrag vom 5.11.1921, S. 143): "Hier ist es, wo wir an der Grenze des Gesetzes von der Erhaltung der Materie und der Kraft stehen. Man muß den Ausdehnungsbereich dieses Gesetzes von Materie und Kraft erkennen, damit man den Mut fassen kann, ihm dann zu widersprechen, wenn es nötig ist."

Vor diesem Hintergrund ist der Versuch von Roger Penrose, mittels einer Bewußtseinstheorie die moderne Physik zu revolutionieren, aus anthroposophischer Sicht überaus interessant und konsequent und sollte weiter beobachtet werden. Denn es sind nicht beliebige Bewußtseinsvorgänge, die Penrose bei seiner Auffassung geltend macht, sondern vor allem die Tätigkeit des Denkens und Erkennens. )

Daß sich die Einsicht in die Natur des Denkens nur auf dem Wege von Intuitionen ergeben kann, haben wir schon wiederholt erörtert. Mit diesem Sachverhalt decken sich auch Steiners Angaben hinsichtlich der von ihm angewandten Forschungsmethode des intuitiven Denkens. Somit läßt sich sagen, daß sein Ausdruck des intuitiven Denkens auf jeden Fall auf das sich selbst betrachtende Denken anzuwenden ist. Das heißt, ein Denken, daß sich im Zuge seiner Selbstaufklärung auf seine unmittelbaren Erfahrungen richtet und sich beobachtet respektive über diese Erfahrungen nachdenkt, ist notwendigerweise immer auch ein intuitives Denken. Sowohl sein Beobachtungsgegenstand ist in der Form der Intuition gegeben, als auch die Art der Beschäftigung mit ihm. Sowohl seine Verlaufsform als auch die Art seiner Wahrnehmung oder Erkenntnis, beziehungsweise seines Erfassens, hat den Charakter der Intuition wie Steiner anmerkt: Es ist eine "auf sich ruhende geistige Wesenhaftigkeit. Und von dieser kann er [der Denker] sagen, daß sie ihm durch Intuition im Bewußtsein gegenwärtig wird. Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewußte Erleben eines rein geistigen Inhaltes. Nur durch eine Intuition kann die Wesenheit des Denkens erfaßt werden." (PdF, S. 146).

Das intuitive Denken hat Steiners Schilderungen zufolge also einen ausgesprochenen geistigen Wahrnehmungcharakter: - Es nimmt Begriffe und Ideen wahr, und es nimmt sich selber wahr, wie er auf S. 256 hervorhebt: " ... darf aus dem Gesichtspunkte, der sich bloß aus dem intuitiv erlebten Denken ergibt, berechtigt erwartet werden, daß der Mensch außer dem Sinnlichen auch Geistiges wahrnehmen könne? Dies darf erwartet werden. Denn, wenn auch einerseits das intuitiv erlebte Denken ein im Menschengeiste sich vollziehender tätiger Vorgang ist, so ist es andererseits zugleich eine geistige, ohne sinnliches Organ erfaßte Wahrnehmung. Es ist eine Wahrnehmung, in der der Wahrnehmende selbst tätig ist, und es ist eine Selbstbetätigung, die zugleich wahrgenommen wird. Im intuitiv erlebten Denken ist der Mensch in eine geistige Welt auch als Wahrnehmender versetzt. Was ihm innerhalb dieser Welt als Wahrnehmung so entgegentritt wie die geistige Welt seines eigenen Denkens, das erkennt der Mensch als geistige Wahrnehmungswelt. Zu dem Denken hätte diese Wahrnehmungswelt dasselbe Verhältnis wie nach der Sinnenseite hin die sinnliche Wahrnehmungswelt. Die geistige Wahrnehmungswelt kann dem Menschen, sobald er sie erlebt, nichts Fremdes sein, weil er im intuitiven Denken schon ein Erlebnis hat, das rein geistigen Charakter trägt". (Man beachte allerdings in diesem Zusammenhang auch den Unterschied zwischen intuitivem Denken und intuitiv erlebtem Denken. Weiteres dazu finden Sie hier. )

Eine Frage, die sich hier aufdrängt, aber an dieser Stelle nicht ausführlicher behandelt werden kann, ist die folgende: Hat dieses Anschauen oder Sehen des Denkens durch das Denken beziehungsweise durch beschreibende Begriffe nicht bereits den Charakter von Imaginationen? Denn die Beschreibungen des Denkens sind, wie man den von Steiner vielfach dargelegten Beispielen entnehmen kann, Veranschaulichungen oder Verbildlichungen des Denkens, die einerseits selbst der Sphäre des reinen Denkens angehören, damit auch zum übersinnlichen, "schauenden Bewußtsein" gerechnet werden. Andererseits sind sie von großer Exaktheit, deswegen werde ich sie weiter unten mit dem vergleichen, was man in der Wissenschaftsphilosophie "Basissätze" nennt. Zudem muß man sagen, daß die "anschauende" Erkenntnis des Denkens gegenüber der Erkenntnis durch das reine Denken, bei welcher das reine Denken selbst unerkannt bleibt, sachlich eine Steigerung der Erkenntnisform beziehungsweise eine höhere Stufe darstellt. Denn daß der Erkenntnis-Standort von dem aus das reine Denken als "reines Denken" erkannt wird, ein höherer sein muß als der Standort des reinen Denkens selbst, scheint einleuchtend. Die nächsthöhere Erkenntnisstufe über das reine Denken hinaus bezeichnet Steiner als "imaginative Erkenntnis". Man könnte folglich auch sagen, daß es sich - angesichts ihres veranschaulichenden Charakters, angesichts ihrer Zugehörigkeit zum schauenden Bewußtsein, angesichts auch ihres hohen Grades an Exaktheit und angesichts ihres Hinausgehens über das reine Denken - bei den Beschreibungen des Denkens, die wir auf der Grundlage seiner Beobachtung durchführen, genau genommen um Imaginationen des Denkens handelt. Es wäre demnach das, was ich in dieser Arbeit mehrfach als "deskriptive Intuition" bezeichnet habe - die Einsicht in spezifische Eigentümlichkeiten des Denkens - als eine, vielleicht noch elementare, Form der imaginativen Erkenntnis zu bezeichnen. (Auf das erkennende Erfassen des Denkens durch Imagination gibt Steiner einige Hinweise in einem Vortrag vom 3. September 1921 in Stuttgart. GA-78, Dornach 1968, S. 110 ff)   107d

Der Gedankengang des letzten Absatzes scheint mir nicht nur sachlich stringent - er deckt sich auch mit dem, was Steiner anläßlich einer Erörterung des etwas problematischen Verhältnisses Denken über das Denken und Anschauung des Denkens sagt. Danach wird aus dem Denken über das Denken in der Tat etwas, das oberhalb des Denkens anzusiedeln ist. Vor diesem Hintergrund ist auch erklärlich, warum Steiner einmal im Denken über das Denken das erkenntnistheoretische Mittel erster Wahl sieht (Wahrheit und Wissenschaft GA-03, 1980, am Ende von Kapitel III, S. 48), und sich auch wiederholt explizit im dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit darauf stützt, während er es an anderer Stelle ausdrücklich abzulehnen scheint, wie etwa in GA-322, 1981, S. 50, Vortr. v. 30.09.1920.

Der Grund für diese scheinbare Ablehnung des Denkens über das Denken als Erkenntnismittel des Denkens liegt darin, daß aus dem das Denken betrachtenden Denken etwas qualitativ anderes wird als bloßes Denken, und von diesem Gesichtspunkt aus gesehen ist es eben kein Denken über das Denken mehr, das einer Beobachtung des Denkens methodisch zugrunde liegt.

Der hier problematisierte Sachverhalt des Denkens über das Denken wird von Steiner relativ ausführlich in Berlin am 28. Februar 1918 über weite Strecken eines Vortrags hin erläutert. (GA-67, Dornach 1962, S. 68 ff) . Steiner erklärt dort etwa (S. 82 f) "Es handelt sich dabei ... darum, daß der Mensch das, was sonst bloß kombinierendes Denken ist, wie es dem zugrunde liegt, was man heute oftmals allein «Wissenschaft» nennt, zum innerlichen Denkleben erweckt. Dann ist das Denken ein Leben im Gedanken. Dann kann man auch nicht mehr über das Denken denken, sondern dann verwandelt es sich überhaupt in etwas anderes. Dann verwandelt sich das Denken über das Denken in eine geistige Anschauung des Denkens, dann hat man das Denken so vor sich, wie man sonst äußere Sinnesobjekte vor sich hat, nur daß man diese vor Augen und Ohren hat, während man das Denken vor der von geistiger Anschauung erfüllten Seele hat."

Und weiter unten (S. 83 f): "Goethe wußte, daß, wenn man über das Denken denken will, man eigentlich ungefähr in derselben Lage ist, wie wenn man das Malen malen wollte. Man könnte sich ja denken, daß jemand das Malen malen will, daß er es sogar tut. Aber dann wird man sich wohl sagen, daß über das, was das eigentliche Malen ist, hinausgegangen wird. Ebenso muß über das Denken hinausgegangen werden, wenn es gegenständlich werden soll."

Wie aber wird das Denken gegenständlich? Wie gewinnt es für seinen Erkenner Konturen, Formen und Gestalt? Ich schätze in einer analogen Weise wie dem operierten Blindgeborenen die visuelle Welt aus einem zusammenhanglosen Chaos von Farbflächen allmählich gegenständlich wird, und sich aus dem verwirrenden Tumult visueller Eindrücke zunehmend stabile und intellektuell handhabbare Formen und Gestalten herausschälen und heranreifen. Das heißt: Der Denker muß sich mit seinen Denkerlebnissen in analoger Weise gedanklich auseinandersetzen und sie ordnen, vertiefen usf, wie der operierte Blindgeborene sich mit seiner neugewonnenen Welt der rein visuellen Erfahrungen auseinandersetzen muß, damit aus diesen reinen Wahrnehmungen Anschauungen und Gegenstände werden, in denen er sich auch zurechtfindet. Das ist ein sehr subtiler und facettenreicher Vorgang. Der Anschauung des Denkens - so meine ich - liegt folglich zugrunde eine hinreichende Erlebnisgrundlage des Denkens, die nicht nur bloße Erfahrung des faktischen Denkens ist, sondern eine vielfältig gedanklich durchdrungene und nach zahlreichen Dimensionen hin gegliederte und begriffene Erfahrung des Denkens. So wie etwa beim Biologen die Anschauung von Bäumen und Kräutern wesentlich mehr ist als bloße Erfahrung von ihnen.

Man könnte folgendes zusammenfassen: Will man das faktische Denken erkennen, dann muß man zunächst auch zu einem wirklichen Erleben des Denkens kommen. Was man aber dann vollbringt, indem man seine Denkfähigkeit auf das dergestalt erlebte Denken richtet und versucht es zu erkennen, ist im erkenntnispsychologischen Sinne schon kein Denken mehr, sondern etwas, das über das Denken hinausgeht - eine höhere Erkenntnisstufe als die des reinen Denkens. Die ist allerdings - wenn ich mich so ausdrücken darf - mit dem reinen Denken artverwandt. Und diese Anschauungen des Denkens sind im eigentlichen Sinne schon Imaginationen. Denn, wie Steiner im selben Vortrag (S. 92) erklärt: "Das Geistige kann nur bildhaft geschaut werden."

Der erkenntnistheoretische Ausgangsstandort einer Erkenntnis des Denkens ist nun allerdings in hohem Maße ein analytisch-explikativer, der auf grundlegende Begriffe geht und sie klärt und durchleuchtet. In Wahrheit und Wissenschaft (GA-03, 1980), dem "Vorspiel" zu seiner Philosophie der Freiheit, erhebt Steiner am Ende von Kapitel III, (S. 48) das Denken über das Denken nachgerade zum methodischen Nonplusultra der Erkenntnistheorie: "Die Erkenntnistheorie kann aber nur eine kritische Wissenschaft sein. Ihr Objekt ist ja ein eminent subjektives Tun des Menschen: das Erkennen, und was sie darlegen will, ist die Gesetzmäßigkeit des Erkennens. Von dieser Wissenschaft muß also alle Naivität ausgeschlossen sein. Sie muß gerade darinnen ihre Stärke sehen, daß sie dasjenige vollzieht, von dem sich viele aufs Praktische gerichtete Geister rühmen, es nie getan zu haben, nämlich das «Denken über das Denken»." Was den Charakter dieses Denkens über das Denken angeht, so mag vielleicht als gewisse Orientierungshilfe dienen, was Steiner über das methodische Verfahren bei der Suche nach dem voraussetzungslosen Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie in derselben Schrift am Ende von Kapitel II ausführt, wonach diese in einer "rein didaktischen Verständigung über den Anfang einer Wissenschaft" bestehe, die in "rein selbstverständlichen analytischen Sätzen" zu verlaufen habe. Und um die Klärung von Grundsatzpositionen geht es, wenn auch in sehr anderer Art, vielfach im dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit. Deswegen läßt sich hier, im engeren erkentnistheoretischen Umfeld bei der Klärung von Grundsatzfragen und -positionen, auch am ehesten von einem Denken über das Denken sprechen. Aber aus diesem analytisch-explikativen Denken der Erkenntnistheorie wird in dem Maße ein anschauendes Denken, wie es sich dem erlebten Denken zuwendet. Was sich schon in Wahrheit und Wissenschaft anbahnt, besonders aber im dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit abzeichnet, wenn Steiner dort, und zwar in durchaus synonymer Weise, nicht nur von einem Denken über das Denken, sondern auch einer Beobachtung oder Betrachtung des Denkens spricht. Und was man betrachtet - so viel ist schon dem allgemeinen Sprachgebrauch zu entnehmen - das schaut man auch an. Ob und wie weit Steiner selbst erst im Laufe der Jahre nach Erstausgabe der Philosophie der Freiheit zu einer genaueren, erkenntnispsychologischen Klärung des Verhältnisses Denken über das Denken und Anschauung des Denkens kam, wäre eine interessante Frage, kann hier aber nicht weiter thematisiert werden.

Dem normalen, bloß kombinierenden, Denken der Wissenschaft liegt ein naiver Gebrauch des Denkens zugrunde. Und zwar im doppelten Sinne naiv: Den Wissenschaftler interessiert ja nicht das Denken, sondern das Thema, worauf es sich richtet. Und in aller Regel ist er auch von erkenntniskritischen Fragen relativ unberührt. So daß er weder über das Denken, noch über erkenntniskritische Problemstellungen allzu viel weiß. In einer vergleichbaren, wenn auch erkenntniskritisch aufgeklärteren Lage, sind im Grundsatz auch Erkenntnistheoretiker, die - obgleich in erkenntnistheoretischen Kontexten - ebenfalls einen ganz naiven Gebrauch vom Denken pflegen, und letztlich nur dieses kombinierende Denken - diesmal auf alle möglichen erkenntniskritischen Grundlagenfragen von Wissenschaft und Erkenntnis - anwenden. Selbst dann, wenn sie dabei über das Denken denken. Sie kommen hinsichtlich des Denkens über diese naive Verwendungsstufe wenig oder gar nicht hinaus und lassen sich vorrangig von der logischen Struktur gewisser Problemstellungen leiten. Sie treiben zwar Erkenntniskritik, aber das Mittel, mit dem sie sie betreiben, verwenden sie selbst wiederum auf eine naive Weise dergestalt, daß sie es kaum wirklich kennen. Es ist gewissermaßen eine Naivität zweiten Grades. In bezug auf das Denken liefert also die Erkenntnistheorie - wenn sie denn überhaupt bis dahin gelangt - im wesentlichen Vorüberlegungen aber noch kaum Erkenntnis des Denkens im engeren und eigentlichen Sinne. Man könnte - von Steiner vielleicht einmal abgesehen - wahrscheinlich jede beliebige Erkenntnistheorie auf diese Sachlage hin durchsehen. Nicht so sehr im umfassenderen erkenntniswissenschaftlichen Zusamenhang, aber am Beispiel einer isolierten Fragestellung läßt sich das exemplarisch studieren bei Popper wenn er im Buch Das Ich und sein Gehirn, München 1982 dem Materialismus (S. 105 ff) zwar ein sehr schlagkräftiges Selbstwiderlegungsargument entgegenhält, aber über das Denken selbst - verkürzend gesagt - zu kaum einer brauchbaren Aussage kommt. (Ähnlich in Karl R. Popper, Objektive Erkenntnis, Hamburg 1984, S. 232 ff) So spricht er von Argumenten und Gründen. Er ist vorrangig am formalen Einwand und logischen Widersprüchen orientiert, aber das faktische Denken interessiert ihn in diesem Zusammenhang fast nicht. Er würde es als Gegenstand des Erkennens fraglos an die Denkpsychologie delegieren. (Siehe hierzu auch Poppers Logik der Forschung, 8. Aufl, Tübingen 1984, Kapitel I., Grundprobleme der Erkenntnislogik, S. 3 ff) Aus dem Blickwinkel der Erkenntnistheorie sogar mit einem gewissen Recht. Denn am Ausgangspunkt einer Erkenntnistheorie dürfen noch keine empirisch gehaltvollen Sachaussagen beigezogen werden, weil ja alles Empirische problematisch ist. Also im Prinzip auch das Denken. Die Wissenschaft - auch die des Denkens - findet in der Erkenntnistheorie ja erst ihre allgemeine Begründung, deswegen kann die Erkenntnistheorie selbst noch keine empirische Wissenschaft des Denkens im engeren Sinne sein, sondern bestenfalls eine Vorstufe dorthin. (Siehe hierzu etwa Rudolf Eisler, Einführung in die Erkenntnistheorie 2. Aufl. Leipzig 1925, S. 1 ff) Das wirkt in ihrer zugespitzten Form manchmal wie eine etwas paradoxe Forderung der Erkenntnistheorie; aber selbst Steiner hält sich wie eben gezeigt in Wahrheit und Wissenschaft zumindest programmatisch daran, wenn er am Ende von Kapitel 2 sagt, daß die Erkenntnistheorie in einer "rein didaktischen Verständigung über den Anfang einer Wissenschaft" bestehe, die in "rein selbstverständlichen analytischen Sätzen" zu verlaufen habe. Interessant ist allerdings in diesem Zusammenhang auch, daß er in den Vorbemerkungen zu dieser Schrift (S. 25), die Forderung nach Voraussetzungslosigkeit mit der hintersinnigen Bemerkung versieht: "... soweit das bei der Natur des menschlichen Erkenntnisvermögens möglich ist...".

Also könnte man sagen: Das Denken über das Denken findet in Form eines weitgehend naiv getätigten, weil unbekannten, Denkens am ehesten auf dieser Ebene rein selbstverständlicher analytischer Sätze über den Anfang einer Wissenschaft statt. Und soweit dort das Denken thematisiert wird, handelt es sich vorzugsweise um Vorüberlegungen hinsichtlich seiner Erkenntnis. Rigide trennen zwischen einem Denken über das Denken und einer Anschauung des Denkens kann man streng genommen nicht. Denn immer muß ja eine gewisse Erfahrung des Denkens, und sei sie noch so dürftig, in das Denken über das Denken eingang finden, sonst ließe sich darüber höchstens in dem Sinne denken, wie ein Blinder über die farbige Welt denkt. Dann aber wird daraus etwas qualitativ anderes in dem Maße, wie das Denken sich selbst zum ausdrücklichen empirischen Erkenntnisgegenstand wird. Ich meine dies zeigt sich auch sehr deutlich in der Philosophie der Freiheit: Spannt man das dritte Kapitel der Philosophie der Freiheit zwischen den Marken Denken über das Denken und Anschauung des Denkens auf, so enthält es methodisch und sprachlich alle Kennzeichen einer Region des Übergangs vom einen zum andern. Es dürfte eine analoge Übergangsregion sein, wie sie sich anfangs im Bewußtsein desjenigen findet, der sich auf den Weg der Philosophie der Freiheit begibt. Denn daß es von diesem geistigen Anschauen des Denkens alle möglichen qualitativen Abstufungen und Reifegrade in Richtung Imagination gibt, die auch durch systematische Übungen in Richtung der oberhalb der Imagination liegenden Erkenntnisstufen weiter ausgebaut werden können und müssen, halte ich für selbstverständlich. Was bei Steiner augenfällig fehlt - und darin liegt der Anlaß zahlreicher Verständnisprobleme -, das ist eine systematische und eingehende denkpsychologische Aufarbeitung des Zwischenbereichs vor dem Eintritt in die eigentlichen höheren Erkenntnisstufen. Das heißt: der gesamte Bereich der gewöhnlichen Denkpsychologie. Steiner war dieser Mangel übrigens sehr bewußt. Denn eben aus diesem Anlaß äußert er in der Schrift Von Seelenrätseln (GA-21, Dornach 1976, S. 170 f) den Wunsch, in einem psychologischen Laboratorium arbeiten zu können, um zu zeigen, wie das menschliche Wesen zum Schauen veranlagt ist. Genauer spricht er da nicht nur von sich, sondern von einem jeden, der auf dem anthroposophischen Gesichtspunkt steht. So ein Wunsch scheint mir kaum verständlich und überflüssig, gesetzt den Fall, in der Philosophie der Freiheit und den anderen philosophischen Frühschriften wäre bereits alles enthalten, was diese Veranlagung zum Schauen hinreichend demonstrieren könnte. Seine Anknüpfung an die Psychologie macht vielmehr deutlich, daß die Philosophie allein diese Aufgabe kaum bewältigen kann. Vielleicht wäre von diesem fehlenden Teil mehr als Rudimentäres vorhanden, wenn es Steiner, wie ursprünglich einmal beabsichtigt, gelungen wäre, eine philosophisch-akademische Laufbahn einzuschlagen. Die Dinge haben sich anders entwickelt, und so bleibt diese Aufgabe seinen Nachfolgern überlassen.

Damit das alles nicht nur abstrakt im Raum steht vielleicht noch ein pragmatischer Hinweis dazu, wie sich der Leser den Übergang zur Anschauung des Denkens plastisch verdeutlichen kann: Es gab vor einiger Zeit im Spiegel einen sehr bemerkenswerten Artikel über einen operierten Blindgeborenen, der das Sehen neu zu lernen hatte. Wenn man sich diesen Artikel vornimmt und sich die Frage vorlegt: Was muß der operierte Blinde tun, damit aus einer bloß visuellen Erfahrung eine visuelle Anschauung wird? dann erhält man eine gute Ausgangsbasis, indem man dieses Procedere auf das Denken überträgt und sich fragt: Was muß der Denker tun, damit aus einer bloßen Erfahrung des Denkens eine Anschauung des Denkens wird? - Ich meine nach dem Studium des Artikels müßte der aufmerksame Leser im Prinzip in der Lage sein diese Frage für sich selbst zu beantworten. Vielleicht wird in absehbarer Zeit der Artikel zu diesem Thema auf meiner Homepage erscheinen, den ich mir schon vor einiger Zeit vorgenommen hatte. Bislang fehlten mir Gelegenheit und Kraft dies zu tun. Bis es soweit ist, steht Ihnen als Navigationshilfe der Fragenkatalog der Vorschau zur Verfügung, an dem Sie sich orientieren können. Wenn Sie die dort aufgelisteten Fragestellungen abarbeiten, dann müßten Sie eigentlich mit dem Verständnis ziemlich genau dort ankommen, wo Sie hin wollen.

  • Siehe: Der sehende Blinde, in, Der Spiegel, Nr. 47, 18.11.2002 S. 190 ff. (Wieder abgedruckt unter dem Titel: Wie ein Blinder versuchte, das Sehen zu lernen, in: SPIEGEL special 4/2003, S. 140 ff)

  • Siehe zu diesem Thema auch meinen kritischen Briefwechsel mit Lutz Baar. Vor allem den Brief v. 02.12.02 )

Bei der Diskussion Peter Schneiders habe ich schon die These vertreten, daß Steiners Ausdruck der "unmittelbaren Anschauung" des Denkens nicht im zeitlichen Sinne zu verstehen ist, sondern im methodischen. Vor allem auch Steiners Hinweis: "Ein richtiges Verständnis dieser Beobachtung kommt zu der Einsicht, daß das Denken als eine in sich beschlossene Wesenheit unmittelbar angeschaut werden kann. Wer nötig findet, zur Erklärung des Denkens als solchem etwas anderes herbeizuziehen, wie etwa physische Gehirnvorgänge, oder hinter dem beobachteten bewußten Denken liegende unbewußte geistige Vorgänge, der verkennt, was ihm die unbefangene Beobachtung des Denkens gibt." (GA-4, S. 145), stützt diesen Gesichtspunkt. Die "Beobachtung" oder "Betrachtung" des Denkens und seine "unmittelbare Anschauung" stehen offensichtlich für denselben Sachverhalt. So, wie das Denken nur durch das Denken "unmittelbar" beobachtet oder betrachtet werden kann, und nicht durch ein zwischengeschaltetes, nur mittelbares methodisches Verfahren hirnphysiologischer oder neurobiologischer Art, so kann es auch nur durch das Denken "unmittelbar" angeschaut werden mit Hilfe beschreibender Begriffe, die sich ihm durch seine unmittelbare Betrachtung ergeben. So gesehen ist die Anschauung des Denkens etwa durch hirnphysiologische Begriffe lediglich eine mittelbare.

Dieses unmittelbare "Anschauen" des Denkens mittels deskriptiver Begriffe ist auch nicht gleichzusetzen mit der "intellektuellen Anschauung" reiner Begriffe und Ideen". Wir haben auch diesen Punkt bereits oben bei der Diskussion der Schneiderschen Schrift erwähnt. Der Begriff der "intellektuellen Anschauung" steht bei Steiner im engeren Kontext einer philosophischen Kritik des Sensualismus, und ist Teil seiner Strategie, die Grundstruktur des Erkennens in wahrnehmliche und begriffliche Anteile freizulegen. Er kennzeichnet lediglich des Gegebensein gewisser gedanklicher Entitäten und heißt soviel wie: mit der Denkform ist zugleich der Inhalt des Denkens gegeben. Steiner bezieht sich dabei in "Wahrheit und Wissenschaft" (S. 60) auf das Gegebensein von reinen Begriffen und Ideen, und zwar in dezidierter Abgrenzung zur philosophischen Ansicht, das Denken könne aus sich selbst heraus zu keinen Inhalten kommen. Er richtet sich hier gegen einen von Kant und seinen zeitgenössischen Vertretern unterstellten Sensualismus, dem er mit seinem Hinweis auf die intellektuelle Anschauung begegnet. Es geht also dabei um die Frage: Woher kommen die reinen Begriffe und Ideen? Und dazu sagt Steiner: Es sind reine, und nicht sensorisch fundierte, Schöpfungen des Denkens. Steiner stellt hier zwar ein Beobachtungsresultat dar, insofern seine Einschätzung des Charakters von reinen Begriffen und Ideen auf der Beobachtung des Denkens basiert, aber er thematisiert nicht die Methode der Denk-Beobachtung. Es geht nicht um die methodische Frage: Wie beobachten beziehungsweise erkennen wir das Denken? Oder : Wie ist uns das Denken in der Beobachtung gegeben?

An dieser Stelle sei eine erläuternde Bemerkung eingeflochten zu meiner Darstellung des Erinnerungsproblems, wie ich es im Jahrbuch 97 skizziert habe.108 Ich schrieb dort unter anderem (S. 226): "Alles was von Denkakten erinnerbar ist, muß einen Weg über das Denken genommen haben, da es ein weiteres Erkenntnisprinzip nicht gibt. Damit bleibt mir auch der Weg verschlossen, auf irgend einem anderen Wege von meiner Denktätigkeit unmittelbar Kenntnis zu erhalten als auf dem Wege des Denkens selbst. Ich muß also, während ich denke, mein Denken zugleich begrifflich, das heißt denkend, begleiten und diese Begleiterfahrung in eine erinnerbare Form bringen, anders bekäme ich lediglich Nachricht von den Denkinhalten, aber nicht von dem Tun selbst. Damit ist eine absolut "denkfreie" Erfahrung des Denkens keineswegs ausgeschlossen, vielleicht ist sie sogar die Regel, aber die Kompromißlosigkeit, mit der Rudolf Steiner den "Ausnahmezustand" skizziert, scheint mir etwas überzeichnet." Was die genannte Denkfreiheit der Denk-Erfahrung betrifft, so bin ich mir inzwischen in dieser Hinsicht wesentlich sicherer als seinerzeit, weil eine Klärung des Steinerschen Begriffes von Denk-Beobachtung damals noch nicht stattgefunden hatte. Indessen führt eine solche Klärung auf eben denselben Gesichtspunkt der Denkfreiheit der "reinen Erfahrung" des Denkens.

Was das Wissen um das "Tun" des Denkens und die "Kenntnis um die Denktätigkeit" angeht, so war damit ein beschreibendes Wissen oder Beobachtungswissen von diesem Tun des Denkens gemeint. Weil mir aber der Steinersche Beobachtungsbegriff seinerzeit nicht deutlich war, konnte ich auch den Unterschied nicht klar erkennen zwischen dem unmittelbaren Wissen um das Denkgeschehen und seine inhaltlichen Bezüge und dem Beschreibungs- oder Beobachtungswissen - das ist das Wissen um einen Denkbegriff, das sich erst aus einer denkenden Betrachtung der Denk-Erfahrung ergibt. Diese Differenzierung hat sich erst aus der Analyse des Beobachtungsbegriffes ergeben. Wir werden das weiter unten noch näher untersuchen. Von daher stand ich vor dem Rätsel, wie Steiner, wenn er die aktuelle Beobachtung des Denkens ausschließt, überhaupt zu einem Begriff des Denkens kommen könne.

Lorenzo Ravagli spricht (Jb 97, S. 88) von einer "Selbsterinnerung der eigenen Denktätigkeit" und ich meine, darin wäre ihm zuzustimmen, soweit unter dieser Erinnerung nicht das Bewußtsein der aktuellen Denktätigkeit zu verstehen ist, sondern jener Inhalt, auf den sich das beobachtende Denken richtet. Diese Erinnerungen sind insofern mit einer Erkenntnis verbunden, als ich weiß, es sind meine Erinnerungen und ich weiß auch ihren Inhalt anzugeben. Was aber mit dieser Erinnerung nicht gegeben ist, das ist ein Begriff des Denkens. Dieser läßt sich erst erwerben durch betrachtendes Denken über diese oder anhand dieser Erinnerungen oder "Erfahrungen des Denken", wie Steiner es nennt. Das, so glaube ich, ist aus dem bisher Dargelegten deutlich geworden und wird nachfolgend vielleicht noch etwas prägnanter werden. Man muß übrigens dieses Erinnern und Beobachten sich nicht zu statisch vorstellen, denn in der Realität laufen die Prozesse sehr dicht beieinander, das wird jeder anhand seiner eigenen Erfahrungen bestätigen. Das eine geht fließend in das andere über, so daß die zeitlichen Zäsuren zwischen Denken, Erinnerung und Beobachtung kaum auffallen und das "Danach" leicht übersehen wird. Eine labormäßige Beobachtung, wie sie etwa von Bühler vorgenommen wurde, ist ja eine hochkünstliche wissenschaftlich-experimentelle Ausnahmeveranstaltung, die wir im täglichen Leben in der Regel so nicht gegeben finden.

Ende Kapitel 9.1


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